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Vom Neandertaler zum modernen Menschen
In Schwaben erforschen Archäologen eines der spannendsten Kapitel der Menschheitsgeschichte

Keine Tempel, keine Großskulpturen - und doch hat das "Ländle" Archäologen einen faszinierenden Forschungsgegenstand zu bieten. Denn vor rund 40 000 Jahren trat hier der anatomisch moderne Mensch in Erscheinung und hinterließ in den Karsthöhlen am Rande der Schwäbischen Alb Zeugnisse seiner Handwerkskunst - darunter die ersten bekannten Kunstwerke der Menschheit überhaupt: Vollendet geschnitzte Elfeinbein-Statuetten, Tierfiguren, Schmuck und sogar eine Flöte. Damit gehören die Höhlen der Schwäbischen Alb zu den bedeutendsten prähistorischen Fundorten weltweit.
Was die Erforschung der Jahrzehntausende alten Erdschichten besonders spannend macht: Die Archäologen glauben, dass der anatomisch moderne Mensch, aus Afrika kommend, noch Jahrtausende in denselben Gegenden lebte wie der eingeborene Neandertaler - bis sich vor etwa 30 000 Jahren jede Spur von den Neandertalern verliert. Waren sie Opfer gezielter Ausrottung? Zogen sie sich in entlegenere Regionen zurück und führten erschwerter sozialer Austausch und Geburtenrückgang zu ihrem Aussterben? Weder für eine längere friedliche Nachbarschaft von Neandertalern und modernen Menschen noch für kriegerische Auseinandersetzungen zwischen ihnen gibt es eindeutige Belege.
Und gab es einen kulturellen Austausch? Oder gar "Mischehen"? Ein Skelettfund aus Zentral-Portugal erschütterte Ende der 90er Jahre die Theorie, nach der die Menschgruppen verschiedenen Arten angehörten: Homo sapiens und Homo neanderthalensis. Die Überreste eines 4-5-jährigen Kindes in einem fast 25 000 Jahre alten Grab weisen nämlich Merkmale sowohl der einen als auch der anderen Menschengruppe auf. Ein Hinweis darauf, dass es sich beim Neandertaler nur um eine Unterart von Homo sapiens gehandelt hat? In der Forschung ist dieser Beleg nicht unumstritten.
In zahlreichen Beiträgen über die Genese unseres Bildes vom Neandertaler, über die Umweltbedingungen zur Zeit der Neandertaler, über neue Funde, Erkenntnisse der Paläogenetik und Datierungsmethoden kreist der Begleitband zur Ausstellung "Die Begegnung von Neandertalern und modernen Menschen" sein Thema ein. Hinweise gibt es in dieser Forschung zahlreiche. Fakten nur wenige. So schildert der Band nicht nur das Ringen um gesicherte Erkenntnis, sondern auch, wie die archäologische Forschung selbst sich entwickelt hat. Dabei wird auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie sehr das frühe Bild vom Neandertaler als keulenschwingendem Grobian auf historisch bedingten Missverständnissen beruhte.
Der Neandertaler von heute kommt ungleich gebildeter und kunstsinniger daher. Aber sein Verschwinden bleibt rätselhaft. - Übrigens ebenso rätselhaft wie die Kunst und Geisteswelt seines Nachfolgers. Denn die große genetische und anatomische Ähnlichkeit mit uns darf nicht zu der Annahme verleiten, wir hätten schon alles begriffen, was die "modernen" Menschen vor 30 000 oder 40 000 Jahren umtrieb. Darüber, in welcher Welt sie lebten, geben auch Pollenanalysen und Temperaturkurven nur sehr begrenzt Auskunft.
Vom Neandertaler zum modernen MenschenHg. v. Nicholas J. Conrad, Stefanie Kölbl, Wolfgang Schürle
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
Thorbecke Verlag, Juni 2005
ISBN 3799590870
19,90 Euro
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