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Der Aufstieg des Guten
Warum sich immer mehr Freiwillige und Ehrenamtliche um das Gemeinwohl in Deutschland verdient machen - und das nicht nur zur Weihnachtszeit
Mehr als 23 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland freiwillig und ohne Lohn. Sie organisieren sich in einer Million Vereinen, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen; pumpen Fußbälle auf und frisieren Pflegebedürftige, restaurieren Fachwerkhäuser und veranstalten Tombolas zugunsten krebskranker Kinder. Sie springen für kranke Lehrer ein, backen Nudelauflauf in der Schulküche, wenn sonst die Ganztagsbetreuung nicht gesichert werden könnte - und während ihres Urlaubs operieren sie in Elendsvierteln der "Dritten Welt" Patienten mit grauem Star.
Die Herrschaft der Egoisten ist eine Mär
Für Jahrzehnte schien das Engagement der Bürger in Deutschland kaum der Rede wert. Ausbildung, Kinder, Krankheit, Altern, Pflegen, Sterben - um alles kümmerte sich der Wohlfahrtsstaat, umsorgte uns in sämtlichen Lebenslagen mit Profis auf Planstellen. Doch der Sozialstaat hat die private Initiative nie komplett verdrängt, hat sie höchstens verdeckt. Wer die Zivilgesellschaft heute sucht, der findet sie vielleicht zersplitterter, aber auch vielfältiger denn je: ein beeindruckendes Mosaik guter Taten. Die düsteren Prophezeiungen einer selbstsüchtigen Spaßgesellschaft aus "Ichlingen" halten die meisten Sozialwissenschaftler für widerlegt. Das Gegenteil scheint zu stimmen: Die Bereitschaft zum Engagement wächst in allen Bevölkerungsschichten.
Das Wir-Gefühl ist auf dem Vormarsch
Allein 25000 Helfer sind zum Beispiel jede Woche in den rund 500 Vereinen der "Tafel" im Einsatz, sammeln in Supermärkten Lebensmittel kurz vor dem Verfallsdatum ein und verteilen sie an Bedürftige. "Weitere 10000 Freiwillige haben sich gemeldet, um neue Tafeln zu gründen oder in bestehenden mitzuarbeiten", sagt Bundesvorstand Matthias Mente.
"Alle reden von sozialer Kälte. Aber wir erleben jeden Tag das Gegenteil", berichtet der Tafel-Vorstand. "In Deutschland ist das Wir-Gefühl auf dem Vormarsch. Vielleicht das erste Zeichen für einen gesellschaftlichen Konsens: dass man die Ärmsten nicht allein lässt, wenn ihnen der Staat nicht mehr helfen kann."
Freiwillige leisten mehr Arbeit als der öffentliche Dienst
Besonders aktiv sind dabei die Mitglieder großer Familien, regelmäßige Kirchgänger und Pendler, die am Rande der Großstädte ihre oft neu gewachsene Nachbarschaft gestalten. Den größten Zuwachs verzeichneten die Forscher aber bei der Einsatzfreude von Arbeitslosen und Rentnern. Die Jugend hält mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr dagegen: Allein im September 2005 begannen mehr als 15000 junge Leute ihren Dienst in Altersheimen, Sportvereinen und Naturschutzgruppen. Forscher der Universität Stuttgart-Hohenheim haben berechnet, dass Ehrenamtliche und Freiwillige in Deutschland jedes Jahr rund fünf Milliarden Arbeitsstunden dem Gemeinwohl widmen - fast zehn Prozent mehr, als im gesamten bezahlten öffentlichen Dienst geleistet werden.
Der Staat bleibt in der Pflicht
Auf die Kraft der Bürger wollen alle bauen. Doch keiner weiß, wie viel sie tragen kann. Helga König weiss genau, wofür sie jede Woche ihre 30 Stunden bei der Zwickauer Tafel einsetzt. "Zum Beispiel für die Mütter mit fünf Kindern, die sich mal einen Frisörtermin leisten oder die Kinder ins Schwimmbad schicken können, weil sie bei uns einen Einkauf gespart haben." Vor allem aber weiß sie, wofür sie es nicht tut: für den Staat. Die Tafel sei nicht dafür da, um dem Staat als Ausfallbürge das Kürzen von Sozialleistungen zu erleichtern. Als die Zwickauer Behörden zu Beginn des Jahres allen Hartz-IV-Empfängern wie selbstverständlich den Gang zur Tafel empfahlen, musste Helga König die Verhältnisse zwischen Amt und Ehrenamt zurechtrücken. Die Tafel sei kein staatliches System der Grundversorgung, sondern ein freiwilliges Zubrot für die Ärmsten: "Das muss in die Köpfe rein."
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