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Tokyo: Geburt einer Metropole
Um 1700 leben in Edo, dem späteren Tokyo, fast eine Million Menschen. Kaufleute und Bürger feiern ihren Reichtum und ihren gesellschaftlichen Aufstieg in mondänen Vergnügungsvierteln - und schaffen zugleich eine neue, dynamische Kultur. Extra: Der Text als Audio-Datei
Früher Morgen. Schrilles Glockengeläut gibt den Beginn der sechsten Tageszeit bekannt. Edo erwacht. Jene Stadt an der Südostküste Honshus, die einmal Tokyo heißen wird. Tausende Kilometer entfernt, in Europa, schreiben Chronisten das Jahr 1705. Edo ist die größte Stadt Japans, die Kapitale von Politik und Verwaltung, das Machtzentrum des Kriegeradels. Es ist die Hauptstadt der Lüste, Metropole der schönen Künste und des Handels, eine Geburtsstätte des Bürgertums. In Edo wird die Tradition bewahrt und die Neuerung gefeiert. Nirgendwo im Inselreich sind die Sitten rauer, an kaum einem Ort entspringt so viel kulturelle Raffinesse. Eine eiserne Ordnung regelt den Alltag der Bevölkerung, und doch gibt es keine Stadt, die sich in diesen Jahren tiefer greifend wandelt, die rascher wächst. Weit erstreckt sich das Auf und Ab der Dächer, Brücken und Türme im Norden der Bucht von Edo. In der Ebene, zu Füßen der herrschaftlichen Burg im Zentrum und der Oberstadt im Westen, liegen Unterstadt und Hafen.
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Das berühmteste Rotlichtviertel Japans
Fast eine Million Menschen leben hier im Mündungsdelta des Sumida-Flusses. Mehr als zwölf Kilometer misst das Stadtgebiet im Durchmesser; es ist von einem Netz parallel verlaufender Straßen durchzogen. Für einen Gang vom südlichsten Quartier bis zu den entlegenen Siedlungen im Norden braucht ein Wanderer fast einen halben Tag. Und hier liegt auch der berühmteste Rotlichtbezirk Japans - ein makelloses, von einem Graben umgebenes Rechteck von 218 mal 326 Metern: Yoshiwara. Trupps von Bauarbeitern ziehen jeden Morgen an den Ladenfronten der Innenstadt vorüber, bis zu 300 Männer jeweils: Sie sind in einfache Baumwoll-Kimono gekleidet, die Ärmel von der täglichen Arbeit häufig zerschlissen. Jedem Trupp voran gehen die Meister; dann folgen die Lehrlinge mit Sägen, Meißeln und Holzplanken.
Manche Männer aber machen sich auf den Weg zum Sumida-Fluss, und von dort nach Norden. Am Ufer des Sumida besteigen jene Vergnügungssüchtigen, die es sich leisten können, eines der schnellen choki, schlanke Boote mit bis zu drei Ruderern. Für jedes andere Boot, welches die Mannschaft überholt, legt der Fahrgast ein Stück Seidenpapier unter einen Feuerstein auf den Planken. Die gesammelten Papiere können später in Trinkgeld eingetauscht werden.
Wenige Kilometer flussaufwärts fahren die Boote an hohen, weiß gekalkten Gebäuden vorüber, die in ebenmäßiger Reihe am Westufer stehen. Hier lagert, in tonnenförmig geschnürten Säcken von jeweils 60 Kilogramm Gewicht, Edos wichtigster Rohstoff: Reis.
Das Getreide ist nicht nur Hauptnahrungsmittel der Einwohner - die Wohlhabenden essen ihn schneeweiß geputzt, die Ärmeren grob geschält -, sondern auch die Basiswährung des Kaiserreichs. Ein Großteil der Steuern in den Provinzen und Lehen wird in Form von Reis eingezogen. Und diesen Steuer-Reis bewahrt der Shogun in den zentralen Speichern am Sumida auf.
Speicher zeugen vom Reichtum der Kaufleute
Doch weil die Wirtschaft in der Stadt längst auf Gold- und Kupfermünzen basiert und die Beamten und Krieger der Regierung ihre Bezahlung lieber in Geldstücken als in Reissäcken heimtragen, haben sich um die Speicher herum Kaufleute angesiedelt, die Reis gegen eine Gebühr in Geld umtauschen. Mittlerweile gehören diese Reishändler zu den reichsten Bürgern der Stadt. Denn der Geldbedarf der Krieger ist groß, und die Reisernte oft mager. So geben die Reishändler ihren Kunden Vorschüsse und Kredite und verdienen gut an den Zinsen.
Ein Großteil der Boote auf dem Weg nach Yoshiwara legt bereits am Kannon-Heiligtum am Nordrand der Stadt an. Der älteste buddhistische Tempelbezirk ist einer der größten in Edo - jener Stadt, in der die Menschen das ganze Jahr über zu Hunderten öffentlicher Tempel und Schreine pilgern. Eine drei- und eine fünfstöckige Pagode flankieren das zentrale Heiligtum, in dem die Gläubigen im Dunst von Räucherstäbchen zu Kannon beten, einem der bedeutendsten buddhistischen Heiligen. In der hinteren Ecke des Areals steht ein Shinto-Schrein, der dem Geist des Stadtgründers Tokugawa Ieyasu gewidmet ist.


Kommentare zu "Tokyo: Geburt einer Metropole"
... eine Hommage an die interessanteste Stadt der Welt !