GEO Magazin Nr. 08/02 - Lebenslauf-Forschung Seite 1 von 1
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Erfolgreiches Altern

Paul Baltes ist Entwicklungspsychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er hat in den 1970er Jahren die Forschungsrichtung »Entwicklungspsychologie der Lebensspanne« mitbegründet und gehört zu den international führenden Köpfen der Alternsforschung.


 (Foto von: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung)
© Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
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GEO: Wir alle altern, ein Leben lang. Sie haben als Entwicklungspsychologe das Schlagwort vom erfolgreichen Altern mitgeprägt. Was bedeutet das?

Paul Baltes: Es macht zunächst deutlich, dass Altern nicht nur biologisches Schicksal bedeutet, sondern dass die Gesellschaft und auch die alten Menschen es selber mitgestalten können. Natürlich lassen im Alter bestimmte Fähigkeiten wie Sehschärfe, Gehör und Gleichgewichtssinn nach. Der Geist arbeitet nicht mehr so effizient wie früher. Deshalb sollten wir lernen, mit dem biologischen Verlustgeschäft des Alterns umzugehen – also die Kunst, mit den eigenen Grenzen zu leben und zu zeigen, wie Kultur und Geist den Körper überlisten können. Erfolgreiches Altern ist somit die Fähigkeit, auch im späten Leben eine möglichst positive Gewinn-Verlust-Bilanz zu erreichen.


GEO: Eine Fähigkeit, die wir erst mit 60 oder 70 brauchen?


Paul Baltes: Natürlich nicht. Schließlich versuchen wir in jedem Lebensalter, unsere Entfaltungsmöglichkeiten und Gewinne zu optimieren. Ein von uns entwickeltes Modell beschreibt, wie wir dies am besten mitgestalten können: durch selektive Optimierung mit Kompensation, abgekürzt SOK. Danach sind es drei Strategien, deren Zusammenspiel uns eine erfolgreiche lebenslange Entwicklung ermöglicht. Erstens Selektion: Wir wählen aus den vorhandenen Lebensmöglichkeiten diejenigen aus, welche wir verwirklichen wollen. Zweitens Optimierung: Wir suchen geeignete Mittel, um das Gewählte möglichst gut zu tun. Und drittens Kompensation: Wenn Mittel wegfallen, reagieren wir darauf flexibel. Wir suchen neue Wege, unseren Zielen näherzukommen.


GEO: Tut das nicht sowieso jeder Mensch?


Paul Baltes: Das könnte man in der Tat so meinen. Es gibt aber mindestens drei Gründe, warum dies nicht so ist. Erstens: Die Forschungen, die ich vor allem mit Alexandra Freund durchgeführt habe, zeigen, dass man das orchestrierte Dirigieren von Selektion, Optimierung und Kompensation lernen muss, es ist ein lebenslanger Entwick-lungsprozess. Zweitens: Eines der wichtigsten Ergebnisse psychologischer Forschung ist, dass Wissen und Handeln ganz und gar nicht dasselbe sind. Denken Sie an den Unterschied zwischen moralischem Wissen und moralischem Handeln. So ist es auch mit SOK. Drittens, und damit zusammenhängend: Es fällt vielen Menschen sehr schwer, nicht alles im Leben zu wollen, sich von einzelnen Optionen zu trennen und sich energisch nur auf einen Teil der Lebensoptionen auszurichten. Dass die Hälfte mehr als das Ganze sein kann – um den griechischen Dichter Hesiod zu zitieren –, ist eine tiefe Einsicht. Nur wenige vollziehen sie.


GEO: Welche Vorteile bringen die drei Lebensstrategien Selektion, Optimierung und Kompensation?


Paul Baltes: Menschen, die auswählen, optimieren und kompensieren, geht es deutlich besser als solchen, die sozusagen gleichzeitig auf vielen Hochzeiten tanzen – und zwar von Jugend an. Das zeigen unsere Studien. Diese Männer und Frauen haben, was wir eine bessere adaptive Fitness in der Lebensgestaltung nennen: Sie konzentrieren sich auf die Bereiche, in denen sie sich entfalten wollen und können. Gleichzeitig können sie gut mit Verlusten umgehen, gelegentlich sogar aus Verlusten einen Vorteil ziehen. Gerade in Situationen der Begrenzung zeigt sich der Meister.


GEO: Wer auswählt, könnte man also sagen, setzt Lebensschwerpunkte – und sicher sehr individuelle. Doch bestimmte Entscheidungs-Konstellationen tauchen wohl immer wieder auf ...


Paul Baltes: Sicher. Wir haben junge Erwachsene untersucht, die ihr Familien- und Berufsleben koordinieren mussten. Diejenigen, die sich zuerst mehr auf den Beruf und dann mehr auf die Familie konzentrierten oder umgekehrt, fühlten sich drei Jahre nach der Befragung in diesen Lebensbereichen deutlich wohler als jene, die keine solchen klaren Prioritäten gesetzt hatten. Und dieser Effekt war umso größer, je mehr dabei auch kompensatorische Strategien eingesetzt wurden – wie etwa: andere um Hilfe zu fragen, den im Haushalt weniger aktiven Partner zur Mitarbeit zu drängen, oder im Haushalt "Outsourcing” einzuführen, also eine Hilfe zu beschäftigen. Dies ist fast ein Paradox: Gesteuerte "Abhängigkeit von anderen” hat auch befreiende Wirkung, was den eigenen Zeit- und Energiehaushalt betrifft.


GEO: Können sie ein Beispiel für Selektion, Optimierung und Kompensation im Alter nennen?


Paul Baltes: Der 80-jährige Arthur Rubinstein ist in verschiedenen Interviews gefragt worden, wie er immer noch ein so guter Konzertpianist sein könne. Aus seinen Antworten lässt sich das SOK-Prinzip herauslesen: Er habe sein Repertoire verringert – also eine Wahl getroffen. Außerdem übe er diese Stücke mehr als früher. Das ist die Optimierung. Und weil er die ausgewählten Stücke nicht mehr so schnell wie früher spielen konnte, hat er noch einen Kunstgriff angewendet: Vor besonders schnellen Passagen verlangsamte er sein Tempo; im Kontrast erschienen diese Passagen dann wieder ausreichend schnell. Das ist eine Form der Kompensation. Ich glaube, diese Strategie – sich auf wenige Ziele zu beschränken, diese aber sehr energisch zu verfolgen und dabei nach geeigneten inneren und äußeren Ressourcen der Kompensation zu suchen – das ist die Kunst des guten Älterwerdens.


GEO: Das klingt so einfach.


Paul Baltes: Die Idee ist einfach, die Durchführung aber schwer. Wer altert, muss viele schmerzhafte Verluste ertragen. Das Üben des Körpers und des Geistes erfordert immer mehr Anstrengung. Die Trainingserfolge werden geringer. Glücklicherweise besitzen wir alle eine machtvolle Kraft, die Realität umzudeuten. Das kann uns bei der Anpassung unserer Ziele an unausweichliche Veränderungen helfen, uns mit einem kleineren Territorium zufrieden zu geben. Ein sehr bildhaftes Beispiel für geglückte Umstrukturierungen kenne ich von einem amerikanischen Kollegen. Dessen Vater, ein emeritierter Hochschullehrer, kaufte sich eine Farm. Zunächst bewirtschaftete er alle um sein Haus liegenden Hügel. Als die Kräfte nachließen und er einen Unfall hatte, konzentrierte er sich auf den Garten. Schließlich machte er das Blumenfenster in seinem Wohnzimmer zum Zentrum seines Alltags, seiner Freude und seiner Produktivität. Mehr als hundert Jahre alt, hatte er immer noch eine sinnvolle Lebensaufgabe.





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