Hauptspalte:
Terror gegen den Terror?
Dass sich die Deutschen mit dem Entfesseln des Zweiten Weltkriegs und in diesem Krieg entsetzlicher Verbrechen schuldig gemacht haben, steht außer Zweifel. Aber wie ist die Kriegsführung der Alliierten zu bewerten, wie ihre Bombenstrategie gegen deutsche Städte, die etwa 500000 Menschen das Leben kostete? War sie militärisch wirklich notwendig?
In der Nacht des 16. März 1945 fliegen rund 200 britische Bomber vom Typ Lancaster Richtung Würzburg. Kaum eine andere deutsche Stadt ist so reich an Architektur und Kunstschätzen, an Pracht aus dem Rokoko. Weil es in dem fränkischen Ort keine Industrie und keine Militäranlagen gibt, ist die Luftverteidigung schwach, und die Menschen sind sorglos: Weswegen sollte man sie attackieren? Der Angriff beginnt um 21.25 Uhr, es ist eine wolkenlose Nacht. Die Bomber werfen insgesamt 256 Spreng- und 397 650 Brandbomben ab. In dem Talkessel heizen Fallwinde die Flammen rasch an, und das Holz der Häuser brennt gut. Im Feuer wird die Stadt stark zerstört, 5000 Menschen sterben. Der Angriff dauert nur 17 Minuten.
Schauderhafte Statistik
Insgesamt warfen die Alliierten 1,4 Millionen Tonnen Bomben auf das Deutsche Reich. Je nach Schätzung starben dadurch zwischen 400 000 und 570 000 Zivilisten, das waren weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der Verwundeten und Verstümmelten wurde nie verlässlich erhoben. Sieben Millionen Bürger verloren ihre Wohnungen. 161 Städte und mehr als 850 kleinere Orte wurden von Bomben getroffen. In den Städten mit mehr als 100000 Einwohnern wurde im Durchschnitt fast die Hälfte aller Häuser zerstört, in vielen Orten waren es wesentlich mehr: in Düren rund 99 Prozent, in Hanau 87, in Würzburg 74, in Köln 70 Prozent. Englische Strategen prägten dafür einen Begriff: dehousing, Enthausung. Das britische Bomber Command vernichtete im Jahre 1944 im Durchschnitt zweieinhalb Städte pro Monat, wie sein Kommandeur Arthur Harris nicht ohne Stolz vermerkte. Auch hat der Bomberchef nie einen Zweifel daran gelassen, wem die Mehrzahl der Angriffe galt: den Zivilisten, den Arbeitern. Nicht militärischen oder industriellen Zielen. Viele Angriffe waren Terror und sollten es sein, um die Moral der Deutschen zu brechen und so den Untergang des Nazireiches zu beschleunigen.
Nie zuvor ist ein Land derart systematisch verwüstet worden. Weil aber "Moral" schwer zu treffen war, zielten die Spreng- und Brandsätze auf Wohnhäuser und Kirchen und Schlösser. In fünf Jahren Bombenkrieg wurden mehr als 1000 Jahre Stadtgeschichte weitgehend ausgelöscht. Zwischen 1940 und 1945 wurden insgesamt 1,4 Millionen Starts britischer und US-amerikanischer Bombenflugzeuge in Richtung Deutschland gezählt. Die Angreifer verloren dabei rund 21000 Flugzeuge und 140 000 Mann, das entspricht einem Drittel der alliierten Gesamtverluste. Was sich während der Bombardements in den brennenden Städten zugetragen hat, übersteigt jedes Fassungsvermögen. So enorm soll die Verstörung gewesen sein, dass sie nach dem Krieg in Schweigen umgeschlagen und "nie wirklich in Worte gefasst" worden sei.
Fragwürdiger Präzedenzfall
Vor allem der Mythos um Guernica blockiert zuweilen die Diskussion. Der deutsche Angriff auf die baskische Stadt am 26. April 1937 gilt gleichsam als Sündenfall des Terrorkriegs, als Blaupause, die alle Luftmächte später nur kopiert haben: Die Deutschen haben angefangen und das unterschiedslose Bomben gegen Zivilisten erfunden. Daran ist nicht falsch, dass Guernica ein Terrorangriff war. Aber die Annahme, er sei ein Präzedenzfall, ist irrig. In seinem Buch "A History of Bombing" hat der schwedische Autor Sven Lindqvist den Mythos bereinigt: Der Bombenkrieg gegen Zivilisten war nicht die Erfindung einer einzelnen Nation, sondern der gesamten industrialisierten Staatenwelt. Die erste Bombe der Geschichte fiel am 1. November 1911, acht Jahre nachdem zum ersten Mal ein Motorflugzeug abgehoben hatte. Der italienische Leutnant Giulio Cavotti warf sie - ein dänisches Produkt - nahe des libyschen Tripolis aus seinem aeroplano auf Araber, die sich gegen die Kolonialtruppen der Italiener wehrten. Wie viele Menschen umkamen, ist nicht überliefert, der offizielle Bericht des Millitärs schwärmte von dem "wunderbaren Effekt auf die Moral der Araber".
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