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GEO EPOCHE Nr. 09/02 Seite 1 von 4


Entnazifizierung: Ein Volk vor Gericht

Die Deutschen im Krieg zu bezwingen, reicht den Amerikanern nicht. Sie wollen die Wurzeln des Nazismus ausrotten - und beginnen die größte politische Säuberung der Geschichte. Doch was als hehres Ziel der Sieger gedacht ist, wird zu einer Niederlage.

Text von Christoph Kucklick
Stellvertretender Chefredakteur GEO

Alfons Harreis (Name geändert) ist ein begeisterter Nazi gewesen. In dem Fragebogen zu seinem Entnazifizierungsverfahren listet er insgesamt 14 NS-Organisationen auf, denen er angehört hatte - weit mehr Mitgliedschaften als nötig gewesen wären, um sich zum NS-Staat zu bekennen. Er kaufte billig ein Haus, das zuvor einer jüdischen Familie enteignet worden war. Er hat, so lauten glaubwürdige Beschuldigungen, griechische Zwangsarbeiter ins KZ einliefern lassen. Am 14. März 1949 aber wird Harreis' braune Vergangenheit weiß gewaschen.

Braune Vergangenheit wird weiß gewaschen Die Entnazifizierungs-Spruchkammer Nürnberg stuft ihn "im Nachverfahren" und "endgültig" als Mitläufer ein. Aus einem aktiven ist ein passiver Nazi geworden. Was immer Harreis unter Hitler getan hat, es wird ihm in der Bundesrepublik nicht von Nachteil sein. Ebenso wenig wie den meisten Parteigenossen: Fünf Jahre nach Kriegsende sind praktisch alle einstigen Nationalsozialisten entlastet. Was gedacht war als größte politische Säuberungsaktion der Geschichte, endet als gigantische Rehabilitierung.


Fast überall beginnt die Entnazifizierung mit einem notwendigen Fehler: Um das Chaos und die Not in den Städten zu bewältigen, braucht man Experten. Doch wie schafft man neue Verhältnisse, wenn nur altes Personal vorhanden ist? Am Ende des Krieges führt die NSDAP-Kartei mehr als 6,5 Millionen Mitglieder, jeder sechste erwachsene Deutsche gehört einer NS-Organisation an, in den jüngeren Jahrgängen liegt der Anteil noch wesentlich höher. Dieses Land wollen die Amerikaner nun säubern, dessen Bürger umerziehen. Denazification und reeducation sind Ideen Washingtons.


Politisches Großreinemachen

Zwar entnazifizieren auch Frankreich und Großbritannien, aber in viel geringerem Umfang. Die Sowjetunion geht in ihrer Zone scharf gegen NS-Eliten vor, lässt aber einfache Parteigenossen weitgehend unbehelligt. Zunächst, in den ersten Monaten nach dem Krieg, scheitern die hehren Säuberungsvorsätze an der deutschen Wirklichkeit. Die Fachleute werden gebraucht. Ob diese Nazis waren oder nicht, ist zweitrangig. Es herrscht die policy of postponement, die Politik des Vertagens: jetzt aufbauen, später säubern.


Um dennoch Erfolge nach Washington melden zu können, entlassen die Militärs vor allem entbehrliche Beamte der unteren Ränge - doch das wirkt psychologisch verheerend. Die Besatzer, so das schnelle Urteil vieler Deutscher, handeln offenbar genauso willkürlich wie zuvor die Nationalsozialisten. Ehe die Entnazifizierung noch richtig begonnen hat, stößt sie bereits auf heftige Ablehnung. Die Amerikaner verteilen 1945 rund 1,4 Millionen Fragebögen, auf denen Beamte, Unternehmer und Funktionäre ihre Vergangenheit offen legen sollen - aber Konsequenzen aus diesen Unterlagen ziehen die Besatzer nur zum Teil.



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