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Wenzels Wunder-Werkstatt
Der Hildesheimer Wenzel Storch, 39, gilt als Deutschlands exzentrischster Filmemacher. In einer 1000 Quadratmeter großen Lagerhalle inszenierte er sein jüngstes Opus: mit 70 Laiendarstellern und Fabelwesen, in einer Kulisse aus Sperrmüll und überbordender Phantasie
Manchmal geschehen Wunder an den merkwürdigsten Orten. Sogar in Hildesheim. Neben Silos, Düngerbergen und Kränen am Mittellandkanal steht die Lagerhalle K31. Außen grau. Innen ein Traum: ein 1000 Quadratmeter großes Panoptikum voller Geheimnisse, das aussieht wie das Spielzimmer einer Bande von Riesenbabys. Oder die Kultstätte eines fremden Gottkönigs mit der Vorliebe für blauen Samt und einen Thron aus Gold. Es ist die Kulisse des neuen Films von Wenzel Storch, des sonderbarsten aller deutschen Bildererfinder.
Wenn es so etwas gibt wie Recycling durch Fantasie, dann hat Storch das Patent darauf. Er nimmt Sperrmüll und Schrott, kreuzt es mit anderem Strandgut des Alltags und erweckt es zu neuem Leben. Das ist Wenzel Storchs Kunst: Er macht aus Mangel Märchen. Das kostet Zeit. Davon hat er eine Menge. Geld hat er keines. So entstehen seine Meisterwerke.
"Coconut Dream" sollte der Film mal heißen; allerdings hat die Handlung nichts mit Träumen zu tun, eine Kokosnuss kommt ebenfalls nicht vor.
Die Idee von (nennen wir den Film trotzdem weiter so) "Coconut Dream" entstand bereits 1993. Ein wildes Zukunftsmärchen über einen Dampfer in Schneckenform, der auf einer winzigen, von einem grausamen König namens Knuffi beherrschten Insel landet. Irgendwie gelang es Storch, das Geld für die Produktion zusammenzukratzen: fast eine halbe Million von den Filmförderungen verschiedener Bundesländer und von Freunden. Normalerweise verschlingt allein die Ausstattung eines vergleichbaren Fantasy-Films schon etliche Millionen.
Storch macht deshalb aus Prinzip alles selbst. Oder besser: Storch und seine einfallsreiche Crew machen alles selbst. Denn nicht nur das Storchsche Hirn kocht über vor Phantasmagorien: "Ich bin froh", sagt der Regisseur, "dass ich von Leuten umgeben bin, die ähnliche visuelle Vorstellungen haben wie ich. Darauf ist dieser Film angewiesen."
Nach zwei Jahren Kulissen-Bauzeit begann Storch im August 1999 zu drehen. Es war die reine Schinderei: Im Winter war es in der unbeheizbaren Halle so kalt, dass Storchs Finger an der Kamera kleben blieben; im Sommer schwammen die Schauspieler im Schweiß, und die Schminke schmolz dahin. "Superbrutal das alles", sagt Storch.
Jetzt ist der Film fertig. Storch hat die Kulissen - 60 Tonnen Altmetall, meterhohe Bauten aus Holz, Plastik, Pappe, Pannesamt und kiloweise Goldfarbe - dem Filmmuseum in Frankfurt angeboten. Das hatte zwar Interesse, aber keinen Platz. So werden wohl die Jungs vom Auto-Club Hoheneggelsen den Zuschlag bekommen: Mit dem blauen Samt aus dem Thronsaal wollen sie ihre Armaturenbretter bespannen. König Knuffis Thron ist abgebaut, das Propellerauto verschrottet, die Spanplatten sind verbaut in verschiedenen Kellerbars in Hildesheim und Umgebung. Aus der Kommando-Zentrale des Schneckendampfers ist ein Karnickelstall geworden.
Im Frühjahr 2001 soll "Coconut Dream" fertig sein, aber so wie der Regisseur das erzählt, mit seiner etwas zögerlich dahinplätschernden Stimme, könnte es auch später werden.
Ein paar Wochen nach dem letzten Drehtag erzählt ein überarbeiteter Storch, dass er Furcht habe, der Film wüchse sich zu einem Lebenswerk aus. Jetzt muss "Coconut Dreams" vertont werden. Der Bilderreigen ist vollkommen stumm gedreht worden, weil es laut war so nahe am Hafen, und weil die Halle in der Einflugschneise des Flughafens liegt.
Die Töne sind so wichtig wie die Bilder, "wenn man's blöd vertont, sieht's blöd aus", sagt Storch.
Manchmal kommt er sich in diesen Wochen vor, als sei er der Gefangene einer gigantischen Maschinerie, die er dummerweise selbst in Gang gesetzt hat. Manchmal schläft er schlecht, neulich hat er im Traum seine Schulden beim Kopierwerk verdreifacht, von 20 000 auf 60 000 Mark. Nach solchen Nächten wacht er morgens auf und schwört: "Noch mal mach ich das nicht!" Natürlich glaubt ihm das keiner.
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