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Ines Possemeyer

Ines Possemeyer

Textredakteurin

E-Mail:

Am Tag nach dem Radrennen in Eritrea (GEO Nr. 04/2010) hatte sich die gesamte Nationalmannschaft noch einmal versammelt. Es war der Moment für Dankesworte und den Abschied. Und plötzlich war er da, der Kloß in meinem Hals. Ich wusste, ein Satz noch, und mir würden die Tränen kommen. Zehn Tage hatte ich mit den 16 jungen Radrenn- fahrern verbracht. Sie beim Training begleitet, im selben Hotel übernachtet, mit ihnen gegessen, gebangt, getanzt. Sie hatten mich Teil ihres Teams sein lassen, ganz selbstverständlich. Dabei war nichts daran selbstverständlich, mich, die fremde Journalistin, ungeschützt an ihrem Leben teilhaben zu lassen in dem Vertrauen, dass ich später Worte finden würde, die keinem von ihnen Schaden zufügen würden, zumal in einem Überwachungsstaat.

Bei einer Recherche kann in zehn Tagen eine Nähe entstehen, für die es zu Hause, im Alltag, mindestens Monate braucht. Und dann ist sie beim Abschied fast jedes Mal da: diese Mischung aus Dankbarkeit, Zuneigung, Wehmut, Sorge. Wie sagt man "Auf Wiedersehen", wenn jemand in einem totalitären Staat lebt oder wenn jemand arm und krank ist? Wie wünscht man "alles Gute", wenn es nichts Gutes gibt? Wie wird das Leben jener, über die man schreibt, weitergehen? Ich weiß nicht, ob der HIV-positive Julius Mutesi aus Uganda inzwischen genug lesen gelernt hat, um das "Erinnerungsbuch" seiner kranken Mutter Getu zu lesen (GEO Nr. 05/2008). Aber ich war glücklich, als ich nach drei Jahren eine holprige E-Mail von Simon Aguape bekam, dem kleinen rundlichen Geigenspieler aus dem bolivianischen Regenwald, der nun dank eines Stipendiums ein Musikstudium beginnen konnte. Auch Kebede Kebere, einen Kaffeebauern in Äthiopien, habe ich nicht vergessen. "Du bist jetzt wie eine Tochter für mich", hatte er beim Abschied gesagt. Kurz darauf wurde er für zwei Wochen verhaftet, weil mein Besuch in einem Polizisten Neid und Missgunst geweckt hatte. Acht Jahre sind vergangen. In diesem Jahr werde ich wieder hinfahren, den Pfad durch den Wald suchen und vor einer Rundhütte seinen Namen rufen. Mit einem Kloß im Hals.

Ines Possemeyer, 41, wuchs in der westfälischen Kleinstadt Ibbenbüren auf. Es folgten zwei Jahre in Paris, Toronto und New York, wo sie als Straßenmalerin alte Meister kopierte. Eines ihrer Werke tauchte als "Original" zum 700-fachen Preis wieder auf. Sie entschloss sich trotzdem gegen eine Karriere als Kunstfälscherin, studierte Literaturwissenschaft, Politik und VWL in Hamburg und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule. Zwischendurch entstanden Dokumentarfilme, zunächst, was sonst, über Straßenkünstler in Paris. Bis heute kombiniert Possemeyer Schreiben und Filmen: Einmal im Jahr dreht sie eine GEO-TV-Reportage; als GEO-Redakteurin schreibt sie vor allem über Themen aus den Bereichen Psychologie und Gesellschaft.


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