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GEO Magazin Nr. 05/08 Seite 1 von 4


Höhlenforschung: In der Kammer der Kristallriesen

Tief unter der Wüste Chihuahua in Mexiko erforschen italienische Geologen die Geheimnisse eines einzigartigen Höhlensystems: Kolossale Säulen aus Selenit sind hier zu Labyrinthen verwachsen, die einer Fantasiewelt angehören könnten. Sie zu erkunden, birgt Lebensgefahr: Denn die Luft in den Höhlen des Minenorts Naica ist schwer wie Dampf - und so heiß, dass die Wissenschaftler sie nur für kurze Zeit ertragen können

Text von Tobias Zick

Diese Höhle, so einzigartig und unfassbar schön, die Krönung seines Forscherlebens: In ihr hätte er beinahe sein Leben gelassen. Dass sie gefährlich ist, wusste Paolo Forti. Einmal aber, bei einer Expedition im Frühjahr 2006, hat er seine Neugier nicht zügeln können und die „Cueva de los Cristales“, diese sagenhafte Kristallkammer tief unter der Wüste Chihuahua in Mexiko, ein paar Minuten zu lange bestaunt – bis ihre höllenheiße und feuchte Luft ihm die Sinne vernebelte. Er spürte plötzlich, wie Ohnmacht und Schwindel ihn überkamen. Wie er die Kontrolle über seine Harnblase verlor. Wie er hilflos um Atem rang.


Die Luft in den Höhlen des Minenorts Naica ist schwer
wie Dampf - und so heiß, dass die Wissenschaftler sie
nur für kurze Zeit ertragen können (Foto von: P. Petrignani/T. Bernabei/J. Osorio/G. Badino)
© P. Petrignani/T. Bernabei/J. Osorio/G. Badino
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Die Luft in den Höhlen des Minenorts Naica ist schwer wie Dampf - und so heiß, dass die Wissenschaftler sie nur für kurze Zeit ertragen können

Die Forscher riskieren ihr Leben

Mit letzter Kraft taumelte Forti gerade noch durch die Stahltür hinaus, triefend vor Schweiß, das Hämmern seines Herzschlags in den Ohren. Draußen betteten seine Kollegen ihn auf eine Liege, kühlten ihn mit Eisbeuteln unter Achseln und Nacken und flößten ihm literweise Elektrolyt-Lösung ein: Fortis Körpertemperatur war trotz des Schutzanzugs auf über 39 Grad Celsius gestiegen, sein Blutdruck hatte bedenkliche Werte erreicht. Erst nach knapp einer Stunde konnte er sich allmählich wieder aufrichten. Er weiß: Nur mit Glück ist er damals einem lebensgefährlichen Hitzschlag entronnen. Nun aber will er wieder zurück.



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Der Italiener Paolo Forti, Geologe, 62, ist einer der erfahrensten Höhlenforscher der Welt. Ein Mann von überbordender Energie: Wenn er in seinem Büro in Bologna von der unterirdischen Welt erzählt, die sich im Erdreich des mexikanischen Minenorts Naica verbirgt, von ihren göttlichen Kristallen, ihrem teuflischen Klima, dann kann er sich kaum auf dem Schreibtischstuhl halten. Seine Gesten überschlagen sich, und seine Stimme beginnt zu stocken: „Mein Arzt“, sagt Forti, „versucht mich immer wieder davon abzuhalten, in diese Höhle zu steigen. Er meint, für einen Mann meines Alters sei das nicht die angemessene Aktivität.“

Mit einem beseelten, zugleich entschlossenen Lächeln fügt er hinzu: „Mein Arzt ist ein kluger, sympathischer Mann. Aber er weiß natürlich, was er in diesem Fall mit seinem Rat machen kann.“ Forti leitet das Italienische Institut für Höhlenforschung, er war Vorsitzender der Internationalen Union für Speläologie, seit mehr als 40 Jahren erkundet er rund um den Globus die Geheimnisse jener Tiefen, in die kein Sonnenstrahl fällt. Er hatschon einiges an spektakulären Tropfsteinformationen, Kristalldrusen und Labyrinthen erlebt. Die Höhlen von Naica aber haben ihn vollkommen aus der Fassung gebracht, wie er gern zugibt. Schließlich: „So etwas hat die Menschheit noch nie gesehen, nicht einmal erträumt – außer in den Geschichten von Jules Verne vielleicht.“


Schon 1910 entdeckten
Bergarbeiter in den Silber- und
Zinkminen von Naica
zufällig die »Cueva de las
Espadas«, die Höhle der
Schwerter. Sie liegt 120 Meter
tief in der Erde - und
ist von kleineren Kristallnadeln
überwuchert (Foto von: P. Petrignani/T. Bernabei/J. Osorio/G. Badino)
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Schon 1910 entdeckten Bergarbeiter in den Silber- und Zinkminen von Naica zufällig die »Cueva de las Espadas«, die Höhle der Schwerter. Sie liegt 120 Meter tief in der Erde - und ist von kleineren Kristallnadeln überwuchert

Es ist ein Tag im Oktober 2002, an dem alle Gewissheiten, die Forti sich in seinem Forscherleben erarbeitet hat, ins Wanken geraten. Schon seit zwei Jahren kursiert in Speläologen-Kreisen der Bericht von zwei mexikanischen Bergleuten, die bei einer Sprengung in Naica, einer der weltgrößten Minen für Silber, Blei und Zink, eine Höhle mit Riesenkristallen entdeckt haben sollen. Unerträglich heiß sei die Luft darin, heißt es, und schwer wie Dampf. Kollegen von Forti haben diese Höhle bereits begutachtet. Und nun hat er endlich Gelegenheit, die legendäre Cueva de los Cristales mit eigenen Augen zu sehen. Gemeinsam mit drei anderen Forschern und einem Ingenieur der Minengesellschaft „Peñoles“ fährt er ihr entgegen: auf einer Straße, die sich unter der Chihuahua-Wüste in den Schächten der Silbermine immer tiefer ins Erdreich schraubt. 20 Minuten lang steuern sie so hinab. Dann, in 290 Meter Tiefe, biegt der Fahrer des Lastwagens plötzlich in einen engeren Tunnel ein und hält dort vor einer Tür.


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Kommentare zu "Höhlenforschung: In der Kammer der Kristallriesen"

Irene | 25.11.2013 15:25

Bin durch einen Bericht auf arte (glaub ich) auf den Namen dieser Höhle gestossen...so gewaltig !!!! was für ein Gefühl muss das sein, wenn man in selbst gesammelten Gips-Kristallen wie ein Floh selbst darin herum laufen könnte......bis zu 14 m hoch....kann man sich das vorstellen ????
Es gibt im Strahlenschutz Anzüge, die fremdbelüftet sind...ein Kühlaggregat dazwischen zuschalten müsste funktionieren, da auch der Motor (auf dem Rücken) für die Luftzufuhr gekühlt werden muss.....gibt sonst eklige Brandblasen......es gibt bestimmt Lösungen dafür !
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KURT | 12.01.2013 12:26

Wunderbarer artikel,shr,sehr intereresant Beitrag melden!

Heribert Offer | 16.12.2012 02:04

Hallo - ich bin auch erst durch den ARTE Beitrag darauf aufmeksam geworden und konnte es nicht glauben..was früher als fiktiv galt ( Riesenkristalle ) ist doch realität..toll Beitrag melden!

Wolfgang Knauer | 15.12.2012 18:20

Hallo GEO,

ich bin auf die Doku erst durch die erneute Ausstrahlung auf ARTE aufmerksam geworden. Auf Wikipedia gibt es weitergehende Infos, u.a. über den GEO-Artikel in Heft 5/08 (?), sowie diese Seite.
Meine Frage: Ist Ihnen bekannt, ob es 3D-Fotos von der Höhle gibt, bzw. wo man welche downloaden könnte?

Danke. W.Knauer. Beitrag melden!

vieirae | 08.12.2012 22:05

Eine bessere Rüstung ist der einzige Weg diesen Höhlensystem weiter zu untersuchen. Es braucht ein Kühlsystem (siehe Formel 1 Fahrer) und gut isolierte aber gleich leicht und bewegliche Anzüge (keine leichte technische Herausforderung) um so die Verweilzeit in der Höhle zu verlängern ... und ein entsprechendes Budjet.... Beitrag melden!

Giggi | 25.03.2010 17:19

Ich habe es eben auf den Sender Arte gesehen und bin so begeistert das ich gerne ein Buch mit Fotos von den Kristallen möchte ,leider konnte man in den Dokumentationsfilm nicht so viel sehen weil die Kamera immer beschlug ,es muß da eine ungeheure Hitze sein (habe gelesen wie ich ) einfach super ,auch ihr Artikel ,hochinteressant ,
Gruß
Giggi Beitrag melden!


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