GEO Magazin Nr. 12/05 - Die Abkehr vom Egoismus Seite 1 von 1
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Artikel vom 22.11.2005

Interview: Rungholt

Als der Ethnologe und Kulturhistoriker Hans Peter Duerr vor elf Jahren begann, im Schlick nördlich der friesischen Hallig Südfall nach der sagenumwobenen Siedlung Rungholt zu suchen, wurde er fündig - und brachte mit seiner Deutung Fachleute gegen sich auf. Anhand neuer Entdeckungen an der Stätte, die 1362 in einer Sturmflut untergegangen ist, wagt er eine noch provokantere These. Er glaubt nachweisen zu können, dass die Menschen an der deutschen Nordseeküste schon vor über 3000 Jahren direkte Handelsbeziehungen mit dem Mittelmeerraum unterhielten


GEO: Herr Duerr, wie bedeutend und wie groß war Rungholt zu seiner Blütezeit? Hans Peter Duerr: Rungholt war zwar keine Stadt im juristischen Sinne, muss aber durchaus städtischen Charakter gehabt haben und verfügte über einen wichtigen Fernhandelshafen. Aufgrund unserer Funde nehme ich an, dass sich dort während der Handelssaison bis zu 4000 Menschen aufgehalten haben. Zum Vergleich: Hamburg hatte damals etwa 10000 Einwohner.

Was genau haben Sie an Ihrem Grabungsort bislang gefunden?

Wir sind nördlich von Südfall auf die Überreste einer mittelalterlichen Handelssiedlung gestoßen, die mit großer Wahrscheinlichkeit Rungholt war. Denn alte Karten aus der Barockzeit, die nur zwei Jahrhunderte nach der Katastrophe erstellt worden sind, vermerken den ausgelöschten Ort genau an dieser Stelle. Neben zahlreichen Hausresten haben wir auch Tuff- und glasierte Formbacksteine sowie Fensterglas und Sargreste entdeckt, die vermutlich von der Rungholter Kollegiatskirche stammen. Auf die Fläche umgerechnet, sind wir an der Grabungsstelle auf mehr Keramik aus Flandern, vom Niederrhein, aus Südfrankreich, dem maurischen Spanien und dem venezianisch-byzantinischen Bereich gestoßen, als jemals in London oder den großen Hansestädten aufgetaucht ist! In einem Vorratskämmerchen fanden wir auch Gefäße mit Gewürzen aus Indien, Westafrika und von den Molukken.

Und was hat es mit dem Ort auf sich, den die Schleswiger Landesarchäologen stattdessen für Rungholt halten?

Der ist 1362 derselben Sturmflut zum Opfer gefallen, war aber offenbar wesentlich kleiner. Er lag südwestlich von Südfall und hieß wahrscheinlich Niedam. Schon vor mehr als 80 Jahren war der Nordstrander Bauer Andreas Busch dort auf Siedlungsreste gestoßen. So galt es bald als ausgemacht, dass an dieser Stelle Rungholt ge-legen haben muss, obwohl man dort bis heute kaum Importkeramik gefunden hat, wie man sie in einer einstigen Handelssiedlung doch in großer Zahl vermuten würde! Man fand zwar Reste einer kleinen Kapelle aus luftgetrockneten Lehmziegeln. Diese kann aber niemals mit der Kirche des Rungholter Kollegiatsstifts identisch gewesen sein, von der die bischöflichen Quellen berichten.

Wie lange hat Ihrer Meinung nach Rungholt existiert, bevor es unterging?

Historiker und Archäologen behaupten unisono, das Rungholtgebiet sei erst um 1200 nach Christus besiedelt worden. Davon aber kann keine Rede sein, denn wir haben nicht nur Hausreste aus dem späten, sondern auch aus dem frühen Mittelalter und noch früherer Zeit entdeckt.

Liegen die wirklich spannenden Funde also unter dem spätmittelalterlichen Rungholt?

Zumindest die überraschenderen. Es gab offenbar verschiedene Vorgängersiedlungen aus dem vierten oder dritten Jahrhundert vor Christus. Ein Fund hat uns nachgerade schockiert: Wir sind auf Überreste levantinischer und vor allem minoischer Transport- und Gebrauchskeramik aus dem Kreta des 13. und 14. Jahrhunderts vor Christus gestoßen. Darunter fanden sich auch Scherben zweier Drei-fußkochtöpfe. Das legt die Vermutung nahe, dass es bereits um 1400 vor Christus Schiffe gab, die von Kreta aus die nordfriesische Küste ansteuerten.

Könnte es sich nicht um Antiquitäten handeln, die ein neuzeitliches Schiff an Bord hatte?

Nein. Unsere Funde lagen unter einer bronzezeitlichen Torfschicht, die sich vermutlich schon 1200 vor Christus gebildet hat. Zwar wurden diese Moorböden bei der Besiedlung im Mittelalter vielerorts abgetragen - aber keineswegs dort, wo Warften, also Hauspodeste, aufgeworfen wurden. Und an genau einer solchen Stelle haben wir die antike Keramik entdeckt! Die Gefäße, die wir gefunden haben, waren auch höchstwahrscheinlich kein Handelsgut, das über Zwischenhändler nach Nordfriesland gelangt sein könnte. Die wertlose Gebrauchskeramik gehörte mit großer Sicherheit zu einer Schiffsausstattung.

Was könnte die Minoer aus Kreta im 14. Jahrhundert vor Christus in die Nordseegelockt haben?

Es war das Zinn aus Cornwall, wie anerkanntermaßen 1000 Jahre später zu Zeiten des Pytheas von Massalia. Das brauchten die Mittelmeervölker zur Herstellung von Bronze. Etwa 1700 vor Christus kam aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen im Orient immer weniger Zinn aus Afghanistan nach Kreta. Statt über Zwischenhändler suchten die Minoer offenbar den direkten Weg - und fanden ihn wohl auch. Und waren sie erst einmal auf der britischen Insel, dann war es auch nicht mehr allzu weit zum "Bernsteinland" an der nordfriesischen Küste, aus dem die Mykener den magischen "Sonnenstein", "die Tränen der Götter", bezogen.

Hans Peter Duerrs Buch "Rungholt - Die Suche nach einer versunkenen Stadt" ist soeben im Insel Verlag erschienen (763 Seiten, 28 Euro).


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