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Glauben heute & morgen
Der Glaube bestimmt noch immer das Leben der meisten Menschen auf der Erde. Was folgt daraus im Zeitalter der Globalisierung? Der Siegeszug des Fundamentalismus? Ein "Kampf der Kulturen"? Die Erneuerung der Kirchen? Eine Zeitdiagnose des Theologen Friedrich Wilhelm Graf

1. Die Gegenwartsmoderne ist keine gottlose Zeit. Sondern stark geprägt durch eine Attraktivität religiösen Glaubens.
Im 20. Jahrhundert vertraten viele Soziologen die „Säkularisierungsthese“: dass in modernen Gesellschaften religiöser Glaube immer schwächer werde, an kulturellem wie politischem Gewicht verliere, sich säkularisiere, also verweltliche. Doch Religion ist niemals verschwunden – sondern hat in den vergangenen drei Jahrzehnten neue kulturelle Bedeutung gewonnen. Gewiss, wir kennen gerade in Europa Atheisten, Agnostiker und Glaubensferne, die den überlieferten kirchlichen Symbolsprachen und Riten nichts mehr abgewinnen können. Aber außerhalb unseres Kontinents hat Religion nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt. Die große Mehrheit der derzeit lebenden Menschen führt ihr Leben in tiefer Gläubigkeit – die Gegenwart ist eine höchst glaubensproduktive Zeit, bestimmt von schnellem religiösem Wandel, vielfältigen missionarischen Bewegungen und Religionskonflikten. Es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass es auch in Zukunft so sein wird. Denn schon aus demografischen Gründen wird Religion weiter an Gewicht gewinnen: Die besonders Frommen zeugen in allen Weltteilen und in allen Religionen mehr Kinder als andere.
2. Neue Formen des Christentums wachsen mindestens ebenso stark wie der Islam – und sie missionieren aggressiver.
Vor einem Jahrhundert lebten in Afrika schätzungsweise zehn Millionen Christen und dreieinhalbmal so viele Muslime. Heute zählt man dort 330 Millionen Muslime und 350 Millionen Christen – vor allem südlich der Sahara. Aber auch in Lateinamerika und vielen asiatischen Ländern hat das Christentum erfolgreicher missioniert als der Islam. Belief sich etwa die Zahl der Christen 1945 in Nord und Südkorea auf nur 300000 Getaufte, so nahm sie im Südteil des Landes infolge der Mission auf heute elf Millionen zu. In China gibt es inzwischen vermutlich mehr als 100 Millionen Christen. Die missionarisch erfolgreichsten Christen sind heute die Vertreter der Pfingstkirchen, die eine radikal-frömmlerische Form des Lebens und Glaubens pflegen, hervorgegangen um 1900 aus dem reformierten Protestantismus. Pfingstkirchen predigen den ekstatischen Zugang zu Gott. In ihnen waren um 1970 gerade einmal sechs Prozent aller Christen organisiert – heute sind es nach einigen Schätzungen gut 25 Prozent. Die 500 Millionen Pfingstler leben zumeist in Ländern der südlichen Hemisphäre. Sie tragen dazu bei, dass das einst auf Europa und Nordamerika konzentrierte Christentum zu einer besonders erfolgreichen Religion auf der Südhalbkugel wird.
3. Durch Migration gewinnt Religion neue Bedeutung.
Schon immer haben Menschen ihre Heimat verlassen. Nie zuvor jedoch hat es vergleichbar viele Migranten gegeben wie heute: Rund 200 Millionen Menschen leben dauerhaft in einem fremden Land. Migration stärkt Religion, heißt ein Lehrsatz der Religionsforscher. Denn Auswanderung ist äußerst riskant, man bricht auf in eine unsichere Zukunft – und klammert sich auf schwierigen Wanderwegen an seinen Gott. Er sorgt in neuen, oft feindlichen Umgebungen für Identität. Nicht wenige Menschen werden überhaupt erst durch Migration fromm: Religion ermöglicht ihnen, eine Bindung an die Heimat zu pflegen und so lebensgeschichtliche Kontinuität zu sichern. Man kann dies gut am Beispiel der USA studieren, des Einwanderungslandes schlechthin. Dort helfen seit jeher religiöse Institutionen den Neuankömmlingen, ihren Weg in die Gesellschaft zu finden. Das schafft einen engen emotionalen Kontakt zu diesen Kirchengemeinden und Synagogen. Und so erklären manche Forscher die Tatsache, dass Religion in den USA eine besonders große Rolle spielt, mit dem Zusammenspiel von Migration und religiös organisierter Integration. Möglicherweise steht den europäischen Gesellschaften in dieser Hinsicht eine „Amerikanisierung“ noch bevor.
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Kommentare zu "Glauben heute & morgen"
8. 9. ??