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Zahnmedizin: Neues vom "Bohrer"
Eine Revolution der Behandlungsmethoden, so eine Bestandsaufnahme, hat im Mund stattgefunden – und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Hauptziel ist der effektive und schmerzfreie Eingriff.
Beim Zahnarzt geht es zu wie auf einer Baustelle: bohren, schleifen, versiegeln, füllen – und der Auftraggeber leidet. Neue Methoden versprechen allerdings, die Pein zu lindern. Schmerzarm soll die Sitzung im Dentistenstuhl werden, neue Verfahren sollen den Bohrer ersetzen oder vor Karies schützen. Und verschönern sollen sie obendrein.
Um den Zahnkranken die Angst vor der lärmenden Prozedur zu nehmen, setzen einige Dentisten auf Hypnose und Selbstsuggestion. „Wir bitten die Patienten, sich an ein angenehmes Erlebnis zu erinnern und dieses mit wenigen Worten zu umschreiben“, sagt Albrecht Schmierer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose, die bereits 374 Spezialisten zählt. Mühelos verwandelt die Fantasie dann das Bohrgeräusch in knatternde Motorräder auf Reisen, die Untersuchungslampe in die wärmende Sonne am Strand. Bei vier von fünf Menschen wirke diese Methode, berichtet Schmierer, nur noch ein Viertel der üblichen Medikamentendosis müsse er spritzen, um die Nerven malader Zähne zu betäuben.
Ein anderes Verfahren soll den Bohrer ersetzen. So weicht etwa das Carisolv-Gel kariöses Dentin (Zahnstein) auf; und der Zahnarzt schabt es nach 30 Sekunden ab. Allerdings: „Die Karies wird mühsam Schicht für Schicht abgetragen, was das Verfahren zeitaufwendig macht“, kritisiert Adrian Lussi, Zahnmediziner an der Universität Bern. Und oft müsse man trotzdem bohren, um die harte Schmelzschicht des Zahns zu überwinden.
Wesentlich schneller und ebenfalls nahezu schmerzfrei gelingt die Kariesentfernung mithilfe eines Erbium-Lasers. Der Physiker Raimund Hibst vom Institut für Lasertechnologien in der Medizin und Messtechnik in Ulm hat dazu in Zusammenarbeit mit Lussi ein spezielles Detektionsverfahren entwickelt, sodass der Laser selbstständig zwischen kranker und gesunder Zahnsubstanz unterscheiden kann. Die Technik nutzt dabei, dass sich Karies bei Beleuchtung mit rotem Licht durch infrarote Fluoreszenzstrahlung verrät. Damit lassen sich selbst versteckte Krankheitsherde aufspüren, die der Laser dann unter Beschuss nimmt.
Damit die Erreger erst gar nicht in den Zahnbauch gelangen, versiegelt John Featherstone, Zahnforscher an der University of California in San Francisco, die kraterförmigen Gebilde auf der Zahnfläche mit Laserstrahlen.
An einem umfassenden Schutz arbeiten derzeit Ärzte vom Forsyth Institute in Boston: Wie Kinder heute gegen Mumps oder Röteln geimpft werden, könnte man sie schon bald auch gegen Karies wappnen. Die Forscher tüfteln an einem Vakzin, das Lebensmitteln beigemischt werden soll. Der Impfstoff hat das Bakterium Streptococcus mutans im Visier. Streptokokken gelten als aggressivste Schädlinge unserer Zähne. Sie produzieren eine klebrige Masse, die es ihnen erleichtert, an den Zähnen zu haften. Anstatt den Erreger direkt anzugreifen, konzentriert sich der Impfstoff auf ein Enzym, das die Klebemasse produziert. Beraubt man die Bakterien dieses Ankers, werden sie beim Zähneputzen einfach weggespült.
Kinder, so die Wissenschaftler, sollten den Impfstoff bereits im Alter von 18 Monaten erhalten – bevor die Bakterien die Mundhöhle besiedelt haben. Dann sei einer lebenslanger Schutz möglich.
Jeffrey Hillman von der University of Florida in Gainesville hat ein höheres Ziel vor Augen: Der Spezialist für orale Biologie will Karies weltweit ausrotten. Dafür hat er ein gentechnisch verändertes Bakterium gezüchtet, das im Gegensatz zu seiner unliebsamen Verwandtschaft keine Karies fördernde Milchsäure produziert. Spülte man den Mund von Kleinkindern mit dem genetisch manipulierten Stamm, so Hillmans Überlegungen, dann würde dieser in der Nische siedeln, die sonst die schädigenden Streptokokken einnähmen.
Doch solange sich Karies und Baktus noch erfolgreich durchfressen, müssen sie entfernt und die Löcher gestopft werden. Gelatine, mit kalzium- und fluoridhaltigen Phosphatlösungen versetzt, könnte Amalgam und Keramik als Füllmaterial ablösen. Susanne Busch vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden hat aus diesem Mix künstlichen Zahnschmelz gezüchtet; aus der Mischung bilden sich winzige Kollagen-Apatit-Kristalle – eine Verbindung, die dem Zahnschmelz recht ähnlich ist. Allerdings, so Busch, dauere es mehrere Monate, bis Kugeln von etwa einem Millimeter Durch- messer heranwachsen.
Auch Songtau Shi vom National Institute of Dental and Craniofacial Research bei Washington, D. C., möchte defekte Zähne erneuern und hat dafür Stammzellen aus gezogenen Weisheitszähnen gefiltert.
In einer Nährlösung vermehrte er sie, vermischte sie mit Knochenmineralien und spritzte sie unter die Haut von Labormäusen. Zwei Monate später untersuchte er die Stelle und entdeckte dort Zahnbein und -mark, das dem menschlichen Gewebe glich.
Ebenso wie die fleckige braune Karies plagt die Parodontitis viele Menschen. Schätzungsweise 80 Prozent aller Erwachsenen leiden an jener Entzündung, bei der sich zwischen Zahn und Zahnfleisch Bakterien ansiedeln und dort Enzyme und Giftstoffe bilden. Die Kollagenfasern, mit denen der Zahn im Kieferknochen verankert ist, lösen sich auf, und das Zahnfleisch schrumpft.
Kieferchirurgen um Ronald Schimming von der Universitätsklinik in Freiburg haben nun eine Methode entwickelt, die zwar nicht gegen Parodon-titis hilft, aber geeignet ist, fehlende Mundschleimhaut zu ersetzen, etwa nach Tumorerkrankungen oder für den besseren Sitz von Prothesen. Schimming entnahm der Mundschleimhaut einige Zellen, fügte Blutserum hinzu – und konnte nach vier Wochen zwei bis drei Zellschichten des Gewebes ernten und den Patienten einsetzen. Um größere Defekte abzudecken, lässt der Chirurg Zahnfleischstückchen unter der Unterarm-Haut heranwachsen.
Doch manchmal kommt jede Therapie zu spät – und der Zahn fällt aus. Schon die alten Ägypter wussten sich da zu helfen: Das älteste je gefundene Implantat zählt 3000 Jahre und steckte als Kupferstift im Oberkiefer eines ägyptischen Königs. Heute drehen Kieferchirurgen Titanschrauben in den Kieferknochen. Je fester die Schraube im Knochen sitzt, desto eher kann das Implantat mit Keramik bestückt werden – und der Geplagte wieder kraftvoll zubeißen. Um Knochenlücken zu füllen, wollen einige Chirurgen Wachstumsmittel verwenden, welche die Knochenneubildung anregen.
Ein neues Verfahren namens Salsa – von Göttinger Zahnmedizinern entwickelt – erlaubt es sogar, den Zahnersatz durch eine Öffnung von nur fünf Millimetern im Knochen zu montieren. Der Vorteil der Schlüssellochtechnik: Die Chirurgen müssen nicht – wie bisher – der Hüfte Knochen entnehmen, um Löcher im Kieferknochen aufzufüllen.
Manchmal jedoch kommt die Rettung für Zahnlose ganz unverhofft: Der Russin Maria Wasiljewa, so berichtete die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti, seien drei Zähne nachgewachsen – und das im stolzen Alter von 104 Jahren.
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