GEO Magazin Nr. 4/07 - Was den Menschen prägt Seite 1 von 4
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Text von Michael Stührenberg

Die endlose Fahrt der "Liemba"

Sie hat Kaiser Wilhelm II. überlebt, den Kolonialismus, diverse Kriege und zwei Mal den eigenen Untergang. Und noch immer ist die "Liemba", vor 100 Jahren in Niedersachsen für den Einsatz in Deutsch-Ostafrika gebaut, unterwegs: auf dem Tanganjikasee zwischen Tansania, Sambia und Burundi. An Bord Händler und Huren, Schmuggler und Philosophen, Küchenschaben und Edelsteine, der Duft von Ananas und scharfer Fischgeruch


Irgendwann nach Mitternacht stoppt die "Liemba" ihre Maschinen. Immerhin muss ich geschlafen haben, einen unruhigen Kojenschlaf, der nur von dem Gefühl besänftigt wurde, alles sei in Ordnung, solange wir nur einfach fuhren. Selbst in diesen Zeiten und mitten auf dem Tanganjikasee irgendwo zwischen Tansania und dem Kongo, Sambia und Burundi. Aber jetzt sind die Signale der Bordsirene zu hören. Motorschaden? Piraten? Mann über Bord? Kurz darauf herrscht Stille, und auch sie ist unheimlich. 500 Passagiere haben sich für die Fahrt an die Südspitze des Sees nach Mpulungu in Sambia eingeschifft, die meisten in der 3. Klasse im Unterdeck, neben dem Maschinenraum, wo die Luft knapp und klebrig ist und höllisch der Lärm.



Foto von: Pascal Maitre
© Pascal Maitre
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Vor 100 Jahren wurde die "Liemba" in Niedersachsen gebaut. Noch heute ist sie im Einsatz

Schmugglerware mitten in der Nacht

Beunruhigt tappe ich hinaus ins Freie und beuge mich über die Reling. Nichts zu sehen. Ich suche den Kapitän, finde ihn auf der Brücke. Seif Mlambalazi starrt hinab aufs Ladedeck drei Meter unter uns. Im Licht der Bordscheinwerfer sind gewaltige Säcke zu sehen, die aus der Luke zwischen dem Ladedeck und dem überfüllten Laderaum im Schiffsbauch quellen. Ein jeder 100 Kilogramm schwer, aufgebläht von zigtausend Sardinen aus dem Tanganjikasee, deren scharfer Geruch in den Kommandostand hochsteigt. Davor Männer in T-Shirts, Frauen in bunten Wachstüchern: Händler, die ihren Anteil an der Fracht Tag und Nacht nicht aus den Augen lassen. "Was ist los?", frage ich. "Wir warten", sagt Mlambalazi. "Worauf?" - "Auf Fracht." Um zwei Uhr morgens? Mitten auf dem Tanganjikasee? Also Schmuggelware? Als könnte er meine Gedanken erraten, fügt der Skipper hinzu: "Am Ufer liegt ein Fischerdorf. Bestimmt werden alle kommen und Fracht bringen." Kurz darauf schießt eine Barkasse in den Lichtkreis, den die Bordscheinwerfer aus dem See herausschneiden. An Bord weitere 100-Kilo-Säcke Trockenfisch.


Vor 15 Jahren, erzählt Mlambalazi, sei der Tanganjikasee noch das Zentrum einer ruhigen Welt gewesen. Damals habe die "Liemba" ihre wöchentliche Sambia-Fahrt in Bujumbura gestartet, der Hauptstadt Burundis. Und auch die Häfen am kongolesischen Ufer, vor allem Kalemie, hätten auf ihrer Strecke gelegen. Doch dann brach das Unglück über die Großen Seen herein. Dem Morden unter Hutu und Tutsi in Ruanda und Burundi folgten die Kriege im Kongo und weitere Gräuel, wie etwa der Krieg gegen die Kinder in Uganda. So ist die Region zu einem der größten Katastrophengebiete der Welt geworden.



Foto von: Pascal Maitre
© Pascal Maitre
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Schwer beladen mit Menschen, Früchten und Säcken voller getrockneter Sardinen stampft die "Liemba" über den Tanganjikasee

Am Tanganjikasee lebt die Wirtschaft von der "Liemba"

Am Tanganjikasee lebt die Wirtschaft vom Transport. Das heißt: in erster Linie von der "Liemba". 16-mal hält das Schiff zwischen Kigoma und Mpulungu. Vor 16 Dörfern, die Inseln zwischen Wasser und Wildnis gleichen. In einer Gegend, in der es auf Hunderten von Kilometern nicht eine Piste gibt. Nur Berge und Busch. Und selten, meist im Schutz einer kleinen Bucht, ein paar Hütten aus Lehm und Stroh. Ein Ruderboot taucht in den Lichtkreis um unser Schiff: fünf Männer, begleitet von drei an den Füßen zusammengebundenen Hühnern. Als die Ruderer andocken, ziehen Hände die Dorfbewohner und ihr Federvieh an Bord. Eine Szene wie aus einem Buch von Joseph Conrad. Wie eine Erinnerung an jene Tage, als dieser Teil Afrikas für Europäer nichts anderes war als das "Herz der Finsternis". Als die "Liemba" noch den Namen "Graf Goetzen" trug und zum ersten Mal über den Tanganjikasee fuhr. So geschehen nach dem Willen Kaiser Wilhelms II. im fernen Berlin.



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Kommentare

Axel Staudte | 04.02.2008 13:45

Habe von meiner Tochter das Buch "Eine Frage der Zeit" von Alex Capus geschenkt bekommen. Es hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich mehr über das Schiff wissen wollte. Über Wikipedia stieß ich auf diesen Artikel. Wunderbar, sowohl vom heutigen Leben des Schiffes wie von seiner Geschichte zu lesen - und die Bilder wie aus 1001 Nacht zu sehen. Beitrag melden!

Heiderose Stoll | 26.11.2007 20:17

Weihnachten 1973: 7 Wochen kampierten wir in unserem VW-Bus in Mpulungu und warteten wir auf die Liemba, der, wie wir meinten, einzigen Möglichkeit, die für uns verschlossene Tanzania-Grenze zu umgehen (wir kamen aus Südwestafrika und "kollaborierten "somit mit Südafrika: go back! hieß es). Der Harbour Master versprach uns fast täglich das Schiff für nächste Woche, für übermorgen... - 7 malerische Wochen am Tanganyika-See mit schwimmen, Fische braten, Brot- und Christstollen in der Glut backen, Sonnenuntergängen - aber wir wollten weiter, heimwärts, und die Regenzeit für die Kongo-Querung drohte. - Pater Guido, bei dem wir Lesestoff borgten, riet uns, es doch über die kleineGrenze zu versuchen. - 5 Jahre später erhielten wir einen Brief von Pater Guido: "... ich habe Ihnen versprochen, sofort zu schreiben, wenn das berühmte Schiff "Liemba" kommt. Gestern, 25.1.1979 um 9 Uhr ist die Liemba in Mpulungu eingefahren.. .es hat genau 8 Jahre und 3 Monate gedauert für die Reparatur! Beitrag melden!

Steffen | 01.10.2007 20:20

Ein ganz großartiger Artikel. Vor drei Jahren durfte ich eine Fahrt auf der Liemba von Kipili nach Kigoma selbst erleben. Das bunte Treiben auf dem Schiff und drum herum werde ich nie vergessen. Der Artikel ruft ruft viele schöne Erinnerungen hervor und die Fotos sind genial. Beitrag melden!

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