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Die ersten Tempel
Vor 11000 Jahren bauten Jäger und Sammler auf einem Plateau in Südostanatolien eine monumentale Tempelanlage mit gewaltigen Steinpfeilern. Wozu? Das versucht der deutsche Archäologe Klaus Schmidt zu ergründen
„Man muss sich das vorstellen“, sagt Schmidt. „Die Eiszeit klang gerade erst aus. Abgesehen von Steinhaufen oder ein paar Konstruktionen aus Mammutknochen hatte der Mensch noch niemals irgendetwas Gebautes auf der Erde hinterlassen. Und nun plötzlich das!“ Wir stehen auf einem Kalksteinplateau in Südostanatolien. In der Ferne das Häusermeer von Urfa; zweihundert Schritt vor uns der Ausgrabungshügel „Göbekli Tepe“, der sich gegen das flache Gelände abzeichnet wie eine einsame Düne. Wegen der Monumente, die der 15 Meter hohe Erdberg seit einiger Zeit freigibt, könnte er einmal so berühmt werden wie Troja oder Stonehenge. Doch Schmidt weist gar nicht auf den Hügel. Er blickt zu Boden, auf einen Flecken mit blankem Fels, den er „Steinbruch“ nennt.
Das Gelände ist nur spärlich von Steppengras bewachsen. Überall schimmern grauweiß schrundige Kalksteinflächen durch. Aus dem Flecken vor uns haben Menschen der Urzeit eine Figur herausgemeißelt: Ein mannsbreiter Graben umschließt ein großes, flach liegendes T, als sei hier ein riesenhafter Buchstabenkeks ausgestochen worden. „Das sollte ein Pfeiler werden“, erzählt Schmidt. „Sie wussten: Erst muss man sich mit dem Faustmeißel rund um das Werkstück herum nach unten arbeiten. Man braucht Stehbreite, damit man dann von der Seite Steinkeile unter den Felsklotz treiben kann. Und zwar genau dort, wo sich unter diesem eine natürliche Trennschicht entlangzieht. Trifft man sie, lässt sich das Stück im Ganzen ablösen.“
Wie wurden die tonnenschweren Pfeiler bewegt?
Das T vor uns widersetzte sich offenbar solchen Versuchen. Viele andere Pfeiler aber hebelten die Menschen hier einst aus dem Untergrund und schleppten sie hinüber zum Hügel. Für jedes Stück – wenigstens vier Meter lang, nicht ganz anderthalb Meter breit und einen halben Meter tief – waren zumindest drei Kubikmeter Kalkstein zu bewegen, eine Masse von rund zehn Tonnen. Oder anders: das Gewicht, das ein leerer Stadtbus hat. 40 Menschen werden allein für das Ziehen eines solchen Steinkolosses auf Rollschlitten benötigt, wie man durch Experimente auf der pazifischen Osterinsel weiß. Männer und Frauen erhielten dort den Auftrag, Repliken der legendären Moai-Stelen zu bewegen. Für eine zwölf Tonnen schwere Säule und ohne die Unterstützung von Rollhölzern wurden sogar 180 Menschen gebraucht.
Doch geht es nicht um die reine
Kraftleistung. In Asien beobachteten
Ethnographen noch in
historischer Zeit, wie sich Megalithentransporte
zu gesellschaftlichen
Großereignissen auswuchsen,
in die Hunderte von
Menschen einbezogen waren.
Dies könnte, vor rund 1000 Jahren,
auch bei den Osterinsel-Stelen der Fall gewesen sein. Und
ebenso ist es am Göbekli Tepe zu vermuten, zumal dessen Pfeiler ein unglaublich viel höheres Alter haben. Mit 11000 Jahren sind es die ältesten Monumente, die je von Archäologen gefunden wurden.
Es war im Oktober 1994, als
der gebürtige Franke und ein Kommilitone
aus Heidelberg die Bedeutung des
Göbekli Tepe entdeckten. Für seine
Habilitationsarbeit wollte Schmidt im
Umland von Urfa alle bekannten oder
potenziell steinzeitlichen Stätten aufsuchen;
den Hinweis auf den Feuerstein-
Fundplatz Göbekli Tepe, Türkisch für
„Gebauchter Berg“, hatte er der wissenschaftlichen
Literatur entnommen.
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Kommentare zu "Die ersten Tempel"
Ich würde erst mal abwarten bis die Wohnstätten der Erbauer gefunden sind, bevor man Sammler und Jäger für Selbige hält. Die hatten genug mit dem Überlebenskampf zu tun, falls sie nicht gerade einen prähistorischen Zoo als Nahrungsquelle hatten... Jäger und Sammler sind zwangsläufig über ein großes Gebiet verstreut; je größer die Gruppe desto größer das Gebiet. Wann und wie sollten dermaßen viele Leute nebst den ausgebildeten Steinmetzen zum Bau zusammen gekommen sein? Auch die Technik ist dermaßen ausgefeilt und ist sicher nicht vom Himmel gefallen. Es muss also auch noch ältere Vorläufer gegeben haben. Fing die Landwirtschaft, die für die erforderliche Arbeitsteilung die Grundlage ist, viel früher an? Auch die Existenz eines Tempels diesen Alters war vor seiner Auffindung für die Wissenschaft unvorstellbar.