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Indonesien: Tödlicher Schlick
Im Osten der Insel Java ist die Welt aus den Fugen geraten. Seit Mai 2006 strömt hier unaufhörlich aschgrauer Schlamm aus den Tiefen der Erde. Unter seinen Massen erstickt das Leben einer ganzen Region. Rettung verspricht ein Mann aus Texas, der im ersten Irak-Krieg brennende Ölfelder gelöscht hat
Die Szene erscheint einem
seltsam vertraut, sie könnte
aus einem Katastrophenfilm
stammen. Das Unglück
hat bereits verheerende Ausmaße
angenommen, doch da ist einer,
der dem Schrecken die Stirn bietet.
Somerset Tower, ein Hochhaus
am Stadtrand von Surabaya,
im Osten der indonesischen Insel
Java, 18. Etage, es ist zehn Uhr
morgens. Im Konferenzraum hat
gerade der Krisenstab getagt. Jim
LaGrone ist anschließend in sein
Büro gegangen, mit den Männern
auf dem Flur hat er sich nicht
viel zu sagen. Die meisten hier
wollen die Katastrophe verwalten.
LaGrone will sie beenden.
LaGrone arbeitet für „Boots & Coots“. Wenn auf irgendeinem Ölfeld die Dinge außer Kontrolle geraten, schicken Boots & Coots jemanden aus Houston, Texas, der sie wieder ins Lot bringt. Jim LaGrone, Jahrgang 1957, studierter Chemotechniker, gilt als einer ihrer besten Leute; während des Irak-Kriegs im Jahr 2003 hat er im Süden des Landes, die brennenden Ölquellen gelöscht. LaGrone weiß, dass man sich den Gewalten nicht entgegenstemmen darf. Man muss zu ihrem Ursprung vordringen.
In LaGrones Büro wirkt alles so,
als bräuchte man sich keine Sorgen
zu machen um einen raschen
und guten Ausgang der Geschichte.
Hier sitzt niemand, der sich auf
einen längeren Aufenthalt eingestellt
hat. Über den Stühlen klebt
noch die Schutzfolie. Der Schreibtisch
ist leer. Gepackt, sagt LaGrone,
habe er für zwei Wochen, in
Aussicht auf ein schnelles Ende. Es
ist Dienstag, der 7. November 2006,
Jim LaGrones 68. Tag vor Ort.
Es gibt keine Gewissheiten
mehr in diesem Winkel der Welt.
Seit dem Morgen des 29. Mai
2006 ist im Osten der Insel Java
die Erde undicht. Erst pfiff nur
ein dünner Strahl in den Himmel
über Sidoarjo. Im Juni hatte sich
das Loch geweitet, täglich entlud
es 50 000 Kubikmeter Schlamm.
126 000 waren es im September.
176 000 im Dezember, stündlich
genug, um 48 000 Badewannen
zu füllen, 800 in jeder Minute.
Jahrmillionenalte geologische
Substanzen kochen hier hoch, 100 Grad Celsius heiß und zähflüssig
wie Malerfarbe,
ein Teil Feststoffe
auf zwei Teile Wasser. Der
Schlamm hat 5000 Häuser verschüttet,
er hat Reisfelder begraben,
Fabriken, Schulen, Moscheen
und die Toten ein zweites Mal.
Man muss dem Unglück gar
nicht nah sein, um seine Folgen
zu spüren. Viereinhalb Stunden
dauert die Fahrt von Surabaya
nach Sidoarjo. Eine halbe Stunde
für die ersten 30 Kilometer. Vier
Stunden für den letzten. Der
Schlamm hat die Autobahn teilweise
überschwemmt, er bedroht
die Bahnlinie, er drängt sich in
das Leben einer ganzen Region.
Er ist kurz davor, auch in Mariana
Zuhris Leben anzukommen.
Ihr Haus ist das letzte im Dorf
Kedungcangkring. Wenn sie die
Vordertür öffnet, sieht Mariana
Zuhri, 32, ihre drei Kinder auf der
Veranda spielen, Kübel mit Bougainvilleen,
Hühner, Ziegen, eine
stummelschwänzige Katze, links,
rechts, überall Normalität.
Macht Mariana Zuhri aber die
Hintertür auf, ist die Welt, die
dann erscheint, grau und riecht
nach Tankstelle. Dämme sieht sie
und dort, wo früher plattes Land
war, einen hohen Berg. Aus dessen
Gipfel steigt eine Dampfwolke.
Manchmal, sagt Mariana
Zuhri, käme es ihr vor, als lebe
dort ein Wesen, das Schlamm
ausatme, mehr und mehr.
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Kommentare zu "Indonesien: Tödlicher Schlick"
15.2.2012 - Was ist in der Zwischenzeit passiert? Wurde der Dreckvulkan gestoppt oder hat er sich selber beruhigt)?
Hier zwei Links dazu: http://www.spiegel.de/video/video-18551.html Erstens ein Video auf Spiegel.de mit einem Bericht über den Schlammvulkan. Hier ein Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Schlammvulkan_auf_Java
Warum wird dieser Sachverhalt eigentlich in keinem anderen Medium abgesehen von GEO thematisiert? Das ist ja grade so, als ob es so irrelevant wäre, wenn Tausende Menschen ihre Heimat verlieren - kann mir das jemand erklären???