Hauptspalte:
GEOEPOCHE Leseprobe
Auf GEOEPOCHE.de Sachbücher und Quellentexte in Auszügen lesen: Jeweils passend zur aktuellen Ausgabe stellt Ihnen die GEOEPOCHE-Redaktion an dieser Stelle ein neues Werk vor. Zurzeit: "Der Dreißigjährige Krieg"

Jan Peters (Hrsg.): Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg
25. Oktober 1638. Die Kaiserlich-Katholischen versuchen mit aller Macht, die Feste Breisach aus dem Klammergriff der Feinde zu befreien. Tausende Soldaten der habsburgischen Seite stürmen gegen die Schanzen. Ein Inferno aus Feuer und Pulverdampf bricht los, in dem unter dem Geschützdonner der Feldschlangen, Mörser und Kartaunen auch ein Mann kämpft, der bereits seit über einem Jahrzehnt als Söldner dient. Er war in den Schlachten von Breitenfeld und Nördlingen dabei, ist bei Straubing für kurze Zeit von den Kaiserlichen zu den Schweden gewechselt und in Magdeburg verwundet worden – ein Veteran des nicht endenden Krieges, der sich hochgearbeitet hat vom Gefreiten zum Hauptmann einer Kompanie: Peter Hagendorf.
Hagendorf kann lesen, kann schreiben. Unmittelbar nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ersteht er zwölf Bogen feinen Papiers, das er zu Lagen faltet und mit starken Fäden zusammenbindet. In dieses Tagebuch überträgt er seine Notizen und Erinnerungen aus den Feldlagern.
Ein Schatzfund im Archiv
Es sind nüchterne Protokolle der Schlachten, Märsche und Plünderungen, abgefasst in schnörkellosen, einfachen Worten. Erst dreieinhalb Jahrhunderte später, Mitte der 1980er Jahre, wird Prof. Dr. Jan Peters das Schreibheft in der Preußischen Staatsbibliothek Berlin entdecken, 1993 erscheint es in einer wunderbar anschaulichen Edition. Erst durch Vergleiche der Eintragungen von Geburten im anonym verfassten Tagebuch mit den Kirchenbüchern jener Orte, an denen die Kinder des Söldners zur Welt gekommen sind, konnte der Schreiber als Peter Hagendorf bestimmt werden. Sein Tagebuch gilt seither als eine Quelle von unschätzbarem Wert, denn es berichtet über den Krieg als Alltag, wo der Krieg doch so gar nichts alltägliches an sich hat.
Elf Jahre vor der Schlacht um Breisach hat sich Peter Hagendorf bei den kaiserlichen Truppen als Söldner anwerben lassen. Der Grund: Er war pleite. Die letzten Münzen, von denen er sich neues Schuhwerk kaufen wollte, hatte er wenige Tage zuvor in einem Wirtshaus verzecht. "Da ist der Wein so gut gewesen, dass ich die Schuhe vergessen habe."
25000 Kilometer wird Hagendorf als Söldner zurücklegen
Also bindet er sich an einem Apriltag des Jahres 1627 Weidenzweige um die morschen Sohlen und macht sich zu Fuß auf den Weg nach Ulm, wo Truppen für den Kampf gegen die Feinde der Habsburger ausgehoben werden.
Das Tagebuch verrät nichts über Hagendorfs Geburtsjahr und Jugend. Wahrscheinlich, die Sprache lässt darauf schließen, stammt er aus dem Rheinland, womöglich ist er der Sohn eines Müllers – Mühlen kommen in seinen Aufzeichnungen häufig vor. Er hat bereits zuvor als Söldner gedient, unter den Fahnen Venedigs und Parmas in Norditalien. Seine Aussichten, unter Vertrag genommen zu werden, sind gut.
Insgesamt 25000 Kilometer wird Hagendorf als Söldner zurücklegen, wird töten und plündern, wird kreuz und quer durch das Heilige Römische Reich deutscher Nation marschieren, fast alle seine Kinder durch Hunger und Krankheit verlieren, an den größten Schlachten teilnehmen - und doch den Krieg der Kriege überleben. Sein Todesjahr ist unbekannt. Das Tagebuch verzeichnet zwar, wie er am 26. September 1649 mit seiner kleinen Familie durch das Tor von Memmingen hinauszieht, wahrscheinlich haben ihn ausländische Werber verpflichtet. Das letzte Ziel ist Straßburg. Dann aber brechen die Aufzeichnungen ab.
GEOEPOCHE präsentiert hier mit freundlicher Genehmigung von Jan Peters als Download die Einträge der Jahre 1627 bis 1633, einmal in der originalen Orthografie, einmal in Übersetzung.
Jan Peters (Hrsg.), Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg (Akademie Verlag, Berlin 1993), 272 Seiten, zurzeit nur in guten Bibliotheken erhältlich.

























