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Sprachensterben
Die Globalisierung hat das historische Phänomen noch beschleunigt
Quis loquitur latine? Wer spricht Latein? Die Worte von Caesar und Cicero sind heute Muttersprache von 0 Menschen. Doch entwickelten sich aus dem Lateinischen immerhin Weltsprachen wie Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch. Schon immer haben sich Sprachen über längere Zeiträume hinweg verändert: sind manchmal zu völlig neuen mutiert, aber auch, und häufig ohne Spuren zu interlassen, gestorben. Nur wenige überlebten länger als zwei Jahrtausende, so wie das Chinesische, das Persische oder Tamil.
Heute beklagen Wissenschaftler eine drastische Zunahme des Sprachensterbens. Im 21. Jahrhundert wird nach Schätzungen von Linguisten 1/3 der momentan noch lebenden Sprachen verschwinden; Pessimisten prophezeien sogar, dass 9/10 davon für immer verstummen. Allein im letzten Jahrhundert erloschen in Europa mindestens 12 Sprachen, wie zum Beispiel das Manx auf der Isle of Man. Experten vermuten, dass es inzwischen weltweit alle 14 Tage eine Sprache weniger gibt.

Die Eroberungsfeldzüge europäischer Mächte seit dem 16. Jahrhundert hatten zum ersten rapiden Rückgang der kulturellen und damit auch der linguistischen Vielfalt geführt: Mindestens 15 Prozent der bis dahin existierenden Sprachen fielen ihnen zum Opfer. So sind in Australien heute nur noch 20 Sprachen lebendig, 1788 waren es noch 250.
Das Sprachensterben hat überwiegend politische Hintergründe. So ist etwa das Tasmanische durch einen Völkermord ausgelöscht worden. Das Alt-Ägyptische verschwand nach dem Niedergang des Pharaonenreiches, allerdings ganz allmählich. Zumindest zu Marginalisierung und Gefährdung von Sprachen führt oft auch nationalstaatliche Zentralisierung; Beispiele dafür sind das Baskische, das Irische oder das Kurdische. Bisweilen ist die Beherrschung einer Verkehrssprache verbunden mit so hohen wirtschaftlichen Vorteilen, dass Eltern ihre Kinder lieber in der fremden statt in der Muttersprache aufziehen - wie zum Beispiel bei den Dahalo sprechenden Kenyanern, deren Kinder heute hauptsächlich Suaheli lernen.
Eine neue Gefahr für die Vielfalt stellt die Globalisierung dar: Sie wird nach Ansicht von Experten vor allem jene Sprachen treffen, die weniger als 1000 Menschen benutzen; auf Neuguinea allein soll es, obwohl das Land nur 4,6 Millionen Einwohner hat, rund 1000 verschiedene "Zungen" geben. Eine enorme Zahl, wenn man bedenkt, dass weltweit ungefähr 6000 Sprachen bekannt sind. Die Hälfte davon wird von weniger als 10 000 Menschen beherrscht. Linguisten vermuten, dass in Zukunft mindestens 100000 nötig sein werden, damit eine Sprache überleben kann.
Die Wissenschaftler schätzen, dass jeder zweite Erdbewohner im Alltag eine der neun in der Welt am weitesten verbreiteten Sprachen anwendet. Spitzenreiter ist Mandarin, Muttersprache von 885 000 000 Chinesen.
Dennoch ist es das Englische, das im Zuge der Globalisierung die Welt erobert. 1919 hatte es US-Präsident Woodrow Wilson als zweite Vertragssprache neben dem Französischen für den Versailler Vertrag durchgesetzt. Seitdem ist sein Vormarsch unaufhaltsam: 2 000 000 000 Menschen sprechen inzwischen Englisch.
Doch trotz der überragenden Bedeutung in Diplomatie, Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Medien ist auch diese Weltsprache stetem Wandel ausgesetzt: So unterscheiden sich die Idiome in den USA, Australien, Nigeria oder Jamaika in Vokabular, Grammatik und Aussprache zum Teil schon beträchtlich vom "Oxford English". Und bereits am Beispiel des Lateinischen hat sich gezeigt, dass die weite Verbreitung einer Sprache zu ihrer Auf- und Ablösung durch neue führen kann.
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Kommentare zu "Sprachensterben"
Ich verstehe die Worte "alamierend", "Gefahr" und "zum Opfer gefallen" in diesem Zusammenhang nicht. Sind 885 Mio Chinesen denn unglücklich weil sie eine Sprache sprechen und 4.6 Mio Menschen aus Neuguinea glücklich, weil sie zwischen 1000 Zungen unterscheiden? Ich sehe in einer mir nahestehenden Familie (Urgroßmutter, Oma, Mutter und Kind) genau was da passiert. Für die eine war es noch die Muttersprache und die Kleinste weiß gar nichts von Ihrem Unglück (zum Glück). Natürlich finde ich es auch furchtbar, wenn Menschen aus politischen Gründen zu einer anderen Sprache gezwungen werden. PS: Ich finde es aber OK, wenn sich die Wissenschaft mit der Thematik beschäftigt und überall auf der Welt Menschen sterbende Sprachen aufzeichnen.
Es gibt ein neues Onlinelexikon "Sprachen und Völker der Erde" in welchem nahezu alle Sprachen der Welt beschrieben werden mit Infos zu Entstehung, Entwicklung und den Völkern die diese sprechen http://www.langwhich.com/lexikon/sprachen-und-voelker-der-erde
Für alle die ein ernsthaftes Interesse an den Sprachen der Welt und deren Erhaltung haben sind die Aussagen und Zahlen dieses Artikels doch wirklich alarmierend. Wer sich informieren möchte über die Sprachenvielfalt der Welt anhand einer interaktiven Weltkarte wird überrascht sein über die Vielfalt: http://www.langwhich.com/weltsprachen Gruss Walter Brandl