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Der neue Blick auf unser Herz
Moderne 64-Schicht-Tomographen revolutionieren die Kardiologie: Sie liefern Bilder, auf denen jeder Sehnenfaden am Herzen zu erkennen ist. Und tragen dazu bei, dass die Zahl der Todesfälle durch Herzinfarkt zurückgegangen ist. Mit Animationen
Wollte jemand die Geschichte unseres Blickes auf das Herz schreiben - es entstünde eine Chronik des rasenden Fortschrittes. Die Steinzeit wäre in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angesiedelt. Damals entstanden die ersten unscharfen Ultraschallaufnahmen. Heute erkennen Fachleute jeden Sehnenfaden an den Herzklappen. Sie können die innere Form verkalkter Kranzgefäße betrachten. Sie sehen dreidimensionale Rekonstruktionen des arbeitenden Herzmuskels. Alles, ohne den Brustkorb aufzusägen oder auch nur einen Katheter einzuführen. Während die Praktiker an den Kliniken noch beschäftigt sind, die letzten Innovationen kennen zu lernen, sind weitere längst in Arbeit: immer feiner auflösende Ultraschallgeräte, verbesserte Magnetresonanz-Tomographen zur Untersuchung der Herz-Pumpbewegungen oder selbstnavigierende Herzkatheter, die vom Computer mit Hilfe von starken Magneten an den richtigen Platz geschoben werden.
Das vernachlässigte Organ
Da stehen wir und profitieren offenbar von der technischen Entwicklung: "Im internationalen Vergleich ist Deutschland ein Land mit niedrigem bis mittlerem Herzinfarktrisiko", sagt Hannelore Löwel. Die Leiterin des deutschen Herzinfarktregisters untersucht seit 1985 in einer der weltgrößten Studien Herzgesundheit und -krankheit am Beispiel der Augsburger Bevölkerung. Die vergangenen zehn Jahre brachten die größte Verbesserung: Seit 1995 ist die Herzinfarkt-Sterblichkeit bei den 25- bis 74-Jährigen um 35 Prozent zurückgegangen.Allerdings liegt das überwiegend an den technischen Neuerungen und nur zu einem geringen Teil daran, dass die Menschen heute gesünder leben. Löwel und ihre Mitarbeiter konnten zeigen, dass der Rückgang höchstwahrscheinlich zu 90 Prozent auf das Können der Ärzte und die Anstrengungen der Pharmaindustrie zurückzuführen sind. Herzinfarkte werden effektiver behandelt. Außerdem wird ihnen massiv vorgebeugt - etwa durch Medikamente gegen Bluthochdruck.
So sind wir weit davon entfernt, durch den technischen Fortschritt beruhigt sein zu können. Beispiel Herzinfarkt: Die Zeit vom Einsetzen der Attacke bis zum Erreichen der Klinik ist in Deutschland seit 1995 von durchschnittlich 166 auf 190 Minuten angestiegen. Die Retter werden immer später alarmiert. Viele Betroffene zögern, obwohl sie die Symptome eines Infarktes kennen - zum Beispiel die typische Atemnot oder den linksseitigen Brust- und Armschmerz. Dass sie dennoch nicht reagieren, beruhe auf einer unterbewussten Abwehrhaltung, meint der Psychosomatiker Karl-Heinz Ladwig von der Technischen Universität München. Viele Menschen seien tief im Innern davon überzeugt, dass Krankheit in ihrem Leben keine Rolle spielen dürfe.
Über die Hälfte der Betroffenen wartet länger als vier Stunden mit dem Notruf. Unterversorgtes Herzmuskelgewebe stirbt ab, statt dass zum Beispiel versucht wird, das verschlossene Herzkranzgefäß mithilfe eines eingeführten Ballons wieder zu öffnen und so den gefährdeten Gewebebezirk zu retten. Leider sind auch die Ärzte kein Vorbild: Es gibt kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe, die sich wegen Herzbeschwerden so spät behandeln lässt wie die Mediziner selbst.
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