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Erdbebenforschung: Klang einer Katastrophe
Am 25. März 2002 haben zwei schwere Erdbeben der Stärke 5,0 und 6,0 im Norden von Afghanistan vermutlich tausende Opfer gefordert. Die schwer zugängliche Hindukusch-Provinz Baghlan war als am schwersten betroffen. Erdbebenwarnungen funktionieren immer noch nur in Ausnahmefällen. Der Geophysiker und Philosoph Florian Dombois hat nachgegrübelt - und ein eigenes Konzept entwickelt: Er macht Erdbeben hörbar.
Kobe, Dienstag, den 17. Januar 1995, 5:46 Uhr Ortszeit: Nur für zwanzig Sekunden bebt die Erde der japanischen Hafenstadt. Doch diese wenigen Sekunden genügen, um die Millionenmetropole in ein Trümmerfeld zu verwandeln. Bilanz: über 4500 Tote, mehr als 40.000 eingestürzte Gebäude und 270.000 Obdachlose.
Erdbeben lassen sich trotz intensiver wissenschaftlicher Forschung nicht vorhersagen. Unsere Sinnesorgane und sämtliche technische Hilfsmittel reichen dafür nicht aus. Selbst die Auswertung von Erdbeben ist oft kompliziert und langwierig.

Kurven als Partitur
"Dies liegt hauptsächlich daran, dass wir so auf das Visuelle fixiert sind", so der Geophysiker und Philosoph Florian Dombois. Seiner Ansicht nach, lassen sich Eigenschaften von Erdbeben mit dem menschlichen Gehör sehr viel schneller und genauer erfassen: "Gerade unser Ohr nimmt Zeit und Veränderung von Ereignissen war und vergleicht Geschehenes mit dem, was noch kommt." Florian Dombois vom Fraunhofer Institut für Medienkommunikation befasst sich schon seit Jahren mit der Akustik von Erdbeben. Diesem Thema hat er auch seine Dissertation gewidmet.
"Die herkömmlichen Seismometer", erklärt Dombois, "registrieren Erdbeben, indem sie die Schwingungen als Zickzack-Linien aufzeichnen. So entsteht ein Seismogramm. Folgt man der seismografischen Kurve mit einer Lautsprechermembran und erhöht man die Geschwindigkeit, dann verwandeln sich Bodenbewegungen in Klänge. Der tiefe Ton, den die Erde bei einem Beben produziert, wird für Menschen hörbar."
Ein Katastrophen-Orchester
Um die Wirkungsweise seines Klangmodells zu erklären, zieht Florian Dombois den Vergleich mit einem Orchester heran: "Das Gehörte läßt sich als ein Konzert wahrnehmen, die Erdbeben-Herde könnten als Instrumente gelten. Das Umgebungsgestein hätte die Eigenschaften eines Resonanzkörpers, geologische Schichtung und Verwerfung bestimmten die unterirdische Akkustik. Die tektonische Spannung findet ihre Entsprechung in Kraft und Ausdruck der Musiker, die seismische Aktivität bestimmt die Dynamik der Komposition. Der Erdbebenforscher wird zum Konzertbesucher, der sich im Klangerlebnis zu orientieren versucht. Ihm ist hier die Identifizierung von Tönen und Tonfolgen aufgegeben. Er hat auf Klangfarben und Stimmung zu achten. Klingen die Töne kratzend, schrill oder dumpf?"
Mit der Methode von Dombois kann man sehr schnell zwischen einem Erdbeben an einer Subduktionszone und dem an einem Mittelozeanischen Rücken unterscheiden. Ob sich das menschliche Gehör als wissenschaftliches Messinstrument etablieren und zur Vorhersage von Erdbeben hinzugezogen werden kann, muß sich noch erweisen.
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