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GEO EPOCHE Nr. 10/03 Seite 1 von 1


GEOEPOCHE Klassiker: Räuberbarone

Rockefeller, Vanderbilt, Carnegie: Rücksichtlose Unternehmer raffen nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 in den USA Imperien und Monopole zusammen. Lesen Sie eine historische Rekonstruktion von Jens Schröder aus GEOEPOCHE Nr. 11 "Amerikas Weg zur Weltmacht" über die Machenschaften der Industriemagnaten

Text von Jens Schröder

Edward H. Harriman beginnt seine Karriere als Angestellter an der Wall Street, ehe er sich an Eisenbahn-Spekulationen beteiligt. 1909, am Ende seines Lebens, kontrolliert er fast 100 000 Gleiskilometer (Foto von: Corbis)
© Corbis
Edward H. Harriman beginnt seine Karriere als Angestellter an der Wall Street, ehe er sich an Eisenbahn-Spekulationen beteiligt. 1909, am Ende seines Lebens, kontrolliert er fast 100 000 Gleiskilometer

Homestead, Penn­sylvania, Juni 1892: Die Geschäfts­füh­rung des Carnegie-Walzblechwerkes am Monongahela River rüstet sich für einen Krieg – einen Krieg gegen die eigenen Arbeiter. Ein vier Meter hoher Bretterzaun wird um das Werksgelände gezogen und oben mit Stacheldraht und einem Starkstromkabel gesichert. Schießscharten in Kopfhöhe sollen die Verteidigung erleichtern, spezielle Hydranten im Ernstfall heißes Wasser auf eine angreifende Meute spritzen. Fotoapparate werden auf dem Fabrikgelände installiert, um während der erwarteten Schlacht die Anführer der Angreifer zu identifizieren. Auf einer zwölf Meter hohen Brücke zwischen dem umzäunten Verwaltungsgebäude und den Werkshallen ist Tag und Nacht eine Wache stationiert.

Der Stahltycoon Andrew Carnegie will die Löhne der 3800 Arbeiter seines Betriebes um durchschnittlich 18 Prozent kürzen – und erwartet Widerstand. Schließlich ist der Carnegie-Konzern kerngesund: 4,3 Millionen Dollar Gewinn hat der Sohn eines armen schottischen Damastwebers im Vorjahr einstreichen können.

Carnegies stetig wachsendes Imperium aus Bergwer­ken, Eisenschmelzen und Walzwerken verfügt über einen der modernsten Maschinenparks der Welt – und produziert Eisenbahnschienen, Leitungsrohre, Panzerbleche und Stahlträger schon jetzt um fast 20 Prozent günstiger als die Konkurrenz. Dank der Lohnsenkung will Carnegie seine Wettbewerber noch aggressiver unterbieten. Und den Markt vollständig beherrschen.

Ein offener Arbeitskampf kommt ihm da nicht ungelegen – denn nur in direkter Konfrontation kann er die Macht der Stahlarbeiter-Gewerkschaft in Homestead brechen.

Am 24. Juni lässt Carnegie die Verhandlungen scheitern. Aus dem Urlaub in England schickt er die Anweisung, das Werk in Zukunft ohne die Gewerkschaftsmitglieder der „Amalgamated Association“ zu betreiben.



Sechs Tage später riegelt die Geschäftsführung die Fabrik ab. Am 2. Juli tritt die gesamte Belegschaft in den Ausstand. Die Anführer der „Amalgamated“ teilen die Arbeiter nach militärischem Vorbild in Divisionen, Hauptleute und Kommandanten ein, um alle Zugänge zum Werksgelände Tag und Nacht zu überwachen. Ein Signal­system mit Flaggen, Raketen und Dampfpfeifen soll binnen zehn Minuten jeden Streikposten im Umkreis von acht Kilometern alarmieren.

Carnegies Statthalter Henry Clay Frick bleibt hart und kündigt die Wiederaufnahme der Produktion für den 6. Juli an. Angereiste Streikbrecher sollen die Arbeitsplätze der Streikenden einnehmen, gesichert von 300 bewaffneten Agenten, die Frick bei der New Yorker Privatdetektei Pinkerton anfordert – und denen er schriftlich rät, sich von Pittsburgh aus über den Fluss zu nähern, um dann im Schutz der Nacht das Gelände zu besetzen. Doch die Streikenden sind wachsam: Um vier Uhr morgens ertönt die Pfeife des Flussdampfers „Edna“, mit dem die Mitglieder der „Amalgamated“ auf dem Monongahela patrouillieren. Die Pinkerton-Leute nähern sich in zwei Kähnen dem Walzwerk.

Sofort jagen reitende Boten durch die Straßen der 12 000-Seelen-Stadt Homestead und verbreiten die Nachricht. Als die Söldner über eine ausgelegte Planke an Land gehen wollen, werden sie von 10 000 Menschen erwartet. Viele schwingen mit Nägeln beschlagene Knüppel, Hunderte tragen Schrotflinten und Pistolen.

Besonnene Gewerkschaftsführer versuchen, ihre Leute zu beruhigen. Doch als sich einer bäuchlings auf die Planke wirft, seinen Revolver zieht und einem der Pinkerton-Männer durch den Oberschenkel schießt, eröffnen seine Kollegen ebenfalls das Feuer. Die Agenten schießen vom Deck ihrer Schiffe in die Menge – und verkriechen sich dann im Bauch der Kähne. Drei Arbeiter und ein Söldner überleben den ersten Schusswechsel nicht.


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