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Kultur: Auf der Suche nach Einheit
Ist eine Versöhnung zwischen Wissenschaft und Religion möglich? Eine Veranstaltung in der Kathedrale von Chartres hat an eine 1000-jährige Tradition angeknüpft: die mittelalterliche Mystik
GEO: Herr Burggrabe, Sie haben ein Oratorium aufgeführt, das Kunst, Wissenschaft und Religion vereint. Warum?
Helge Burggrabe: Anlass war das 1000-jährige Jubiläum des Amtsantritts des Bischofs und Mystikers Fulbert, der die philosophische "Schule von Chartres" begründet hat. Doch mein Stück "Stella Maris" ist auch eine Hommage an die Kathedrale, die seit Fulbert in mehreren Etappen zu einem Gesamtkunstwerk ausgebaut worden ist. Schon in meiner Diplomarbeit habe ich mich mit den Proportionen beschäftigt, die Musik und Architektur gemein sind.
Wie gestaltet sich diese Beziehung?
Ein Nachfolger Fulberts, Bischof Thierry von Chartres, hat Gott als Höhe, Breite, Gewicht, Zahl definiert. Die Eins war damals Sinnbild für Gott selbst, alles andere entstand aus der Teilung der Eins. Nehmen wir das Verhältnis 1 zu 2: Teilt man zum Beispiel eine Saite in der Hälfte, erklingt eine Oktave als hörbare Entsprechung der mathematischen Relation. In der Architektur des gotischen Teils der Kathedrale hat dasselbe Verhältnis eine sichtbare Form: Die beiden Seitenschiffe sind enau halb so hoch wie das Hauptschiff.
Viele sprechen vom "finsteren Mittelalter". Zu Recht?
Dieses Bild gilt sicher im gesellschaftlichen Bereich, weil man als Individuum noch nicht die Freiheit hatte, wie wir sie heutzutage kennen. Aber angesichts eines Bauwerks wie der Kathedrale weicht dieses Herabschauen auf das dunkle Mittelalter einer großen Ehrfurcht. Vermutlich ist der Übergang von derRomanik zur kühnen Architektur der Gotik nur möglich gewesen durch das Wissen, das Kreuzfahrer im Orient erworben hatten. Und die Schule von Chartres hatte auch das Studium der griechischen Philosophen fest in ihrem Programm verankert: Ein "Säulenheiliger" am Königsportal ist der Mathematiker und Musiker Pythagoras.
Welche Relevanz haben mittelalterliche Gedanken für die heutige aufgeklärte Welt?
Bischof Alanus ab Insulis von Chartres (ca. 1128–1203) ist, wenn man so will, ein früher Vertreter der Ökologiebewegung: In seinem Buch "Die Klage der Natur" betrauert er die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt. In den Glasornamenten der Kathedrale finden sich - sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit - Blätter- und Rankenmotive; dies geht vermutlich auf die keltische Tradition der Gegend zurück. Auch die Vernunft wurde geschätzt: In einer Szene seiner Schrift lässt Alanus diese Tugend mit anderen in eine "Konferenz" treten, um einen "neuen Menschen" zu schaffen.
Welche Rolle spielte die Lichtinstallation in Ihrem Projekt?
Der Hamburger Künstler Michael Batz hat für die Aufführung den Raum mit modernen Mitteln durch Licht gestaltet. Eine Idee, die er auch in der Lichtarchitektur von Städten wie Hamburg oder Köln verfolgt - entgegen der ungeregelten Überflutung öffentlicher Räume mit Helligkeit. Traditionell ist Lichtgestaltung in der gotischen Glaskunst verankert, die in Chartres besonders vollendet ist.
Weckt der mystische Einheitsgedanke nicht Ängste vor Kreationismus und Fundamentalismus?
Ausschließlichkeit und Fanatismus sind etwas, das in der Mystik und im Spirituellen keinen Raum hat. Der mystische Zweig des Islam etwa, der Sufismus, betrachtet sich nicht als spezifisches Produkt der islamischen Religion, sondern als Vertreter jener Wahrheit, die in jeder Kultur in verschiedener Form gegenwärtig ist.
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