Hauptspalte:
Interview: Motivation
Wie überwindet man den "inneren Schweinehund"? Ein Gespräch mit dem Sportpsychologen Prof. Dr. Jens Kleinert
GEOkompakt: Herr Professor Kleinert, weshalb fällt es so vielen Menschen so schwer, sich zur Bewegung zu motivieren, obwohl sie das Gefühl haben, dass sie eigentlich Sport treiben sollten?
Jens Kleinert: Ganz einfach – weil es den meisten Menschen keine Freude macht, sich körperlich anzustrengen. Wir fühlen uns stets am stärksten motiviert, diejenigen Dinge zu tun, die positive Gefühle hervorrufen. Dinge, die wir genau dann genießen, wenn wir sie ausführen. Handlungen, die wir allein tun, um sie zu tun. Ohne Ziel, nur zum Selbstzweck. In der Psychologie sprechen wir von intrinsischer, also im Tun liegender Motivation, die wie von selbst aus dem tiefsten Inneren hervorgeht.

Was tun Menschen aus einer solchen intrinsischen Motivation heraus?
Sie gehen beispielsweise ins Kino.
Nicht, weil sie damit ein Ziel verfolgen,
das über diesen konkreten Besuch hinausgeht,
sondern um den Film während
der Vorführung zu genießen.
Oder: Menschen nehmen einander
in der Regel nicht deshalb in den Arm,
weil sie damit eine Strategie verfolgen,
sondern weil sich die zärtliche Berührung
gut anfühlt. Oder: Wir trinken
während dieses Interviews einen Kaffee
miteinander, weil wir den Geschmack,
die Wärme genießen, weil Kaffeetrinken
eine gemütliche Atmosphäre
schafft; wir trinken ihn nicht, weil
wir damit bezwecken, hinterher wacher
zu sein.
Manchen Menschen geht es auch
beim Sport so: Die sind intrinsisch
motiviert, die bewegen sich allein schon
deshalb, weil sie sich dabei wohlfühlen.
Für sie gilt der klassische Spruch: Der
Weg ist das Ziel.
Was ist mit all den anderen, die sich zum Sport aufraffen müssen und die Bewegung nicht genießen können? Sind solche Menschen überhaupt nicht motiviert?
Doch. Denn es gibt noch eine zweite
Art von Motivation,
die neben der intrinsischen
existiert: die extrinsische.
Extrinsisch tut jemand etwas, weil er
dadurch ein bestimmtes Ziel erreichen
will – die Handlung ist dann Mittel zum
Zweck. Die meisten Menschen sind
beim Sport eher extrinsisch motiviert:
Sie wollen etwa abnehmen, gesund bleiben,
eine attraktive Figur bekommen.
Alles nachvollziehbare Ziele.
Natürlich. Extrinsisch motivierte Handlungen sind grundsätzlich nichts Schlechtes. Das Problem dabei ist nur: Wir erledigen sie häufig ungern. Das hat auch damit zu tun, wie tief ein Mensch ein bestimmtes Verhalten in sein Selbst integriert hat. Je weniger etwas in meine Identität eingebunden ist, desto weniger motiviert bin ich, es zu tun. Sportpsychologen unterscheiden da zwei Stufen der Verhaltenssteuerung: die externale und die introjizierte.
Das müssen Sie uns erklären.
Der externale Antrieb zeigt sich bei Menschen, die sich nur deshalb körperlich ertüchtigen, weil sie sonst negative Konsequenzen fürchten. Sie fühlen sich gedrängt. Ihre Triebfeder ist die Angst – etwa davor, einen Herzinfarkt zu bekommen. Oder vielleicht ausgelacht zu werden. Der externale Antrieb ist sicherlich die ungünstigste Form von Motivation. Die Form, die am wenigsten in mein Ich integriert ist.
Ist der externale Antrieb verbreitet?
Ja, sehr sogar. Selbst viele Hochleistungssportler sind angstmotiviert. Zwar ist es nicht schlimm, kurzzeitig etwas aus Angst vor Konsequenzen zu tun. Es sollte aber die Ausnahme sein. Denn Angst kann auf Dauer krank machen.
Und die introjizierte Motivation?
Die zeigt sich darin, dass Menschen das Gefühl haben, andere erwarteten von ihnen, Sport zu treiben: ihr Arzt, Freunde, der Partner. Sie stehen dann unter Spannung, auch wenn sich viele dessen nicht bewusst sind.

Weil sie im Grunde gar keinen Sport treiben wollen?
Ja und sich dennoch dazu gedrängt
fühlen. Bewegung gehört nicht zu ihnen,
andererseits werden sie angetrieben
durch eine Stimme, die sagt: Du
musst fit sein. Solche Mechanismen
wirken für gewöhnlich im Verborgenen.
Psychoanalytiker würden sagen, hier
arbeitet das Über-Ich.
Diese Instanz diktiert, dass Sport
etwas ist, was man nun einmal tun
muss. Da geht es um Normen, um
Werte, um sozial Gelerntes. Natürlich
versucht ein Mensch, diesen äußerst unangenehmen
Widerspruch aufzulösen.
Und wie gelingt ihm das?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste: Der Betreffende zwingt sich mit aller Kraft dazu, Sport zu treiben, er leidet also, um sein schlechtes Gewissen zu bekämpfen. Die zweite Möglichkeit: Er wehrt sich – ganz bewusst – gegen das Diktat des Über-Ichs. Und entscheidet sich für eine absolute Sportabstinenz.
Und damit löst er die Spannung?
Ja. Das mag zwar drastisch klingen, ist aber ein Trick der Psyche, der erstaunlich gut funktioniert. Denn die Entscheidung gegen den Sport macht einen nicht etwa unzufrieden. Ganz im Gegenteil: Der Entschluss befreit vom Unglück der inneren Spannung, führt zu psychischer Erleichterung, kann gar glücklich machen.
