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Band 15-16: Religionen

Glauben, Riten, Heilige: Der Theologe Paul Zulehner beantwortet den GEO-Fragebogen



Zum Erscheinen des GEO Themenlexikons haben wir Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete gebeten, uns einige Fragen zu beantworten: über Bildung, Wissen und die nie endende Suche nach letzten Gewissheiten zwischen A und Z. In diesem Monat hat Professor Dr. Paul Zulehner unseren Fragebogen ausgefüllt. Er lehrt Religionssoziologie und katholische Theologie an der Universität Wien.

Herr Professor Zulehner, welche Stichworte mit A haben für Sie als Theologen besondere Bedeutung?
„Adam“ steht am Beginn, „Apokalypse“ am Ende der menschlichen Geschichte. Allein das Wort mahnt, dass – wie am Beginn – auch am Ende ein gewaltiges Ereignis steht. Reift bloß die Geschichte aus? Oder kommt es zu einer tief greifenden Transformation, „wie durch Feuer“ hindurch (1. Kor. 3,15)?

Zu welchem Thema müsste man für Sie ein Lexikon erfinden?
Für die Jahre, die vor uns liegen, wäre ein „Lexikon für spirituelle Praxis“ von hohem Wert. Es könnte eine Art Fangnetz für den spirituellen Seilakt bilden, auf den sich viele ZeitgenossInnen begeben haben.



Welcher Irrtum sollte endlich aufgeklärt werden?
Die falsche These: „Je moderner eine Gesellschaft ist, desto säkularisierter ist sie.“ Inzwischen stellt sich nämlich eine spirituelle Dynamik ein, die zwar nicht unbedingt den christlichen Altkirchen Aufwind gibt, aber die Säkularisierungsthese überraschend umkehrt. Jetzt scheint sie zu lauten: „Je moderner, desto säkularisierter – aber damit auch: spiritualitätsproduktiver.“

Mit welchem Satz können Theologen bei Abendgesellschaften Eindruck machen?
Mit dem Satz: „Man müsste das Glück haben, als Auto zur Welt zu kommen, dann wäre man moralisch gut geschützt.“ Er bezeichnet auf sarkastische Weise die Schlagseite, die unser Wertesystem hat: Denn in ihm gilt es als höchst unmoralisch, ein fremdes Auto unerlaubt in Betrieb zu nehmen. Weit flexibler hingegen sind die Menschen, wenn es um das Leben ungeborener Kinder geht: Unbelebte Güter werden moralisch entschiedener verteidigt.

Wozu braucht man Experten?
Die Ur-Experten sind die Menschen, die Lebenserfahrungen machen. Die Menschheit hat sich aber immer den Luxus geleistet, diese Erfahrungen zu reflektieren, zu hinterfragen. Das ist die Arbeit der „Sekundär- Experten“. Schädlich jedoch wäre eine Herrschaft dieser Sekundär- Experten: eine Expertokratie. Sie würde die lebensklugen Ur-Experten entmündigen.

Welchen Zusammenhang sollte jeder kennen?
Schuldig zu werden ist nie ein Kavaliersdelikt. Denn wer schuldig wird, schlägt immer einen Weg ein, bei dem Leben nicht auf-, sondern umkommt.

Welchen Lexikoneintrag würden Sie gern schreiben?
Verlockend fände ich einen Eintrag zu „Spiritualität in modernen Kulturen“. Hier ist viel in Bewegung. Man müsste ein „Spiritualitätsmonitoring“ entwerfen, das ohne die alten Deutungsmuster wie Säkularisierung oder Respiritualisierung die echte Entwicklung abbilden kann.

Welchem unbekannten „Helden“ würden Sie einen Eintrag im Lexikon wünschen?
Im christlichen Raum ehren wir meist Menschen der handfesten Nächstenliebe: eine Teresa von Kalkutta, einen Vinzenz von Paul, einen Franz von Sales. Es wäre überraschend, mal einen Politiker oder Banker heiligzusprechen, der nicht nur Opfern hilft, sondern durch seine Arbeit dazu beiträgt, dass man morgen weniger Opfern helfen muss. Ein solcher „Heiliger gerechterer Strukturen“ wäre eine Alternative zu den „gerechten Heiligen“, von denen es gottlob viele gibt.

Braucht man heute noch Lexika?
Das Internet ist für die Wissenschaft unentbehrlich geworden. Dennoch liebe ich auch Lexika: Sie haben etwas Gemütliches, wollen im Lehnstuhl geschmökert werden. Wissen, in Lexika aufgehoben, ist gewichtiger, verlangt nach einem Glas Wein und nach einer behaglichen Zigarre.

Gibt es ein Stichwort mit Z, mit dem Sie sich oft befassen?
Als Katholik habe ich oft mit „Zentralismus“ zu tun: Es ist der klägliche Versuch, Universalität durch Uniformität zu sichern. Das stärkt zwar die Rolle der katholischen Kirche als des einzigen menschenfreundlichen „global players“. Zugleich aber kostet Zentralismus zu viel. Er tendiert zur Kontrolle und vergeudet mit seinem in einer fernen Zentrale festgelegten Regelkorsett die für religiöse Gemeinschaften grundlegende Ressource Vertrauen. Denn die muss von Geistlichen und Gemeindemitgliedern vor Ort in den verschiedensten Situationen immer neu erkämpft werden.



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