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Die Klinik der Zukunft
Sie ist einzigartig in Europa, denn sie vereint klassische mit alternativen Heilverfahren: die Essener Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin. Ihre Ärzte nutzen sowohl den Kernspintomografen wie das chinesische Qigong, sie behandeln nicht nur den Körper eines Patienten, sondern auch dessen Seele. Um so das wichtigste Potenzial für eine dauerhafte Gesundung zu stärken – die Selbstheilungskräfte
Als der Mann zum ersten Mal die Klinik betritt, wirkt er wie ein gehetzter Manager auf Dienstreise: Koffertrolley in der Hand, Funkempfänger fürs Telefon im Ohr, das Gesicht grau, der Blick unruhig. Zwei Tage später sitzt Hans Wolf * mittags in der kleinen Vollwert-Kantine und mäkelt am Essen herum. Mit der Gabel stochert er in der Roten Bete. "Ich weiß nicht, ob ich das hier noch einen Tag aushalte!" Doch er hat sich verändert, wirkt nicht mehr so abgekämpft, sein Gesicht ist rosig. Lebhaft unterhält er sich mit seinen "Mitgefangenen", wie er sie nennt, über diese seltsame Klinik, die so anders ist als erwartet – statt Ruhe im Bett den ganzen Tag Programm: vom "Stehen wie eine Kiefer" in der Qigong-Stunde bis zur Guasha-Massage, die den Rücken hinterher wie wund gescheuert aussehen lässt. Und abends Entspannung auf Yogamatten.
Kernspintomografie und Qui Gong
Die Essener Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin ist einzigartig in Europa. Hier wird erkundet, wie sich konventionelle Medizin mit alternativen Methoden wie Pflanzenheilkunde, Kneipp-Anwendungen oder Akupunktur verbinden lässt. Zunächst untersuchen Ärzte die Neuankömmlinge gemäß schulmedizinischen Kriterien: Bei Rückenschmerzen etwa wird im Kernspintomografen überprüft, ob sie womöglich von einem Bandscheibenvorfall verursacht werden. Eine Darmspiegelung soll ausschließen, dass bei einem Reizdarmpatienten ein Tumor die Beschwerden verursacht. Und Röntgengeräte nutzen die Ärzte, um beispielsweise rheumatische Veränderungen zu diagnostizieren. Erst dann folgt, begleitet von einer sorgfältigen Anamnese der Lebensumstände, der Einsatz alternativmedizinischer Verfahren.
Gegründet wurde die Klinik im Knappschaftskrankenhaus Essen 1999 als Modellversuch. Das Misstrauen war anfangs groß, skeptische Medizinprofessoren sprachen von "Dobos und Konsorten"; heute aber erstatten die Kassen die Behandlungskosten. Dobos – das ist Gustav Dobos, der 53-jährige Klinikleiter, der mit wissenschaftlichen Methoden nachzuweisen versucht, dass vieles von dem funktioniert, was die Schulmedizin längst hinter sich gelassen hat, etwa das Schröpfen mit erhitzten Gläsern.
Selbstheilungskräfte sollen stimuliert werden
Vier von zehn Deutschen leiden an solchen Krankheitsbildern, und 80 Prozent des Gesundheitsbudgets werden für deren Behandlung ausgegeben – oft ohne Fortschritte zu erzielen. Im Gegenteil: Die hochwirksamen Medikamente der Schulmedizin wie Cortison oder bestimmte Anti-Rheumamittel bekämpfen zwar kurzfristig erfolgreich die Symptome, belasten aber langfristig den Organismus, ohne die Grunderkrankung zu kurieren. Hier sieht die Integrative Medizin ihre Stärke: mithilfe von Naturheilverfahren die Selbstheilungskräfte des Körpers zu stimulieren. Dafür muss sich jedoch die Lebensweise der meisten Patienten grundlegend ändern. Wie bei Hans Wolf. Vier Liter Cola habe er täglich getrunken, erzählt er, dazu Dutzende Tassen Kaffee, und ungezählte Zigaretten geraucht. Nicht nur von Koffein und Nikotin sei er abhängig, sondern auch von zahllosen Schmerzmitteln.
Die nimmt er gegen seine chronische Migräne, die ihn immer wieder mit heftigen Schmerzattacken überfällt. Doch die Präparate wirken bei ihm längst nicht mehr richtig – und sie zerstören langsam, aber sicher die Funktion seiner Nieren und der Leber. "Ich bin fertig", sagt er. "Wenn die mir hier nicht helfen können ..." In der Essener Klinik wird Wolf nun akupunktiert, und er hat gelernt, dass ein Medikament aus Pestwurz einem Migräneanfall vorbeugen kann. Jeden Morgen lässt er sich zur Kräftigung seines Nervensystems zudem in feuchtkalte Brustwickel packen, abends legt er sich unter eine warme Decke, um sich in der Gruppe mit anderen gezielt zu entspannen. Statt Cola und Kaffee trinkt er nun Wasser und Kräutertee.
* Name von der Redaktion geändert
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