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Medizinforum: Druck auf dem Ohr
Warum eigentlich müssen sich Flugpassagiere auf ihren Reisen immer noch mit quälenden Ohrenschmerzen abfinden?
Es war eine ganz gewöhnliche Flugreise. Dennoch traten bei einem 61-jährigen Passagier gewöhnlich heftige Beschwerden auf: Er konnte seine linke Gesichtshälfte plötzlich nicht mehr bewegen. "Baroparese" nennen Ärzte eine solche Gesichtslähmung; Wissenschaftler der American Neurotology Society präsentierten im Mai 2002 die Ergebnisse ihrer Untersuchung dieses Falles. Als Ursache des Symptoms, das nach der Landung wieder abklang, vermuten sie besonders dickflüssige Sekrete im Mittelohr. Diese erhöhen den Druck auf Gesichtsnerven, wenn bei Veränderungen der Flughöhe ein Überdruck im Ohr entsteht.
Vielfältige Verletzungen sind möglich
Die temporäre Gesichtslähmung ist einer von bislang lediglich vier dokumentierten Extremfällen dieser Art. Doch immer wieder kommt es zu Ohrenbeschwerden bei Flugzeugpassagieren – von einfachen Schmerzen und vorübergehender Schwerhörigkeit bis hin zu einem Riss des Trommelfells. Die Ursache liegt im schnellen Anstieg des Luftdrucks während des Landeanflugs. Innerhalb einer in Höhen über 10 000 Meter fliegenden Maschine herrscht gewöhnlich ein Druck wie im Hochgebirge bei etwa 2445 Höhenmetern. Das ist zwar kein allzu großer Unterschied zum Bodenniveau, doch während ein Bergsteiger Stunden oder gar Tage für den Abstieg benötigt, steigt der Druck im landenden Flugzeug meist innerhalb einer halben Stunde auf den Normwert an.
Ein Schnupfen ist ein Flugrisiko
Wenn dabei der Druckausgleich durch die so genannte Eustachische Röhre nicht einwandfrei funktioniert, entsteht im Mittelohr ein Vakuum und zieht das Trommelfell nach innen. Häufigster Grund für eine Blockade der Eustachischen Röhre ist ein gewöhnlicher Schnupfen; in einem solchen Fall helfen meist abschwellende Nasentropfen. Gravierender ist das Problem bei Vorschäden der Mittelohr-Strukturen, von denen der Passagier vor dem Flug nichts ahnt.
Die Airlines scheuen Mehrkosten
Das Risiko von Ohrenbeschwerden könnte durch einen höheren Druck in der Passagierkabine verringert werden. Doch auf Nachfrage streben weder Lufthansa noch Airbus dies als Entwicklungsziel an. Dabei ist die Erzeugung eines stärkeren Kabinendrucks technisch durchaus möglich. Die höhere Differenz zu dem außerhalb des Flugzeugs herrschenden Druck würde allerdings den Rumpf der Maschine stärker belasten und damit deren Lebensdauer deutlich verkürzen. Um das zu verhindern, müsste der Flieger stabiler gebaut werden; das wiederum würde mehr Gewicht und damit einen wesentlich höheren Kerosinverbrauch bedeuten.
Ein neuer Werkstoff könnte die Lösung sein
Doch auch dieses wirtschaftliche Problem ließe sich lösen. Gerade wurde ein neuartiges Material entwickelt, das 2006 für die Außenhülle des neuen Airbus-Großraumfliegers A 380 verwendet werden soll. Die "Glare" genannte Verbindung von Aluminium- und Glasfaserschichten mit speziellen Harzen wird im Vergleich zu bisher verwendeten Werkstoffen Gewicht einsparen. Solche Spielräume werden in der Luftfahrt aber nicht genutzt, um mit einer stabileren Bauweise einen höheren Kabinendruck zu ermöglichen, sondern um Treibstoffkosten zu sparen, mehr Kunden an Bord nehmen zu können oder deren Komfort zu verbessern.
Mehr Bildschirme statt intakter Ohren?
So kann die leichtere Bauweise zum Beispiel das Gewicht von geräumigeren Toilettenräumen und zusätzlichen Videobildschirmen kompensieren: „Der durchschnittliche Passagier freut sich mehr über einen eigenen Bildschirm als über einen höheren Kabinendruck“, behauptet ein Airbus-Techniker. Bei der Lufthansa seien bei Flügen erlittene Schmerzen und Schäden des Ohres ohnehin nur seltene „Einzelfälle“ – so der Leiter des medizinischen Dienstes, Lutz Bergau. Allerdings gibt es bis heute keine Studie über die Anzahl der betroffenen Reisenden, obwohl das Fliegen in den letzten Jahrzehnten zur Massenbewegung geworden ist.
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