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Die Diktatur der Uhr
Noch nie haben die Extreme von Zeitnot und Langeweile das Leben so stark geprägt wie in unserer beschleunigten Gesellschaft. Wie viel Tempo verträgt der Mensch?
Niemand hielt den Mann, der an das Rednerpult trat, für einen Träumer. Im Gegenteil. Er hatte einen ausgezeichneten Ruf als Realist, über Europa hinaus. Gespannt erwarteten seine Zuhörer, was er über die "ökonomischen Aussichten für unsere Enkel" zu sagen hatte. Man schrieb das Jahr 1930, und die Gedanken des Mannes eilten um 100 Jahre voraus: Im Jahr 2030 werde der Kampf um das Überleben beendet sein. Die meisten Menschen strebten nicht länger danach, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern, sondern jene ihrer Nachbarn. Maschinen hätten ihnen fast alle Arbeiten abgenommen, der Rest werde möglichst breit auf alle verteilt. "Drei-Stunden-Schichten oder eine 15-Stunden-Woche müssten genügen." Den Menschen stünde nun eine neue Herausforderung bevor: "Die Ausfüllung der freien Zeit." Es war eine Epoche der Muße, die der Redner nach Jahrtausenden der Mühsal nahen sah: ein Zeitparadies.
Die Prognose hat sich nur teilweise erfüllt
Seinen ausgezeichneten Ruf hat sich der Mann bis heute bewahrt. Der Engländer John Maynard Keynes gilt als einer der bedeutendsten Nationalökonomen der Geschichte, und sein Einfluss reicht bis in den derzeitigen bundesdeutschen Sachverständigenrat ("Die Fünf Weisen"). Vieles, was der Vordenker Keynes 1930 prophezeit hat, ist hierzulande Realität geworden: die Vervielfachung des Einkommens, die Sicherung der Grundbedürfnisse, der Rückgang der Arbeit durch ihre zunehmende Technologisierung. Und würde man, wie er vorschlug, die bezahlte Arbeit tatsächlich unter allen Erwerbsfähigen aufteilen, käme man auf einen 4,5-Stunden-Tag. Wir haben also viel freie Zeit gewonnen. In Keynes' Zeitparadies sind wir dennoch nicht angekommen. Im Gegenteil: In Deutschland häufen sich die Symptome einer Zeit-Krise. Jeder zweite Erwerbstätige klagt über "wachsende Zeitnot".
Wer auf der Höhe der Zeit bleiben will, muss mit ihr Schritt halten
Informationen gehen in "Echtzeit" um die Welt. Nachrichten, Märkte, Angebote - alles gilt es, zugleich im Auge zu behalten, um mitreden, vorausdenken, im richtigen Moment schlagfertig sein zu können. Ob an der Börse oder bei Ebay: Der Zeitspielraum schrumpft auf den Augenblick, es geht um das perfekte "Timing". Was eben noch up to date war, ist morgen schon veraltet: Die Kollektion der Modekette H&M wird innerhalb weniger Tage neuen Trends angepasst, die Rechenleistung von Mikrochips verdoppelt sich alle 18 Monate, das Weltwissen alle fünf bis zehn Jahre. Und genau wie unsere Technik müssen auch wir uns selbst ständig "updaten", um kompatibel zu bleiben.
Veränderte Lebenswelten
Früher erstreckte sich die Lebenswelt kaum über das eigene Dorf hinaus - heute ist die Welt zum Dorf geworden. Medien, Internet, Waren und Tourismus haben sie in unsere Reichweite gebracht - und damit all ihre Möglichkeiten und Verheißungen. Zwischen unserer eigenen Lebensspanne und der "Weltzeit", schreibt der Philosoph Hans Blumenberg, öffne sich eine immer weitere Schere, sodass dem Menschen, der "mit endlicher Lebenszeit unendliche Wünsche" habe, wachsendes "Weltmissbefinden" drohe. Trendforscher haben "Zeit und Aufmerksamkeit" zu den zentralen Marktkriterien der Zukunft erklärt. Um diese "knappen Ressourcen" konkurrieren nun also Warenwelt und Freizeitindustrie, Beruf und Familie. Allen Ansprüchen - ob denen anderer oder unseren eigenen - können wir unmöglich gerecht werden. Unweigerlich hinken wir hinterher, kommen zu spät, versäumen.
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