Hauptspalte:
E-Mail versenden schließen [x]
Schriftkunde: Drei Striche pro Zeichen
Die Art und Weise, eine Lautschrift zu bilden, ist in allen Sprachen nahezu gleich
Nicht nur auf biologischen Spezies, sondern auch auf Schriftsymbolen lastet ein Auslesedruck: Leicht muss die Schrift zu schreiben und einfach wiederzuerkennen sein. Der Mathematiker Mark Changizi und der Psychologe Shinsuke Shimojo vom Institut für theoretische Neurobiologie des California Institute of Technology in Pasadena haben nun entdeckt, dass diese Anforderungen zu sehr ähnlichen Gestaltungsprinzipien in den Schriftsystemen der Welt geführt haben.
Es sind vor allem die Anzahl der Striche pro Zeichen und der Koeffizient für die so genannte "Redundanz" des Systems, die überall annähernd gleich sind und einander beeinflussen. Je höher die Redundanz, also die "überschüssige" Information, desto weniger kann ein Zeichen mit einem anderen verwechselt werden. Dem steht das Gebot entgegen, der Ökonomie halber mit wenigen Strichen (unabgesetzten Linien oder Bögen) auszukommen. Ein "A" etwa unterscheidet sich von einem "V" durch die Lage der Spitze und enthält "überflüssigerweise" noch einen zusätzlichen Querstrich.
Bei den analysierten 115 historischen und aktuellen Schriftsystemen aus dem Nahen und Mittleren Osten, aus Europa und Südostasien genügen den Forschern zufolge durchschnittlich wie auch mehrheitlich drei Striche, um ein Zeichen zu schreiben. Dabei ist es offenbar gleichgültig, ob ein Schriftsystem aus zwölf oder 180 Charakteren besteht. Die Redundanz liegt in all diesen Systemen bei etwa 50 Prozent: Es wäre also in der Regel möglich, die Buchstaben noch zu identifizieren, wenn die Hälfte des Zeichens fehlt. Die Forscher vermuten, dass sich in der Zahl "drei" ein allgemeines Merkgesetz spiegelt, das auch aus anderen Bereichen der Kognition bekannt ist: Es fällt Menschen schwer, sich gleichzeitig mehr als drei Merkmale einzuprägen. Vielleicht folgt auf römisch I, II, III deswegen ein neues Drei-Strich-Zeichen für die Zahl "vier" (IV) statt IIII.
Nicht beachtet in der Analyse wurden so genannte logographische Schriften wie die chinesische, die nicht Laute, sondern ganze Begriffe zu Papier bringen. Ein Zeichen aus einem solchen System wirkt als Gesamtheit, die nicht ohne weiteres in Einzelbestandteile zerlegt werden kann und neurobiologisch anders verarbeitet wird als die Lautschrift (siehe GEOskop in Nr. 11/2002).
Momentan sind zu dem Artikel "Schriftkunde: Drei Striche pro Zeichen" keine Kommentare vorhanden.
Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.
















schließen [x]