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"Die Mafia verschickt keine Drohungen"
Die GEO-Autorin Petra Reski hat ein Buch über die Mafia in Deutschland veröffentlicht. Doch per Einstweiliger Verfügung müssen nun Stellen geschwärzt werden. Die Journalistin sieht sich Anfeindungen ausgesetzt
GEO.de: Hat es Sie überrascht, dass Sie mit Ihrem Buch auf Widerstand stoßen?
Petra Reski: Ja, über die juristischen Auseinandersetzungen bin ich schon erstaunt. Denn die strittigen Passagen sind zumindest in Italien schon verschiedentlich publiziert worden. Alle Fakten sind hinlänglich bekannt und gut dokumentiert, und ich habe wissentlich niemanden provoziert.
Ein in Deutschland lebender Italiener hat gegen Ihren Verlag eine Einstweilige Verfügung erwirkt. Wird es bei den Schwärzungen bleiben?
Ich hoffe nicht. Aber das muss das Gericht entscheiden.
Spüren Sie auch in der Öffentlichkeit Feindschaft?
Bei einer Lesung in Erfurt haben mich Leute aus dem Publikum als "Mafiosa" beschimpft. Andere setzten an zu Ausführungen, dass in Deutschland Geldwäsche gar nicht möglich sei. Das war schon bizarr. Aber so etwas ist eher die Ausnahme. Die Mehrheit des Publikums ist sehr neugierig. Offenbar gibt es einen großen Nachholbedarf. Auch das überrascht mich, denn ich schreibe ja schon lange über dieses Thema. Hat es sich bislang "versendet"? Oder hat Roberto Saviano das Interesse neu geweckt? - Ich weiß es nicht.

Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern
Droemer/Knaur 2008
19,95 Euro
Fühlen Sie sich in Ihrem Wohnort Venedig noch sicher?
Ich habe mich hier in der Regel immer sicher gefühlt. Und ich hoffe, dass jetzt nicht jeder, der ein Buch über die Mafia schreibt, unter Personenschutz gestellt wird. Wir wollen's ja nicht übertreiben.
Sie haben keine Angst, wie Roberto Saviano untertauchen zu müssen?
Nein. So weit wird es ja wohl nicht kommen. Und wissen Sie, etwas stört mich an der Frage: Wenn man davon ausgeht, dass grundsätzlich jeder Journalist, der sich mit der Mafia beschäftigt, bedroht wird, dann impliziert das, dass wir uns von vornherein alle als Opfer betrachten. Darum spreche ich nicht gerne über Bedrohung. Sicher - die Recherchen sind nicht angenehm, man muss merkwürdige Kontakte pflegen. Es ist immer eine Gratwanderung. Viele Journalisten sind von der vermeintlichen Gefährlichkeit ihres Tuns so berauscht, dass sie gar nicht merken, wenn sie selbst benutzt werden. Das zu erkennen ist enorm wichtig. Aber wir dürfen uns nicht von vornherein als Opfer stilisieren. Und falsche Helden brauchen wir ebenso wenig.
Mafiosi versuchen, Journalisten für ihre Zwecke einzuspannen?
Kein Mafioso erzählt irgendetwas, was ihm nichts nützt. Als Journalist muss man also erst einmal prüfen, ob der dargestellte Sachverhalt wahr ist. Dann muss man herausfinden, mit welcher Absicht es gesagt ist. Ich hatte ein Treffen mit den Töchtern des verstorbenen Vittorio Mangano, einem in Italien als "Stallmeister" Berlusconis bekannt gewordenen Mafioso. Laut Staatsanwaltschaft galt er als Mittelsmann zwischen Berlusconi und der Cosa Nostra. Seine Töchter wollten natürlich eine Hafterleichterung für ihren kranken Vater erreichen. Es sind sehr gebildete, sympathische und schöne Frauen, und ein gezielter Stich ins Mutterherz funktioniert immer. Zumindest in Italien. Denn die Italiener verstehen einen solchen Appell zunächst einmal unter dem Gesichtspunkt der Menschlichkeit - egal, ob es sich um einen Mafioso handelt oder nicht.
Wieso nehmen Sie solche unappetitlichen Recherchen auf sich? Was treibt Sie an?
Ich bin, wie viele andere Journalisten, 1989 nach Sizilien gereist. Damals glaubten viele, jetzt sei der historische Moment gekommen, die Mafia zu besiegen. Die Euphorie des "Frühlings von Palermo" hat mich angesteckt. Am Thema drangeblieben bin ich dann, weil mich die Psychologie dieser Menschen interessiert. Und: Es ist eine größere Herausforderung, über böse Menschen zu schreiben als über gute.
... die "Faszination des Bösen"?
Nein, das Wort "Faszination" mag ich in diesem Zusammenhang gar nicht. Die Mafia ist - leider - ein wesentlicher Bestandteil des italienischen Lebens.
... und nun auch des Lebens in Deutschland ...
Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit der Mafia, in Deutschland ist die Öffentlichkeit aber erst im Jahr 2007 auf sie aufmerksam geworden. Damals wurden in Duisburg sechs Menschen von zwei Killern exekutiert. Zu sehen, wie in Deutschland die gleichen Techniken, die gleichen Strategien angewandt werden - hier, wo sich alle in der Sicherheit eines liberalen Rechtsstaats wiegen -, das hat mich umgehauen.
Wie konnte es so weit kommen?
Es fehlt an Wachsamkeit. Deutsche fragen mich, ob ich denn eine schriftliche Drohung bekommen hätte. Aber wer sich auch nur ein bisschen auskennt, weiß: Die Mafia verschickt keine schriftlichen Drohungen. Die Mafia geht sehr, sehr subtil vor. Man merkt über 20, 30 Jahre nichts. Aber wenn man es merkt, ist es zu spät. Ich befürchte, dass es für Deutschland schon zu spät ist.
Interview: Peter Carstens
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Kommentare zu ""Die Mafia verschickt keine Drohungen""
Erst Gestapo, dann Stasi, wir Deutschen hatten allen Grund Misstrauisch zu sein, vielleicht hat gerade dieses Maffia, Korruption und Wirtschaftsverbrechen eine Chance gegeben. Wir müssen einen Weg finden, die Mächtigen zu kontrollieren, ohne unsere Freiheit zu gefährden. Ich lebe in Brasilien und muss tagtäglich mit ansehen, wie die öffentliche Gewallt mehr und mehr die Kontrolle verliert und langsam selbst zu einer kriminellen Institution wird.