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Blitze: Wenn der Himmel explodiert

Weltweit fordern Blitze Jahr für Jahr mehrere Tausend Todesopfer. Und noch immer rätseln Forscher, wie genau das Himmelsleuchten entsteht

Text von Martin Paetsch

Am Abend des 8. Dezember 1963 dreht der Flug 214 der Gesellschaft Pan American eine Warteschleife über dem Nordosten des US-Bundesstaates Maryland. Die Landung in Philadelphia verzögert sich, der Pilot der Boeing 707 will auf ein Abflauen des Windes über dem Zielflughafen warten. In 1500 Meter Höhe fliegt die im Funkverkehr auch "Clipper" genannte Pan-Am-Maschine durch Wolken und leichten Regen - genau wie es der Wetterbericht für diese Region vorhergesagt hat.


Ausbruch des Vulkans Chaitén in Chile, Mai 2008: Elektrisch geladene Partikel in den Aschewolken verursachen Blitzentladungen (Foto von: Carlos Gutierrez/UPI/laif)
© Carlos Gutierrez/UPI/laif
Ausbruch des Vulkans Chaitén in Chile, Mai 2008: Elektrisch geladene Partikel in den Aschewolken verursachen Blitzentladungen

Doch dann, um 20.58 Uhr, erreicht die Flugkontrolle in Philadelphia unvermittelt ein Hilferuf: "Mayday, Mayday, Mayday! Clipper 214 außer Kontrolle.“ „Clipper 214 stürzt brennend ab", meldet sich Sekunden später der Pilot einer zweiten, in der Nähe kreisenden Maschine. Etwa zur gleichen Zeit beobachten Zeugen am Boden ein leuchtendes Zucken am Nachthimmel, dann einen Feuerball. Danach regnen Trümmer herab.

Keiner der 81 Insassen überlebt das Unglück. Die Untersuchung ergibt: Ein Blitz war in die Tragfläche eingeschlagen und hatte Treibstoff im Reservetank entzündet. Die Explosion riss die Maschine im Flug auseinander. Der Absturz gilt bis heute als eine der schlimmsten durch Blitzschlag ausgelösten Katastrophen. Zwar wird ein Verkehrsflugzeug im Schnitt einmal pro Jahr vom Blitz getroffen. Doch gehen die meisten dieser Vorfälle glimpflich aus – auch deshalb, weil nach dem Unglück von 1963 die Bauweise der Tanks verbessert wurde.

Genau vorhersagen lassen sich die Einschläge nicht. Es ist diese Unberechenbarkeit, die Flug 214 zum Verhängnis wurde – und die Menschen seit jeher an diesem Naturphänomen fürchten. Weil Blitze zudem oft Gebäude, Bäume oder andere erhöhte Punkte treffen, galten sie jahrtausendelang als übernatürliche Kräfte.

Die Griechen glaubten, in dem himmlischen Zucken entlade sich der Zorn des Göttervaters Zeus. Bei den Germanen schlug Thor mit seinem Hammer Mjöllnir die Funken, während sein Wagen donnernd über die Wolken fuhr. Und in der chinesischen Mythologie war gleich ein ganzes Gremium aus fünf himmlischen Würden-trägern für die Gewitter verantwortlich – den Vorsitz hatte Donnergott Lei Tsu.

Bis in die Neuzeit hinein versuchten die Menschen in Europa, ein Gewitter etwa durch Glockenläuten zu vertreiben – doch es half nichts. Im Gegenteil: Weil Blitze besonders häufig in Kirchtürme einschlugen, wurden dabei oft auch die Glöckner zum Opfer. So klagte 1784 beispielsweise der bayerische Astronom Johann Nepomuck Fischer, das „leidige Wettergeklingel“ habe im Verlauf von 33 Jahren 103 Menschen das Leben gekostet.

Viele Bauwerke traf es gleich mehrmals. So wurde der fast 100 Meter hohe Markusturm in Venedig zwischen 1388 und 1766 mindestens neunmal durch Blitzschlag beschädigt oder zerstört. Dann ließen die Domherren einen Blitzableiter installieren – und seither ist das Wahrzeichen von der Wettergewalt verschont geblieben. Erst diese 1752 von dem US-Amerikaner Benjamin Franklin erfundene Vorrichtung brachte einen wirksamen Schutz: Dabei leitet ein Metallstab auf dem Dach einen einschlagenden Blitz direkt in den Erdgrund – und bewahrt so Gebäude und Bewohner vor größerem Schaden.

Trotz solcher Vorsichtsmassnahmen richten Blitze noch immer Zerstörungen an. Sie können Kommunikationsnetze unterbrechen und verursachen etwa in den USA jeden dritten Stromausfall. Manchmal setzen sie auch empfindliche Elektronik außer Kraft – beispielsweise in Fabriken oder Kraftwerken, wo solche Ausfälle im schlimmsten Fall katastrophale Auswirkungen haben.

Nicht immer bleibt es bei Sachschäden. Obwohl heute deutlich weniger Menschen im Freien arbeiten als noch vor wenigen Jahrzehnten – und vom Blitz Getroffene oft schnell genug medizinisch versorgt werden –, sterben jedes Jahr zwischen vier und zehn Menschen in Deutschland am Blitzschlag. Weltweit fordert das Himmelsphänomen mehrere Tausend Todesopfer pro Jahr, schätzen Experten.



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