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Lebenslauf-Forschung: Lebenslauf: Gegen den Wind

Francesco De Meo, ein Einwandererkind aus einfachen Verhältnissen, war gewiss nicht zum Manager geboren. Dennoch hat er es bis auf den Chefsessel eines großen Unternehmens geschafft – gegen alle unsichtbaren Codes der traditionellen Eliten. Doch ein solcher sozialer Aufstieg gelingt immer seltener in Deutschland. Anders als von Soziologen noch vor Jahrzehnten vorhergesagt, grenzen sich die unterschiedlichen Schichten mehr und mehr voneinander ab

Text von marion rollin

In seiner Jugend war Francesco De Meo erfolgreicher Radsportler. Dabei hat er gelernt, die Schwächen von Gegnern einzuschätzen und die eigenen zu überspielen. Das kommt ihm heute, wie er sagt, als Manager zugute (Foto von: Daniel Rosenthal für GEO WISSEN)
© Daniel Rosenthal für GEO WISSEN
In seiner Jugend war Francesco De Meo erfolgreicher Radsportler. Dabei hat er gelernt, die Schwächen von Gegnern einzuschätzen und die eigenen zu überspielen. Das kommt ihm heute, wie er sagt, als Manager zugute

Die hier zu erzählende Geschichte wäre unvollständig, wenn man sie nicht lange vor dem Auftritt der Hauptperson beginnen ließe.

Es ist eine sehr deutsche Geschichte, auch wenn sie ihren Anfang in Mittelitalien nimmt, in einem kleinen Dorf, wo ein junger Mann Ende der 1950er Jahre keine Arbeit finden kann. Sie endet im Spreekarree Berlins, in der Chefetage eines der größten deutschen Klinik-betreiber.

Auf dem Weg dorthin wird man einige Bekanntschaften machen: mit einem Ort auf der Schwäbischen Alb, der Gastarbeiter braucht, sie aber als Menschen nicht haben will. Mit Francesco, einem schüchternen kleinen Jungen, der schon morgens vor der Schule Geld verdienen muss. Mit Frau Maier, seiner Grundschullehrerin mit Weitblick. Mit Sonja, in die Francesco verliebt ist und die ihm eines Tages etwas Großartiges gesteht. Mit Radrennen, die ihn fürs Leben schulen. Mit seinem Vater, der kurz vor seinem Tod einen sehr traurigen Satz sagen wird.

Und mit Wissenschaftlern wie dem Eliteforscher Michael Hartmann, bei deren Untersuchungen seit Jahren immer wieder das Gleiche herauskommt: dass man in Deutschland, um Spitzenmanager zu werden, vor allem eines braucht – die richtige Herkunft. Von oben, sagen sie, geht es nach oben.

Doch es gibt Ausnahmen.

Maranola, ein ärmliches Bergdorf zwischen Rom und Neapel. Von den Unruhen des Zweiten Weltkriegs bekommen die Bauern kaum etwas mit. Saverio De Meo wächst mit neun Geschwistern auf. Als die Familie dort oben kein Auskommen mehr hat, zieht sie bergabwärts ins Küstenstädtchen Formia. Die Ziegelei am Ort verspricht Arbeitsplätze. Nur fünf Jahre besucht Saverio eine Schule. Danach muss er Geld verdienen, geht als Zuschneider in einen Schneidereibetrieb. Bis auch in Formia die Arbeit knapp wird.

De Meos Vater kommt als Gastarbeiter nach Deutschland
„Wollt ihr Arbeit haben? Dann kommt mit nach Deutschland! Steigt in den Zug ein!“ Frühjahr 1960, deutsche Anwerber ziehen durch Formias Straßen. Saverio, 23 Jahre alt, zögert keinen Tag lang. Steigt in Formia ein und, nach 30 Stunden Bahnfahrt, in Burladingen wieder aus. Burladingen? Das ist ein Ort auf der Schwäbischen Alb, von dem er noch nie gehört hat, mit Einwohnern, deren Sprache er nicht kennt. Man will ihn in der Textilfabrik beschäftigen.

Doch als er hier seine spätere Frau kennenlernt, Maria, eine Burladinger Lohnnäherin, und diese, noch minderjährig, von ihm schwanger ist, wird der Ton herzlos: Zeitweise könne man die Italiener ja gebrauchen, aber Familien sollen sie doch bitte nicht hier gründen. Das ist die Meinung im Dorf, als der kleine Francesco, die Hauptperson dieser Geschichte, am 9. Dezember 1963 die Welt betritt.

Unehelich geboren, Migrantenkind, Vater ohne Hauptschulabschluss, karge Lebensverhältnisse – die Zukunft scheint klar vor Francesco zu liegen. Sieht man sich die Ergebnisse der soziologischen Forschung an, wäre das auch heutzutage nicht anders.


Maria De Meo wurde Anfang der 1960er Jahre unehelich mit Francesco schwanger - noch dazu von einem italienischen Gastarbeiter. Das war auf der Schwäbischen Alb unerhört (Foto von: Daniel Rosenthal für GEO WISSEN
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© Daniel Rosenthal für GEO WISSEN
Maria De Meo wurde Anfang der 1960er Jahre unehelich mit Francesco schwanger - noch dazu von einem italienischen Gastarbeiter. Das war auf der Schwäbischen Alb unerhört

„Bildungschancen“, so steht es im Armutsbericht der Bundesregierung, werden durch die Sozialisation gewissermaßen „vererbt“, über Generationen hinweg. Und mehr noch: In kaum einem Land ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Aufstiegschancen so stark wie in Deutschland.

Das bestätigen alle Pisa-Studien. Von Kindern, deren Vater Abitur hat, nehmen 84 Prozent ein Hochschulstudium auf – bei Kindern von Vätern mit einem Hauptschulabschluss sind es nur 21 Prozent. Aus „ungelernten Arbeiterfamilien“ schaffen sogar nur elf von 100 Kindern den Sprung auf eine Hochschule. Eine gefährliche Tendenz für ein Land wie Deutschland, denn die Zahl der Abiturienten wird aufgrund der demografischen Entwicklung langfristig sinken – und gleichzeitig der Anteil von jungen Migranten zunehmen, jenen Menschen also, die vergleichsweise selten studieren.

Viel zu wenige Arbeiterkinder besuchen das Gymnasien
Bis Francesco sich bis zum Abitur durchgekämpft hat, muss er noch viele Hürden nehmen. Dabei deutet sich – der Junge ist gerade ein Jahr alt – ein bildungspolitischer Aufbruch an: 1964 prangert der Philosoph und Theologe Georg Picht als einer der Ersten den Bildungsnotstand und die damit zusammenhängende soziale Ungleichheit an. Es gebe zu wenige Abiturienten – und viel zu wenige Arbeiterkinder auf den Gymnasien.

Statt damals zehn Prozent machen heute 44 Prozent aller Schüler Abitur oder Fachabitur. Ein Fortschritt. Doch nicht für alle. Denn gerade die Bildungsförderung, die der Unterschicht den Aufstieg erleichtern sollte, hat das Gefälle zwischen Reich und Arm, zwischen Gebildet und Ungebildet noch vergrößert. Die Mittel- und Oberschichtseltern legen sich für ihren Nachwuchs heute mehr denn je ins Zeug: Chinesisch im Kindergarten. Nachhilfe in der Grundschule. Auslandsschuljahr auf dem Gymnasium.


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