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Stiftung Warentest: Die letzte Instanz
Mit ihren gnadenlosen Prüfungen lehrt die Stiftung Warentest die Industrie das Fürchten - und genießt bei Konsumenten Kultstatus
Berlin, Bahnhof Zoo. Ein Mann mit einem dunklen Koffer besteigt den Nacht-Schnellzug D449 nach Krakau. Im Abteil angekommen, zieht er das Rollo herunter, vergewissert sich, dass der Schaffner gerade nicht in der Nähe ist, und öffnet dann den Koffer. Dessen Inhalt: Erschütterungsmesser, DAT-Recorder, hochsensible Mikrofone im Gesamtwert von rund 25000 Mark.
Der Mann installiert den Koffer sicher auf einer der Abteil-Liegen und holt dann einen 13-seitigen Fragebogen hervor, dessen über 80 Einzelpunkte er im Laufe der Nacht ausfüllen wird, unter anderem: Pünktlichkeit der Abfahrt, Geruch und Zustand der Bettwäsche, Sauberkeit des Fußbodens, Funktionstüchtigkeit der Klimaanlage, Reaktion des Schaffners auf den Wunsch nach einer Kopfschmerztablette. Der Messkoffer zeichnet währenddessen, unter anderem, den Geräuschpegel im Abteil und die Vibrationen des Waggonbodens auf. Der Mann, dessen Name geheim bleiben muss, ist ein verdeckter Ermittler, sein Auftraggeber die Stiftung Warentest. Thema der Ermittlung: Pünktlichkeit und Service in Nachtreisezügen von deutschen Bahnhöfen.
Ein Labor südlich des Mains, genauer Ort: geheim. Eine Frau bemalt vier Cognacschwenker mit Lippenstift, ein Mann bestreicht acht Teller mit Hackfleisch und Haferflockenbrei. Die Fleisch- und Breimengen sind genau vorgegeben: 11 beziehungsweise 24 Gramm pro Teller. Vorgegeben sind auch die Marke des Lippenstifts - Margaret Astor Care Center 09 -, der Durchmesser und die Anzahl der Löcher des Fleischwolfs, durch die das Fleisch zuvor gedreht worden ist (4,5 mm/50). Das Geschirr wird mitsamt der "Norm-Anschmutzung", so der korrekte Ausdruck, zunächst in einem Ofen getrocknet, anschließend in den Geschirrkorb sortiert. Nach Ablauf des Spül-Programms werden die beiden Prüfer jedes Geschirrteil exakt zehn Sekunden lang unter einer genormten Lichtquelle betrachten und den Grad der Restverschmutzung nach einer fünfstufigen Skala bewerten. All das ist Teil eines insgesamt 33 Punkte umfassenden Prüfprogramms, Thema: Geschirrspülmaschinen für den Hausgebrauch, integrierbar.
Schliersee/Rendsburg/Hanau/Gelsen-kirchen/Kornwestheim/ Hückelhoven/Hamburg/Berlin... Woche für Woche, fast Tag für Tag, betritt irgendwo in Deutschland ein Mensch im Auftrag der Stiftung Warentest ein Geschäft oder ein Lagerhaus. Diese Männer und Frauen, deren Namen strenges Betriebsgeheimnis sind, tun nichts anderes als Millionen deutscher Verbraucher: Sie kaufen ein. In diesem und dem letzten Jahr unter anderem: Honig, Handys, Kinderzahnpasta, Sat-Antennen, Sonnencreme, Sommerreifen, Vanilleeis, Wanderstiefel, Winterreifen, Videorecorder, Fruchtzwerge, Kleinwagen, Allesreiniger, Artischockenpräparate, Flachbettscanner, Rotwein, Freisprechanlagen und Kühlschränke. Alle diese Produkte werden anschließend zu unabhängigen Prüfinstituten gebracht, wo Fachleute sie im Auftrag der Stiftung testen - auf Funktionstüchtigkeit, Sicherheit, Geschmack, Haltbarkeit, Umweltverträglichkeit oder was immer sonst an Kriterien notwendig scheint, um am Ende dem Produkt eine fundierte Note geben zu können - von "sehr gut" bis "mangelhaft".
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