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Liebe und Sex: Das geheime Lippenbekenntnis

Beim Küssen tauschen Menschen geheime Botschaften aus - etwa ob der Partner eher rabiat ist oder sinnlich, gesund oder kränklich, zurückhaltend oder begierig.

Text von Rainer Harf

Rund 90 Prozent aller Menschen auf der Erde kennen den Kuss als Zeichen von Liebe und Verbundenheit (Foto von: www.pixelio.de/www.fotologia.ch)
© www.pixelio.de/www.fotologia.ch
Rund 90 Prozent aller Menschen auf der Erde kennen den Kuss als Zeichen von Liebe und Verbundenheit

Seit einigen Jahrzehnten streiten Wissenschaftler über den Ursprung eines Phänomens, das uns so vertraut ist wie das Händeschütteln: Sie fragen sich, weshalb Menschen einander küssen. Was treibt uns dazu, im Laufe eines Lebens durchschnittlich 100000-mal die Lippen eines anderen Menschen zu liebkosen?

Das Saugen an der mütterlichen Brust, vermutete Sigmund Freud Anfang des 20. Jahrhunderts, verschaffe dem Baby einen derart großen Genuss, dass sich der Erwachsene noch immer nach jener oralen Befriedigung sehne. Zeitlebens suche er das Verlangen mit Küssen zu stillen.

Frauen in der Urzeit haben womöglich den Kuss erfunden
Später stellte der britische Zoologe Desmond Morris die These auf, die Mütter selbst hätten den Urkuss erfunden: In der Frühzeit des Menschen hätten Frauen ihren Kindern das Essen vorgekaut und dann mit gespitzten Lippen eingeflößt – ähnlich wie es Schimpansenweibchen heute noch tun. Mit der Zeit seien sie dann dazu übergegangen, ihre Kinder durch liebevolles Küssen zu beruhigen und ihnen ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln. Und daraus habe sich der partnerschaftliche Kuss entwickelt, als Ausdruck für Leidenschaft und Erotik.

Vielleicht aber, so die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld, hat es sich auch ganz anders zugetragen. Etliche Tiere schnüffeln zur Begrüßung oder während der Partnersuche am Hinterteil eines Artgenossen – dieses Ritual aber wurde für unsere Vorfahren schwierig, als sie ihren Oberkörper aufrichteten und auf zwei Beinen zu laufen begannen, vermutet die Kussforscherin. Mit dem aufrechten Gang habe sich die Geste wohl vom Gesäß zum Gesicht verlagert.

Immerhin sind sich die Wissenschaftler darin einig, dass ein verblüffender Prozess in Gang kommt, sobald sich zwei Lippenpaare berühren. In Bruchteilen einer Sekunde senden Abertausende Nervenzellen Botschaften an Gehirn und Körper – Informationen darüber, wie der fremde Mund schmeckt und riecht, ob die Lippen warm oder kalt sind, glatt oder rau, fest oder weich. Allein fünf der insgesamt zwölf Hirnnerven werden aktiviert.

Beim Küssen schicken Tausende Nervenzellen Signale ans Gehirn
Das neuronale Signalfeuer löst in unserem Kopf aber nicht nur ein bewusstes, sinnliches Erlebnis aus. Vielmehr schicken die Nerven Befehle ans limbische System – ein archaisches Hirnareal, das unterbewusst arbeitet. Dort stellen Drüsenzellen einen Cocktail körpereige-ner Drogen her und schütten sie in die Blutbahn, wodurch weitere Botenstoffe produziert werden: Endorphine und Hormone, etwa Oxytocin, die Stress abbauen, das soziale Bindungsgefühl steigern, uns sexuell erregen.

Die Küssenden werden intimer, streicheln sich. Über das Rückenmark werden die Berührungen an den Händen, am Rücken oder am Hals registriert und ans Nervensystem weitergeleitet. Sofort beauftragt der Hirnstamm Muskeln in den Arterienwänden, sich zu entspannen: Die Durchblutung steigt, unser Gesicht errötet.

Hirnregionen für depressive Stimmungen werden deaktiviert. Wir atmen flacher, unser Herz schlägt schneller. Der Körper heizt sich auf – und wird sogleich wieder abgekühlt: Schweißdrüsen sondern winzige Tropfen ab, die sexuelle Duftstoffe freisetzen. Die Nebennieren-rinden bilden Adrenalin und putschen den Körper damit auf. Mitunter zittern die Knie, oder wir bekommen Gänsehaut. Insgesamt bewegt ein Mensch beim Küssen mehr als 30 Muskeln.

Steigt die Erregung über ein bestimmtes Maß hinaus, produzieren Hoden und Eierstöcke das Lusthormon Testosteron: Penis und Klitoris erigieren, die Vaginalwände und die äußeren Schamlippen schwellen an. Die besondere Lippen- und Zungenfertigkeit, die der Homo sapiens im Lauf seiner Entwicklungsgeschichte erworben hat, vermag ihn also in einen rauschhaften Zustand zu versetzen. Nicht zufällig sind die Lippen der Körperbereich mit der dünnsten Haut und der wohl höchsten Dichte sensorischer, also Sinneseindrücke verarbeitender Nervenzellen.


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