Hauptinhalt
GEO Magazin Nr. 11/10 Seite 1 von 2


Internet mit Verfallsdatum

Warum wir dringend das Vergessen ins digitale Zeitalter retten müssen. Ein Plädoyer von Viktor Mayer-Schönberger


Viktor Mayer-Schönberger lehrt als Professor für Internet-Regulierung an der Universität Oxford. Sein Buch "Delete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten" erscheint bei Berlin University Press (Foto von: Enno Kapitza)
© Enno Kapitza
Foto vergrößern
Viktor Mayer-Schönberger lehrt als Professor für Internet-Regulierung an der Universität Oxford. Sein Buch "Delete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten" erscheint bei Berlin University Press

Eine Amerikanerin erzählt im Radio: Vor Jahren sei sie als Jugendliche zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Danach habe sie ein neues Leben begonnen, Arbeit gefunden, ihren Ehemann kennengelernt. Alles war gut. Bis eine Schulfreundin ihrer Tochter im Internet auf das alte Fahndungsfoto stieß. Auf einmal wandten sich Freunde von ihr ab, Eltern verbaten Kindern den Umgang mit den ihren. "Wie kann ich den Menschen klarmachen", fragt sie, "dass ich nicht mehr dieselbe Person bin wie damals? Sie beurteilen mich nur noch nach diesem einen alten Bild im Internet."

Immer häufiger zeigt das digitale Gedächtnis seine Schattenseiten. Einer anderen Amerikanerin wurde ihr Lehrerdiplom verweigert, nur weil sie ein ausgelassenes Foto von sich mit Piratenhütchen und einem Becher in der Hand ins Netz stellte, betitelt mit "Betrunkener Pirat". In Großbritannien verlor eine Frau ihren Job, weil sie ihn auf Facebook als "langweilig" beschrieben hatte. Was beim altmodischen Plausch in der Kaffeeküche gefahrlos gewesen wäre. Im Netz aber nicht.

Sogar ältere Menschen werden schon von ihren digitalen Spuren heimgesucht: Dem kanadischen Psychotherapeuten Andrew Feldmar, 70, wurde die Einreise in die USA verweigert, nachdem der US-Beamte an der Grenze ihn gegoogelt hatte. Dabei war er auf einen alten wissenschaftlichen Artikel gestoßen, in dem Feldmar über seine LSD-Erfahrungen aus den 1960er Jahren berichtet. Die Folge: USA-Verbot. Für immer. Unser aller Datenschatten wird regelmäßig von Fremden durchleuchtet.


Mehr zum Thema

Das Internet ist merkfähiger als unser eigenes Gedächtnis

Drei von vier Personalchefs geben an, dass sie bei jedem Bewerber routinemäßig im Internet nach negativen biografischen Details suchen und häufig auch fündig werden. Dabei wissen viele Menschen gar nicht, wie viel Information über sie digital "erinnerlich ist". Google etwa indiziert nicht nur jede Website, jeden Blog-Beitrag und jede Twitter- Meldung, sondern speichert auch eine Kopie davon und macht sie über "Google Cache" verfügbar - auch nachdem der Inhalt offiziell aus dem Netz genommen wurde. In digitalen Speichern lagern daher Dinge aus unserer Vergangenheit, an die wir uns selbst nicht mehr erinnern.

Das mag auf den ersten Blick vor allem ein Datenschutzproblem sein. Aber es geht um viel mehr: um das Vergessen im digitalen Zeitalter. Indem wir Menschen vergessen, entsorgen wir Erinnerungsmüll. Auch wenn wir uns manchmal ärgern, das Falsche vergessen zu haben, etwa wo unser Auto parkt oder wie die Geheimzahl der Bankkarte lautet - der Harvard-Psychologe Daniel Schacter ist überzeugt, dass das Vergessen eine zentrale Rolle in unserem Leben spielt. Nur indem wir Details der Vergangenheit vergessen, können wir abstrahieren; bleiben wir fähig, in der Gegenwart zu handeln. Die wenigen Menschen, die kaum vergessen können, beschreiben ihr extremes Erinnerungsvermögen meist als Bürde. Sie finden es schwierig, im Jetzt zu leben.

Und: Indem wir vergessen, vergeben wir auch. Würden wir uns permanent erinnern, dann blieben uns nicht nur die eigenen Fehler stets präsent, sondern vor allem die der anderen, denen wir dann kaum noch unbefangen begegnen könnten. Das alles war kein Problem, solange das Vergessen für uns Menschen die Regel war und das Erinnern (weil zeitaufwendig und teuer) die Ausnahme. Im digitalen Zeitalter aber hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Heute ist das Erinnern mithilfe digitaler Speicher zur Norm geworden. Digitale Speicher kosten nur noch 50 Millionstel ihres Preises vor 50 Jahren. Durch Volltextsuche in digitalen Netzen können wir in Sekunden Worte und Formulierungen wiederfinden. Unsere digitalen Werkzeuge speichern automatisch. Selbst die drei Sekunden "Denkarbeit", ob man eine Fotodatei speichern möchte oder nicht, kosten oft mehr als der dafür nötige Speicherplatz.



Seite 1 von 2

Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Kommentare zu "Internet mit Verfallsdatum"

wii1and | 03.11.2010 21:14

Ich palmierte mich fazial. Beitrag melden!

Infosocke (7/6) Bonus | 03.11.2010 20:56

Übrigens: Ich habe nicht nur meine Kommentare hier, sondern auch ihren Text in einem ganz klassischen .rtf-Dokument gespeichert, damit meine Inhalte vor Zensurdeppen, Blockwarten, Löschtrolls und Textfaschisten geschützt sind und um inhaltliche Änderungen nachvollziehen zu können. Auch das würde nicht durch digitale Bücherverbrennung im Internet beseitigt werden. Wollen Sie nun zu mir nach Hause kommen und dies persönlich erledigen? Ich bin gespannt. Ihre leichtfertigen Aussagen sind somit auch so dauerhaft erhalten. Und wenn Sie irgendwann mal als Minister für neue Medien kandidieren wollen, diese blöden Aussagen können Sie auch mit "Verfallsdatum" nicht vernichten. ;) Beitrag melden!

Infosocke (6/6) | 03.11.2010 20:46

Herr Doppelname-Schönberger, wenn Sie mit dem Internet nicht zurecht kommen, sie müssen es nicht nutzen! Und wenn Sie es doch möchten, wenden Sie sich ruhig vertrauensvoll an mich, ich erkläre ihnen das dann mal von Anfang an. Meine Emailadresse wird und darf ihnen ruhig die böse Datenkrake Geo.de geben, die mich dazu zwingt eine Emailadresse anzugeben. Da ich im Gegensatz zu den Artikelschreibern hier aber nicht so unbedarft bin was solche Dinge angeht, habe ich mir bereits im letzten Jahrtausend für verschiedene Zwecke zig Pseudonyme und Emailadressen und Wegwerfadressen usw zugelegt, welche keine bis kaum Verbindung miteinander haben und je nach Einsatzzweck ebenso wenig meine reale Identität erkennbar macht. MfG Infosocke Beitrag melden!

Infosocke (5/x) | 03.11.2010 20:35

"Das mag auf den ersten Blick vor allem ein Datenschutzproblem sein. Aber es geht um viel mehr: um das Vergessen im digitalen Zeitalter." Das ist kein Datenschutzproblem des Internets, das habe ich ja bereits vorher erklärt. Das hier ist ein weiteres Problem mit Leuten die keine Ahnung vom Internet haben, dies aber gern zensieren möchten. Wie Schäuble, Pornosteffi ab und zu Guttenberg, die beim Kinderpornosender RTL2 die Big Brother-Zuschauer mit Erzählungen über sexuelle Geschichten vermeintlicher kleiner Mädchen bedient, die Wahrheit alte Schrabnellen sind, die sich im Internet aktiv an Leute heran machen, um diese u. a. aus monetären Gründen zu "enttarnen", völlig abseits eines Rechtsstaats zu diffamieren und Vorzuverurteilen.

"Digitale Speicher kosten nur noch 50 Millionstel ihres Preises vor 50 Jahren."
Skandaaaal! Und vor FÜNFZIG Jahren? Meh. -.- Für eine von Konrad Zuse mundgeklöppelte Speicherscheibe würde ich auch mehr zahlen als für den Plaste-Chinakram.

(...) Beitrag melden!

Infosocke (4/x) | 03.11.2010 20:35

"Drei von vier Personalchefs geben an, dass sie bei jedem Bewerber routinemäßig im Internet nach negativen biografischen Details suchen und häufig auch fündig werden."
Dafür gibt es Pseudonyme! Und einem sollte klar sein, was man IRGENDWO veröffentlicht oder besser nicht. Da hilft Bildung und ein eingeschaltetes Gehirn.

"Dabei wissen viele Menschen gar nicht, wie viel Information über sie digital "erinnerlich ist". Google etwa indiziert nicht nur jede Website, jeden Blog-Beitrag und jede Twitter- Meldung, sondern speichert auch eine Kopie davon und macht sie über "Google Cache" verfügbar - auch nachdem der Inhalt offiziell aus dem Netz genommen wurde."
Dabei wissen viele Medien und deren Schreiberlinge gar nicht, wie Google funktioniert. Der Google Cache speichert nicht für immer und alle Versionen von Webseiten. Und mit einfachen Steuerbefehlen kann man Google sagen er soll nicht spidern oder cachen, dann macht Google das auch nicht. Wie gesagt: Fehlende Bildung, auch beim Autor.

.. Beitrag melden!

Infosocke (3/X) | 03.11.2010 20:35

"In Großbritannien verlor eine Frau ihren Job, weil sie ihn auf Facebook als "langweilig" beschrieben hatte."
Wieder: Nicht das Internet, sondern fehlende Arbeitsschutz- und Diskriminierungsgesetze, sowie der Staat und Arbeitgeber ansich ist das Problem! Alternativ die Medien, wenn sie nicht richtig recherchieren und/oder schlampig schreiben.

"Dem kanadischen Psychotherapeuten Andrew Feldmar, 70, wurde die Einreise in die USA verweigert, nachdem der US-Beamte an der Grenze ihn gegoogelt hatte. Dabei war er auf einen alten wissenschaftlichen Artikel gestoßen, in dem Feldmar über seine LSD-Erfahrungen aus den 1960er Jahren berichtet. Die Folge: USA-Verbot. Für immer."
Wieder: Problem ist die beknackte USA mit ihren unübertroffen dämlichen Gesetzen. Dieser paranoide Staat verweigert auch Menschen aufgrund ihrer Kleidung, ihrem Beruf, ihrem Aussehen, ihren Hobbys (...) die Einreise.

(...) Beitrag melden!

Infosocke (2/) | 03.11.2010 20:35

"Wie kann ich den Menschen klarmachen", fragt sie, "dass ich nicht mehr dieselbe Person bin wie damals?"
Da könnte ein gutes Bildungssystem helfen, was in der USA bisher nicht existiert. Notfalls kann man dies aber wunderbar MIT dem Internet machen, was einem Berichterstattung, Richtigstellung erlaubt, ohne auf den Staat oder Presse angewiesen zu sein, die z. B. wie die BILD mehr schadet als nutzt.

"Immer häufiger zeigt das digitale Gedächtnis seine Schattenseiten."
Örks. "Immer häufiger machen Leute Sachen schlecht, von denen sie überhaupt keine Ahnung haben." Gibt es dazu auch Fakten, statt hohler Phrasen?

"Einer anderen Amerikanerin wurde ihr Lehrerdiplom verweigert, nur weil sie ein ausgelassenes Foto von sich mit Piratenhütchen und einem Becher in der Hand ins Netz stellte, betitelt mit "Betrunkener Pirat"."
Offensichtlich ist das Gesetz, der Gesetzgeber, also der Staat das Problem, welches diese Diplomverweigerung ermöglicht. Ursache -> Wirkung. Ist ganz einfach!

(...) Beitrag melden!

Infosocke | 03.11.2010 20:34

Okay, gehen wir das mal der Reihe nach durch:

"Eine Amerikanerin erzählt ... sei sie als Jugendliche zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden."
Ich nehme an es ist die USA gemeint und nicht Kanada oder eins der anderen zahlreichen amerikanischen Staaten zwischen Nord- und Südamerika. Geographie, Geo?

In den USA ist es so gut wie normal, dass man im Leben mal verhaftet wird. Sei es weil man als 18-Jähriger illegal ein Bier statt einer geladenen Schusswaffe in der Hand gehabt hat, oder weil man einen Cop nicht mit "Sir" angesprochen hat oder oder oder.

"Bis eine Schulfreundin ihrer Tochter im Internet auf das alte Fahndungsfoto stieß."
Das ist kein Problem des Internets, sondern des Einstellers. Und das ist der US-Staat, der die Bürger an den Pranger stellen will und dies auch macht.

"Auf einmal wandten sich Freunde von ihr ab, Eltern verbaten Kindern den Umgang mit den ihren."
Diese Charakter- und Denkschwäche wird nicht durch das Internet erzeugt, eher durch Privat-TV, Springer Beitrag melden!

Kai Nebe | 03.11.2010 09:39

NEIN! Jeder trägt selbst die Verantwortung dafür was er ins Netz stellt. Mit einer Ausnahme (Kriminalität: z.B sexueller Mißbrauch oder Aufruf zur Gewalt)
Wer hat ein Interesse daran das Internet mit Verfallsdatum zu generieren?
...Die Unbestechlichen... Beitrag melden!


Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!


Bitte geben Sie eine Empfänger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empfängers werden ausschließlich zu Übertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!