Hauptspalte:
Im Tal der Giganten
1500 Jahre lang thronten die größten aufrechten Buddhastatuen der Erde im Kliff von Bamiyan - bis die Taliban sie im März 2001 sprengten. Was soll mit dem zerstörten Weltkulturerbe geschehen? Politiker, Restauratoren und Talbewohner sind sich darüber uneins. Lässt sich wenigstens die Erinnerung bewahren? Dem Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei ist es gelungen
Sayyed Mirza zeigt in die riesige Felsnische. Ganz oben ist eine Art Balkon zu sehen; ungefähr auf der Höhe, wo früher einmal der Kopf des Großen Buddha gewesen sein muss. Von der Brüstung bis zum Boden sind es über 50 Meter. Von dort oben haben zwei Taliban-Soldaten Sayyed Mirza an einem Seil heruntergelassen. Das war am 8. März 2001, und im Tal von Bamiyan herrschte noch tiefer Winter. Auf 2500 Meter Höhe drängen sich die schroffen Berge zu mächtigen Ketten zusammen. Trockene Bachläufe und Tierpfade tätowieren die ausgedörrten Hänge mit kalligraphischen Linien. Das sind die Täler im Hindukusch. "Ich baumelte an einem Hanfstrick", erzählt Sayyed Mirza. "Gehalten nur von meinen Feinden. Ich sollte Löcher in den Leib der Buddhas bohren."

Buddhistische Mönche haben hier vor 1500 Jahren monumentale Figuren aus dem weichen Gestein des Kliffs gehauen, um Bamiyan zu einem Zentrum ihres Glaubens zu machen. 55 Meter hoch die große, 38 Meter die kleine - die gewaltigsten stehenden Buddha-Figuren, die jemals geschaffen wurden. Jetzt sind ihre Nischen leer. Die 750 uralten Gebetsgrotten und Mönchsklausen liegen verlassen. Die Menschen vom Volk der Hazara, die sie über Generationen bewohnten: Sie wurden vertrieben. Auch Sayyed Mirza, der die Schande der Zerstörung vorbereiten musste. "Nach dem Bohren", fährt er fort, "musste ich Sprengstoff in die Löcher stopfen. Und dann die Zünder." Es war ihm, als beteilige er sich an einem Mord.

Rot bedeutet Minengefahr
Am Rand des Kliffs windet sich ein Weg nach oben zur Wölbung der Nische des Großen Buddha. Ein Trampelpfad, halsbrecherisch steil und mit roten und weißen Markierungen versehen. Weiß bedeutet: sicherer Boden. Rot: Minengefahr. Soldaten haben sich am Kliff verschanzt. Mit Ferngläsern, Funkgeräten, Kalaschnikows. Habiba Sarabi hat die Männer abkommandiert. Seit zwei Jahren amtiert die 50-Jährige als Gouverneurin von Bamiyan: eine Hazara und die einzige Frau in Afghanistan, die eine Provinz regiert. Die Soldaten sollen Heckenschützen und Attentäter abwehren. Denn sechs Jahre nach der Flucht des Taliban-Führers Mullah Omar sind dessen Anhänger wieder auf dem Vormarsch. Und der Platz vor der Nische des Großen Buddha wäre für sie ein ideales Ziel für einen Anschlag - weil dort am nächsten Abend der Schweizer Regisseur Christian Frei seinen Film zeigen will: "The Giant Buddhas", ein Essay über Glauben, Fanatismus, Zerstörungswut. Über Ignoranz und Identität. Und: über die Wechselfälle im Leben der Hazara von Bamiyan.
Das Tal ist so unwirklich grün
Vom Balkon aus, der etwa in Höhe der Augen des Großen Buddha liegt, blicken wir weit über das Tal, und sehen es so, wie es auch der Buddha gesehen haben mag: so unwirklich grün, dass es wie eine Fata Morgana zwischen den braunen Bergen erscheint. Ein Fluss rinnt durch das Tal. Kanäle durchziehen das Grün mit einem Netz silberner Fäden. Felswände, von Hitze und Frost zerrissen und vom Wind zu exzentrischen Skulpturen geschliffen, fassen die Ebene ein. "Als wir noch in den Höhlen wohnten", sagt Sayyed Mirza, "war das Kliff wie eine Uhr für uns. An seinen Farben kann man die Zeit ablesen. Jede Stunde hat ihren eigenen Ton." Und wenn sich ein Wind in der Felsspalte fängt, dann ist es fast, als könne man dem Flüstern der Jahrhunderte lauschen: den Gesängen der Mönche, den Gebeten der Pilger.
Momentan sind zu dem Artikel "Im Tal der Giganten" keine Kommentare vorhanden.
Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.











