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Leseprobe: So weit! So gut!

Die Landschaften im südlichen Namibia sind ebenso einsam wie spektakulär. Unterwegs im Dachzelt-Jeep wird ihre Durchquerung vom Erlebnis zum entspannten Abenteuer

Text von Markus Wolff

LOGBUCH MARKUS, WINDHOEK [KM 0] WORAUF WIR UNS EINGELASSEN HABEN, ahne ich erst, als ich unser Auto sehe. Ein bulliger Jeep mit Ersatzrad am Heck, einer Schaufel und einem Reservekanister an der Außenseite. Dabei fasst schon der Haupttank 140 Liter. Aber damit scheint man nicht weit zu kommen in einer Region, in der es kaum Menschen gibt, nur Landschaft. Der Süden Namibias ist das große, spektakuläre Nichts. Ins Nichts fährt man nur mit dem richtigen Fahrzeug und dem richtigen Freund. Das Auto leihen wir uns vor Ort, den Freund habe ich aus Deutschland mitgebracht; seit ich ihn kenne, trägt er den Spitznamen Fabio. Er ist der weniger zögerliche, der abenteuerfreudigere von uns beiden. Man könnte auch sagen: der mutigere. Er lässt es sich nicht anmerken, aber vermutlich bedauert er es, dass wir nicht noch diese Sandbleche erhalten, die meines Wissens immer eingesetzt werden, wenn höllenartige Stürme alle Straßen verweht haben.


Im Startloch: Reiseduo Jauer und Wolff kurz vor der Abfahrt in Windhoek. Koffer und Rucksäcke sind gepackt, fehlen nur noch Kameldorn-Holz, Antilopen-Steak und der sonstige Vorrat für eine achttägige Jeep-Tour (Foto von: Anne Schönharting/Ostkreuz)
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Im Startloch: Reiseduo Jauer und Wolff kurz vor der Abfahrt in Windhoek. Koffer und Rucksäcke sind gepackt, fehlen nur noch Kameldorn-Holz, Antilopen-Steak und der sonstige Vorrat für eine achttägige Jeep-Tour

LOGBUCH FABIO, WINDHOEK [KM 0] WENN ICH MIT MARKUS VERREISE, ist es eigentlich egal, in welches Land wir fahren, wir geraten immer in absurde Situationen. Oft kommen wir vor Lachen nicht weiter. Aber jetzt steht auf dem Hof der Autovermietung ein ernster Mann vor uns. Er sagt, wir sollen die Schlösser unseres Wagens mit Klebeband abdichten, weil sie sonst der Sand zusetzt, der dort draußen überall sei. Er zeigt, wie wir von Frontantrieb auf Allrad umschalten. Er warnt uns vor „negligent driving“, was hier so viel bedeutet wie Raserei auf Sandpisten. Dann zeigt er auf die Autowracks, die mit eingedrückten Kühlern und Dächern im Hof stehen, und für einen Moment denke ich: Vielleicht wird es diesmal doch kein Spaß.


LOGBUCH MARKUS, WINDHOEK [KM 6] WIR HABEN EINGEKAUFT. Beim Blick in den Einkaufswagen könnte man meinen, wir wollten nicht nur Namibias Süden, sondern ganz Afrika durchqueren. Fabio hat sich anschließend wie selbstverständlich ans Steuer des Jeeps gesetzt und muss sich nicht nur an den Linksverkehr gewöhnen. Auch daran, dass die Schalthebel für die Blinker links sitzen und die für die Scheibenwischer rechts, was dazu führt, dass er die ersten Kilometer ständig wischt, obwohl er abbiegen will. Allerdings blinkt er nie, statt zu wischen; schließlich ist Trockenzeit.


Davon können andere nur träumen: Auf einem Feuer-Stuhl einschlafen – und völlig unversehrt erwachen (Foto von: Anne Schönharting/Ostkreuz)
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Davon können andere nur träumen: Auf einem Feuer-Stuhl einschlafen – und völlig unversehrt erwachen

LOGBUCH FABIO, HOACHANAS [KM 224 ] KURZ HINTER WINDHOEK endet plötzlich der Asphalt. Die Straße besteht jetzt nur noch aus planiertem Sand. Ich versuche, den Wagen in den ausgefahrenen Spuren zu halten, aber wir schlingern wie ein Boot. Als ich schneller fahre, beruhigt sich der Jeep, aber nun bin ich für meinen Mut zu schnell. Verkrampft sitze ich hinterm Steuer, die Bilder der Wracks in der Autovermietung noch im Kopf, und erwarte die nächste Kurve. Als Markus fragt, wie ich zurechtkomme, sage ich: „Sehr gut.“ Je weiter wir fahren, desto leerer wirkt die Landschaft. Erst gibt es keine Akazien mehr, dann keine Sträucher, dann Gras nur noch als Büschel. Irgendwann taucht eine kleine Kirche auf, umstanden von grünen Bäumen. „Erbaut 1857“ steht über dem Eingang. Von drinnen kommt Gesang. Eine kleine schwarze Frau mit einer Flickenschürze tritt heraus und begrüßt uns auf Deutsch. Susanna Kopar ist die Pastorin. In den 1980er Jahren habe sie in Wuppertal gewohnt, sagt sie, und einmal sei sie auch in der DDR gewesen, auf der Wartburg. Dann verschwindet sie in einem Haus und kehrt mit einem blauen Lederetui zurück, in dem eine weiße Plakette mit dem Kopf von Martin Luther liegt. Als wir uns verabschieden, sagt sie: „Gute Heimreise. Falls wir uns nicht mehr sehen.“


LOGBUCH MARKUS, KALAHARI ANIB LODGE [KM 312] FABIO HÄTTE AM LIEBSTEN WILD GECAMPT. Aber das meiste Land ist eingezäunt, was mir ganz lieb ist. So erreichen wir in der Dämmerung unseren ersten Zeltplatz. Ein halbes Dutzend gemauerter Häuschen mit Strom und Wasser, umgeben von Akazien. Leise fluchend, lädt Fabio das dank eines Luftschlitzes im Kofferraum wie mit feinem Sand panierte Gepäck aus. Mein Fluchen gilt der völlig unverständlichen Dachzeltkonstruktion: viel zu viele Stangen für zu wenig Zelt. Eine Stunde später sitzen wir am Feuer. Nur das Knistern des Kameldorn-Holzes ist zu hören, das schwer wie Stein war, als wir es im Supermarkt kauften. Jetzt brennt es wie Papier. So angenehm ermattet bin ich, dass ich sogar die Funken ignoriere, die aus der Glut auf meine Hose springen. Auf dem Grill wendet Fabio inzwischen boerewors, mit Koriander gewürzte Wurstschnecken. Ich höre ihn noch sagen, dass wir bislang vermutlich mehr Tiere gegessen als gesehen hätten. Dann schlafe ich ein.



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