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Kims Märchen
Nordkoreas "geliebter Führer" Kim Jong-il ist tot. Doch dass nun auch die Fassade des glorreichen sozialistischen Staates zusammenbricht, ist unwahrscheinlich. GEO-Redakteur Jürgen Schäfer besuchte vor fünf Jahren das abgeschottete Land - und drehte heimlich Videos
Wir gehen endlose Flure entlang, mit Filzpantoffeln an den Füßen, um den polierten Granitboden nicht zu zerkratzen. Vor uns schwebt unsere Führerin, in eine Tracht aus mintgrüner Ballonseide gehüllt. Niemand spricht, nur das Rascheln ihres Kleides ist zu hören, das Klicken unsichtbarer Schalter, wenn wir eine Lichtschranke passieren. Ein unterirdischer Palast, 400 Meter tief in den Berg getrieben, und irgendwo dort drinnen: Er. Eine Vorhalle, der Fußboden nun aus Marmor. Eine Frau sitzt an einem niedrigen Tisch über ein zerlesenes Buch gebeugt, dessen Papier sich unter ihren Fingern auflöst. Als wir uns nähern, erhebt sie sich, ohne zu lächeln.
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Sie hat nur eine Aufgabe: Die Flügeltür an der Stirnseite der Halle zu öffnen. Dazu trägt sie weiße Baumwollhandschuhe, um die Messinggriffe nicht zu beschmutzen. In der Halle, auf einem kleinen Erdhügel mit echten Birken und lilafarbenen Blumen, steht Er im Licht eines frischen, kühlen Morgens in den Bergen. Im Hintergrund das Gemälde eines Sees und schneebedeckter Gipfel. Er trägt eine Goldrandbrille und einen graphitfarbenen Anzug, hält die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
Bei der Verbeugung sind 45 Grad Vorschrift
Der Raum misst gut zehn Meter bis zur Decke. Wind aus einem Ventilator fächelt die Birkenblätter, das 24-Kanal-Mischpult ist im Gebüsch versteckt. Im Marmorboden ist ein heller Balken eingelassen, davor hängt, an zwei Chrompfosten befestigt, eine Kordel. Das ist der Platz für die Verbeugung: 45 Grad abgewinkelt an der Hüfte, den Blick gesenkt. Am 8. Juli 1996, dem zweiten Jahrestag seines Todes, ist Kim Il-sung, der "Große Führer" Nordkoreas und Vater des jetzigen Diktators Kim Jong-il, also auch hier wieder auferstanden: als Geschenk der KP Chinas.
Die Bienenwachsfigur im Maßanzug, ausgestellt in Koreas "Museum der Völkerfreundschaft", gleicht dem echten Kim Il-sung so sehr, dass Koreanern der Atem stockt, wenn sie den Raum betreten. "Viele beginnen zu weinen", flüstert unsere Führerin. Gern würde ich einen weinenden Koreaner befragen, doch da ist niemand. Tausende besuchten das Museum jeden Tag, nur eben heute nicht, versichert unsere Führerin. Sie ist ohnehin die Einzige, die hier die Erlaubnis hat, mit uns zu sprechen; weitere Interviews sind im Protokoll nicht vorgesehen.
Zwei Bewacher, 70 Genehmigungen
Ausländische Journalisten sind in Nordkorea unerwünscht und werden meistens abgewiesen. Als wir den Gott aus Bienenwachs besuchen, sind wir die einzigen Reporter im Land. Wir haben zwei Wochen Zeit und reisen wie auf Staatsbesuch: Wo wir auch hinkommen, ist der Tisch gedeckt, sind die Uniformknöpfe poliert, fangen Kinder an zu singen. Zwei Begleiter und ein Chauffeur holen uns am Flughafen ab und weichen nie von unserer Seite. Sie haben unseren Besuch seit Wochen vorbereitet und mehr als 70 Genehmigungen eingeholt. Eine zum Beispiel dafür, die U-Bahn benutzen zu dürfen. Allein die Erlaubnis für einen Flug ins Gebirge umfasst 24 Seiten. Was wir nicht sehen dürfen, nehmen wir überall als Schattenriss wahr:
Über zehn Atomwaffen soll das Land verfügen; wir sehen Raketen auf einem Gemälde im Kindergarten. Mindestens eine Million Menschen sind in den vergangenen Jahren an Hunger gestorben; wir sehen die Entbehrungen in den ausgezehrten Körpern der Kinder, die neben der Autobahn im Dreck stehen und Mais verkaufen. 100 000 Menschen schuften sich in Arbeitslagern langsam zu Tode; wir sehen die Angst im Auge unserer Gegenüber, die Furcht aller, etwas Falsches zu sagen. Was wir sehen dürfen, ist wo irgend möglich frisch gestrichen. Eine Inszenierung, ein Schauspiel, das Lebenswerk des Kim Il-sung, der angeblich 10 000 Bücher geschrieben hat: ein Theaterstück mit 23 Millionen Statisten.
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Kommentare zu "Kims Märchen"
Hallo Mind, wenn es nur so einfach wäre. Wer in einer Diktatur leben MUßTE, sieht das bestimmt anders.
Manche argumentieren immer damit, dass sie die Meinung der Mehrheit vertreten. Wenn so Viele dasselbe denken, dann muss das ja richtig sein. Manche argumentieren aber auch immer mit dem Gegenteil, weil sie schon immer zu den wenigen gehörten, die wissen, wie die Welt sich eigentlich wirklich dreht. Richtiger wird beides dadurch nicht. Was aber wirklich ekelhaft ist, ist den Menschen in Nordkorea zu unterstellen, sie wollten so leben, wie sie es tun.
Hallo MInd, leider sehen ca 99% der restlichen Weltbevölkerung dies nicht so wie du. Gehöre jedoch auch zu den 1%.
Aha. Gut zu wissen dass die Nordkoreaner, unter welchen gut ein Drittel trotz Reislieferungen aus dem Süden unterernährt ist, in Wirklichkeit ja ganz gerne so leben wollen. Schande über die westlichen Medien die uns Glauben machen wollen dass es bloss die Angst vor dem Arbeitslager ist, welche aus der nordkoreanischen Bevölkerung keine kritischen Stimmen ertönen lässt. (@Mind)
Karl Stingeder beschreitet mit seinem sachlichen Zugang einen anderen Weg um sich diesem kontroversiellen Thema rund um den Konflikt mit Nordkorea anzunähern. Auf nüchterne Art und Weise verfolgt er eine vorsichtig angelegte Analyse um angebliche Tatsachen" zu hinterfragen und propagandistisch intendierte Beinflussungsversuche offen zu legen. Tatsachen" über die so viele reden, über deren objektiven Wahrheitsgehalt in Folge des Isolationismus allerdings nur wenig bekannt ist. Am Ende der ergiebigen Lektüre entsteht dankenswerterweise ein verblüffender "Aha-Effekt", da geneigten Lesern die Türe zu einer differenzierten Betrachtung eröffnet wird. Stingeders Analyse verhilft zum berühmten Blick über den Tellerrand einer medial geprägten und pauschalen Vorverurteilung Nordkoreas . (Karl H. Stingeder, 2/2) Karl Stingeder: Die Causa Nordkorea. Tectum 2009 http://www.tectum-verlag.de/9964
Als eine der populärsten Krisenregionen in den letzten Jahren hat sich Nordkorea heraus kristallisiert. In regelmäßigen Abständen werden wir über neue Ereignisse eines der isoliertesten Länder Asiens informiert, meist in Zusammenhang mit pauschalen Vorverurteilungen oder Agentur-Meldungen, welche auf obskuren Geheimdienstberichten basieren. In den meisten Fällen wird jedoch ein oberflächliches, auf zahlreichen Klischees basierendes Bild gezeichnet. Das wohl plakativste Beispiel eines solchen Schubladendenkens ist wahrscheinlich jene comichaft überzeichnete, komödiantische Porträtierung Kim Jong-Ils als größenwahnsinniger Diktatur aus dem Film "Team America" (USA 2002), welche Kim Jong-Il als singenden und eiskalten Parade-Zyniker inszeniert. Oder aber wir begegnen Nordkorea - man erinnere sich an George W. Bushs Achse des Bösen" - als unberechenbaren, beinahe monströsen Gegner, den man um jeden Preis in seine Schranken weisen muss. (Karl H. Stingeder, 1/2)
Die harten Sanktionen der westlichen Welt, gegenüber Nordkorea haben natürlich nichts mit dem Mangel in diesem Land zu tun? Mit schweren Sanktionen wurden schon etliche andere Länder in die Knie gezwungen - immer auf dem Rücken der Bevölkerung! Und das gleiche macht man dort auch! Und mit Krokodilstränen "betrauert" man die leidende Bevölkerung und reibt sich hinterrücks die Hände wegen dem nahenden Zusammenbruch der jeweiligen Länder. Dann kann man endlich schalten und walten und plündern wie man will. Hätte Nordkorea nicht seine Armee und Atomwaffen, dann wäre das Land schon längst "demokratisiert" worden - neudeutsch für ausplündern! Merke: Länder mit Atomwaffen greift man nicht an! Warum kann man die Menschen dort nicht leben lassen wie sie wollen? Wenn ihr Sozialismus von allein zusammenbricht - ohne Hilfe des Westens - dann wäre das der Lauf der Dinge. Es aber mit allen Mitteln zu provozieren ist ekelhaft!