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Semiotik: Schach ohne Dame
Das "Spiel der Könige" ist ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse – und hat sich mit diesen im Laufe der Zeit verändert
Dass Computer Menschen beim Schach besiegen können, liegt daran, dass das Spiel eine zwar große, aber endliche Menge an Zügen erlaubt. Mit genügendem Vorlauf an Programmierund Rechenzeit kann im Prinzip jede erdenkliche Position auf dem Schachbrett maschinell bewertet und theoretisch jeder noch so geniale Spieler schließlich in die Enge getrieben oder sogar schachmatt gesetzt werden.
Vorausgesetzt allerdings, dass sich die Regeln des Spiels nicht ändern. Doch genau das ist im Lauf der Geschichte des Schachs immer wieder geschehen. Die Variante, die heute in Europa gespielt wird, hat wenig gemein mit dem Spiel, das vor über 2100 Jahren vermutlich in Indien erfunden wurde, und ist nicht identisch mit jener Version, welche um 1000 n. Chr. über Persien und die arabische Welt zu uns gelangt ist. Auch gibt es traditionelle Formen des Schachs in China und Japan, die sich erheblich von dem westlichen Brettspiel unterscheiden, obwohl auch sie auf die gleiche Urform zurückgehen dürften.
Den Grund für diese Veränderungen vermutet der Wiener Schach-Enthusiast und Zeichentheoretiker Hans Petschar in den sich wandelnden sozialen Verhältnissen. "Schach ist wie die Sprache ein Spiegel der Kultur", sagt der Semiotiker, im Hauptberuf Archivar der Österreichischen Nationalbibliothek. "Das heißt, die Regeln des Spiels haben eine Bedeutung innerhalb der jeweiligen Gesellschaft und ändern sich mit ihr." Ein Indiz: Die Spielfigur "Dame" etwa gibt es im Schach erst seit dem Mittelalter. Damals erlangte die höfische Frau (frouwe) eine wichtige Rolle und wurde ritterlich verehrt. Sie ersetzte im Spiel die überlieferte Rolle des herrschaftlichen Ratgebers – zum Beispiel des arabischen Wesirs in der morgenländischen Variante. Dass sich eine Dame allerdings so freizügig bewegen und so weit vom König entfernen konnte wie im heutigen Spiel, war bis zum Ende des 15. Jahrhunderts undenkbar.
Überhaupt sind die älteren Schachvarianten oft wesentlich weniger dynamisch als die gegenwärtigen. Im traditionellen chinesischen Schach (Xiangqi) bewegt sich der Herrscher nur auf einem kleinen Areal – wie innerhalb der Mauern des kaiserlichen Palastes. Und im indischen "Tschaturanga" sind die vier sozialen Schichten (Priester, Regierende, Bauern und Diener) unveränderlich. Ganz anders in Japan: Das militärisch- aristokratische System erlaubte seit dem 12. Jahrhundert den raschen gesellschaftlichen Aufstieg für tüchtige Adlige. Deshalb bot das Spiel zahlreiche Möglichkeiten für eine Figur, ihre Funktion zu verändern. Im europäischen Schach kommt das zwar nur relativ selten vor. Aber wenn sich ein Bauer in die vorderste Reihe gekämpft hat, wandelt er sich zur strategisch mächtigsten, beweglichsten (und heute weiblichen) Figur. Auch in der Neuzeit gab es Anregungen, das Spiel an die moderne Gesellschaft anzugleichen. Relativ rasch scheiterten freilich Bemühungen zur NS-Zeit, aus dem "Spiel der Könige" ein "Führerspiel" zu machen: Es hätte zwangsläufig mehrere Führer gegeben, von denen abwechselnd jeweils einer hätte verlieren müssen. "Demokratischer" war der Ansatz des schachbegeisterten Komponisten Arnold Schönberg: In einer von ihm ersonnenen Spielvariante sind Verhandlungen und Allianzen zwischen den Großmächten ein wesentlicher Bestandteil der Strategie – neben modernen Kampfmitteln wie Flugzeugen und U-Booten. Und es gibt vier statt zwei Kriegsparteien – oben, unten, rechts und links. Was übrigens eine Reverenz an die älteste indische Spielform darstellt, das so genannte Vierer-Schach.
Noch heute gibt es Turniere, in denen andere Varianten gespielt werden als die europäische Version. Der deutsche Großmeister Robert Hübner hat sich 1993 auf das Terrain des chinesischen Spiels gewagt. Dieses wird nicht auf 64 Feldern, sondern auf den Schnittpunkten der Begrenzungslinien der Felder gespielt; die Bretthälften werden zudem durch einen "Gelben Fluss" getrennt, hinter dem sich die Zugmöglichkeiten ändern – Bauern können dann waagrecht ziehen. Hübner hat sich dabei nicht schlecht geschlagen: Er wurde 36. unter 76 Spielern. (Mehr auf www.tschaturanga.at)
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