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Leseprobe: Wie Kinder essen lernen

Die Medizinerin und Ernährungsexpertin Marguerite Dunitz-Scheer erläutert, auf welche Weise Eltern ihrer Vorbildfunktion gerecht werden können


Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Gesunde Ernährung":


GEOkompakt: Frau Prof. Dunitz-Scheer, was ist für Sie gutes Essen?

Marguerite Dunitz-Scheer: Etwas liebevoll Zubereitetes und Wohlschmeckendes. Gesunde Ernährung bedeutet nicht: Päckchen aufreißen und die Mikrowelle anwerfen. Sondern schon kleine Kinder in den Prozess der Ernährungsbeschaffung und der Herstellung einzubinden.


Das gemeinsame Kochen gehört – wie
auch das Einkaufen und die Mahlzeiten am
Familientisch – zu den grundlegenden
kulinarischen Aktivitäten, die Eltern ihren
Kindern vorleben sollten (Foto von: Katrin Trautner)
© Katrin Trautner
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Das gemeinsame Kochen gehört – wie auch das Einkaufen und die Mahlzeiten am Familientisch – zu den grundlegenden kulinarischen Aktivitäten, die Eltern ihren Kindern vorleben sollten

Man sollte also schon mit einem Kleinkind bewusst einkaufen gehen?

Ja, das kann auf einem Markt durchaus Spaß bereiten, und das Kind lernt dabei viel. Es sieht, was ein Apfel ist, und lernt, was eine Birne ist, es weiß, dass es im Winter keine Himbeeren gibt. Daheim kann man dann alles gemeinsam auspacken, herrichten und kochen. Schon dreijährige Kinder können ganz wunderbar Fruchtsalat machen. Die sind dabei meist ganz begeistert, weil sie was Wichtiges tun, weil sie was Richtiges machen und dafür gelobt werden.

Eine Familie, die kocht, sich viel bewegt und Sport treibt, schafft ein Umfeld, in dem Hunger und Sättigung wahrgenommen werden – und auf diese Weise ein Gefühl für den Energieverbrauch. Damit schaffen die Eltern das wichtigste Modell für ihr Kind: nämlich, dass Essen eine soziale Errungenschaft ist – gemeinsamer, erlebter Genuss.

Und selbstverständlich sollten Eltern ein ausgewogenes und hochwertiges Essen auf den Tisch stellen.


Was heißt das konkret?

Damit ist eine klassische Kombination der drei Grundlagen Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate gemeint. Wir reden also zum einen von qualitativ möglichst hochwertigem Fleisch und Fisch sowie von Eiern und Milchprodukten. Dann von Fett – am besten in Form von mehrfach ungesättigten Fettsäuren, wie sie in Raps-, Soja- oder Olivenöl enthalten sind. Und schließlich von den Kohlenhydraten im Reis, in den Nudeln oder Kartoffeln.


Aber was tun, wenn Kinder darauf bestehen, sehr selektiv zu essen – also beispielsweise keinerlei Obst, dafür aber süße Säfte und Joghurts?

So etwas können sich die Kleinen ja nur dann leisten, wenn diese Speisen von ihren Eltern überhaupt erst eingekauft worden sind – und die Kinder zudem glauben, sich mit ihrem Willen auch durchsetzen zu können. Das passiert etwa, wenn eine alleinerziehende Mutter ihren Sohn wie einen Lebenspartner behandelt – und der dann seine Macht testet.

Die Zahl dieser heiklen Esser nimmt derzeit enorm zu. Es sind zumeist intelligente Kinder, und je schlauer sie sind, desto trickreicher versuchen sie, ihre Eltern zu manipulieren. Und dann geben die Erwachsenen nach. Damit das Kind wenigstens irgendetwas isst.


Das aber sollte man nicht: nachgeben?

Tatsächlich besteht in dieser Situation die Gefahr, genau das zu tun. Denn der stärkste Motor ist die Angst: davor, dass das Kind quasi Hunger leidet oder Falsches isst. Dazu kommt, dass viele Eltern durch zu viele Ratgeber, die sie gelesen haben, überinformiert sind und nun das Dogma im Kopf haben, die Kinder müssten beispielsweise jeden Tag exakt festgelegte Anteile von Gemüse, Obst und Fleisch essen und das womöglich jeweils zu strikt einzuhaltenden Tageszeiten. Sie versuchen, ihren Nachwuchs in ein Korsett zu zwingen. Aber dann gibt der zu verstehen: Heute will ich dies oder jenes nicht. Schon entsteht eine Spannung, der Erwartungsdruck steigt. Und das Kind übt seine Macht in der Verweigerung aus.


Soll man Grenzen setzen?

Das Gerede über das Ziehen von Grenzen ist Unsinn. Diese Limitierung hört sich in der Theorie gut an, ist aber in der Praxis untauglich, wenn man mit seinem Kind in gegenseitigem Respekt leben will. Man sollte einfach seinen Menschenverstand bewahren und eben nichts einkaufen, was man nicht auf dem Teller seines Kindes sehen will. Eltern bestimmen also, welche Ernährung daheim die Norm ist, das Kind hat aber das Recht, davon zu essen, wie viel es möchte. Wir mischen uns ja auch nicht ein, wann der Nachwuchs aufs Klo geht und wie viel er urinieren soll.


Wie aber sollen Eltern bei widerspenstigen Kindern reagieren, die beispielsweise nur Bockwurst und Pudding essen wollen?

Zunächst ignorieren, wenn die Kleinen sich diese Dinge aus dem Kühlschrank holen – denn die beste Intervention ist die Nichtintervention. Das bedeutet allerdings nicht, dass man den Launen der Kinder beliebig nachgeben, sondern nur, dass man ihnen eine gewisse Zeit lang erlauben sollte, selbst herauszufinden, was sie mögen.

Spätestens ab der Vorpubertät mit acht, neun Jahren probieren Kinder ja alles aus, testen ihre Möglichkeiten. Heiter wegschauen ist da eine gute Methode für eine gewisse Zeit. Damit zeigt man seinem Kind, dass man dessen Selbstverantwortung respektiert.

Zusammenleben mit Kindern funktioniert nur mit Humor und Respekt, es geht dabei nicht um Macht. Wir Erwachsenen haben die Aufgabe, jedem Kind ein genügend attraktives Vorbild zu sein, sodass es mit Freude jeden Tag erlebt und lernt, sein Selbstvertrauen und eine altersangemessene Selbstverantwortung und Sozialkompetenz zu entwickeln. Sich in die Nahrungswahl seines Kindes im Detail einzumischen ist unnötig, übergriffig und beziehungsbelastend. Diese Einmischung ist aus meiner Sicht Unsinn mit tragischen Konsequenzen. Wer die gleiche Energie einsetzt, um ein authentisches Vorbild bei der Ernährung zu sein, wird mit seinen Kindern darüber keine Kämpfe auszufechten haben.

Im Übrigen: So schnell geht da nichts schief. Selbst wenn der Nachwuchs einen Monat lang die extremste Diät auslebt, geschieht nichts – vier Wochen lang kann ein gesundes, normalgewichtiges Kind von dem zehren, was es an Reserven hat, wenn es dabei trinkt.

Das Interview führten Jörn Auf dem Kampe und Henning Engeln.


Das vollständige Interview können Sie in der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Gesunde Ernährung" nachlesen.


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