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Weinen: Im Bad der Gefühle
Auf der Suche nach dem Ursprung des Weinens analysieren Forscher den salzigen Stoff, aus dem die Tränen sind, fahnden in der Frühgeschichte des Menschen und ergründen dessen Seele
Welche süßen Früchte pflücken Lebenskünstler von der Bitternis der Existenz? Aurelius Augustinus wusste es genau, damals vor anderthalbtausend Jahren: das Seufzen, das Weinen und das Klagen. Er gab sich seinen Tränen hin – und fühlte sich dabei, als bette er sein Haupt "auf Gottes weiches Kissen". Augustinus’ Art, Gefühle auszudrücken, mag kultur- und zeitspezifisch gewesen sein. Aber geheult wird nach wie vor. Natürlich fragen sich auch Psychologen und andere Wissenschaftler, was das Weinen bedeutet. Sie halten fest, zu welchen Gelegenheiten Menschen verschiedener Kulturen weinen.
Aufwendige Tränen
Und selbstverständlich versuchen sie auch zu erforschen, wozu all die Tränen vergossen werden. Denn schließlich kostet es Zeit und Energie, bestimmte Emotionen durch spezielle Geräusche und große Tropfen Salzwassers zu zeigen. Etwas so Aufwendiges tut niemand ohne Grund. Diese Regel gilt von Anbeginn eines Menschenlebens. Babys weinen zunächst ungezügelt und nehmen keine Rücksicht auf gesellschaftliche Regeln. Entsprechend elementar sind auch die Reaktionen, die sie erzeugen: Männern wie Frauen bricht der Schweiß aus. Im Allgemeinen versuchen sie den nervtötenden Lärm zu beenden, indem sie den Säugling nähren, pflegen und liebkosen. Dann hat dessen Wein-Signal seinen Zweck erfüllt. Niemand weiß genau, warum hinter dem Vorläufer des Erwachsenen-Weinens mitunter so viel Wucht steckt.
Das Alltagsweinen
Was die erwachsenen Bewohner der Industriestaaten zum Heulen treibt? Experten kennen eine offizielle und eine inoffizielle Hitliste von Anlässen. Die offizielle ergibt sich aus der Frage an Männer und Frauen, welche Situationen sie am ehesten zu Tränen rühren. Einerseits der Tod von Angehörigen und Freunden, der Bruch von Liebesbeziehungen, traurige Filme. Andererseits Hochzeiten, Musik – und geliebte Menschen wiederzusehen. Am häufigsten weinen Menschen jedoch, wenn sie streiten oder sich zurückgewiesen fühlen. Selbstverständlich wird der Tränenfluss von Emotionen begleitet. Und die sind offensichtlich sehr vielfältig. Als der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets von der Katholischen Universität Brabant Frauen nach ihren Gefühlen während des Weinens befragte, konnten sie ihm oft zwei, drei, vier oder mehr gleichzeitig nennen.
Die Katharsis-Theorie
Was beim Weinen im Körper geschieht, ist ebenfalls komplex. Viele Hirnregionen, Nervenbahnen und Hormone werden aktiv, wenn der Gefühlsüberschwang Wasser in die Augen treibt. Und zuweilen scheint es wirklich, als könnten Tränen uns von tonnenschweren Seelenlasten befreien. Aber warum? Diese Frage hat Grübler von jeher beschäftigt. Und von den verschiedensten Antworten ist eine ein echtes Erfolgsmodell: die "Katharsis-Theorie" von Hippokrates. "Katharsis", also "Reinigung". Hippokrates glaubte, dass die vier Hauptsäfte des Körpers – Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle – über Gesundheit und Charakter bestimmten. Gerieten sie ins Ungleichgewicht, würde der Mensch krank. Wichtigstes Heilmittel war es also, Körpersäfte abzuleiten. Also ließen die Leidenden sich Klistiere verabreichen, wurden zur Ader gelassen – und freuten sich über reichlichen Tränenfluss.
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Kommentare zu "Weinen: Im Bad der Gefühle"
Interessanter Artikel, sehr anregend wie vielen neuen Denkmöglichkeiten..Danke !