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"Ich werde euch Konvoi auf Konvoi von Armeniern liefern. Was auch immer sie an Gold, Geld, Schmuck und Wertsachen bei sich tragen, werden wir uns gemeinsam nehmen. Ihr werdet sie mit Flößen über den Tigris fahren. Wenn ihr an einen Ort kommt, an dem niemand es sieht oder hört, werdet ihr sie alle töten und ihre Leichen in den Tigris werfen. Ihr werdet ihre Bäuche aufschneiden und sie mit Steinen füllen, damit sie nicht an die Oberfläche treiben. Was ihr an Habseligkeiten findet, geht an euer Volk. Und vom Gold, Geld und den Edelsteinen gehört euch die Hälfte, die andere Hälfte werdet ihr mir bringen."
Ansprache des Gouverneurs von Diyarbakr (Südostanatolien), des früheren Arztes Res¸id Bey, an die Stammesführer der dort siedelnden Raman, überliefert von einem Angehörigen des Stammes

"Am nächsten Tag bei der Mittagsrast trafen wir auf ein ganzes Armenierlager. Die armen Leute hatten sich primitive Ziegenhaarzelte gemacht, unter denen sie rasteten. Zum größten Teil lagen sie aber schutzlos auf dem glühenden Sand unter sengender Sonne. Der vielen Kranken wegen hatten die Türken einen Ruhetag erlaubt. Etwas Trostloseres wie solche Volksmenge in der Wüste unter den gegebenen Umständen kann man sich gar nicht vorstellen. Unerträglich müssen die Durstqualen der armen Menschen sein."
Laura Möhring, deutsche Krankenschwester, 12. Juli 1915

"Da viele kleine Kinder noch am Leben waren und rund um ihre toten Eltern umherirrten, wurden die Çeten [Todesschwadronen, gebildet aus für diesen Zweck entlassenen Strafgefangenen und Kurden] ausgesandt, um sie zu umstellen und zu töten. Sie fingen Tausende von Kindern und brachten sie ans Ufer des Euphrat, wo sie sie an den Füßen ergriffen und ihre Köpfe gegen die Felsen schmetterten."
Griechischer Augenzeuge

"Am nächsten Morgen kam eine Schar berittener Tscherkessen und umringte die Karawane – sie nahmen ihnen alles weg, was sie noch bei sich führten, und rissen ihnen die Kleider vom Leibe. Darauf wurde der ganze Haufen, Männer, Frauen, Kinder, nackt weitergetrieben, drei Stunden weit, bis zum Karadag [ein Berg am Chabur, einem Zufluss des Euphrat]. Dort warfen sich die Tscherkessen zum zweiten Mal auf ihre Opfer, mit Beilen, Säbeln, Dolchen hieben sie in die Menge hinein, bis das Blut wie ein Strom floss und die ganze Ebene mit verstümmelten Leichen bedeckt war. Hosep sah, wie der Gouverneur von Der Zor von einem Wagen aus alles beobachtete und durch lautes Bravo-Rufen die Schlächter ermutigte. Hosep warf sich unter einen Leichenhaufen. Als sich nichts mehr regte, machten sich die Tscherkessen auf und davon. Nach drei Tagen krochen 31 noch lebende Menschen aus ihrem grausigen Versteck hervor. Noch drei Tage galt es, zu wandern ohne Wasser und Brot bis zum Euphrat. Einer nach dem andern blieb ermattet liegen, nur Hosep gelang es endlich, als Derwisch verkleidet, Aleppo zu erreichen."
Bericht des Überlebenden Hosep Sarkissian aus Antep in Südostanatolien

"Als wir auf das Dorf zuliefen, war die Straße auf beiden Seiten voll von Leichen. Ich habe mit eigenen Augen Tausende Leichen gesehen. Ich sah nicht, wie sie getötet wurden, aber ich sah die Toten. Es war Sommer, und so schmolz das Körperfett der Leichen. Es war so schlimm, dass es überall zu stinken begann, sodass [die Türken] alle Leichen aufsammelten, mit Kerosin übergossen und verbrannten."
Ein Überlebender

"Am Euphrat warfen die Gendarmen alle noch übrigen Kinder unter 15 Jahren in den Fluss. Die schwimmen konnten, wurden erschossen, als sie mit den Wellen kämpften."
Eine armenische Witwe aus Bayburt

Im Dezember 1916 beenden die osmanischen Führer ihre Vernichtungskampagne gegen die Armenier und beginnen, ihre Spuren zu verwischen. Die meisten Lager sind bereits aufgelöst, in Anatolien leben offiziell so gut wie keine Armenier mehr (einige Zehntausend können sich nach Russland retten). Von den insgesamt mehr als 1,2 Millionen Deportierten sterben etwa 700.000 auf den Todesmärschen; noch einmal rund 300.000 Menschen kommen in den Lagern um. Wenigen anderen gelingt es, zu entkommen und sich in den größeren Städten Syriens zu verstecken. Manche Autoren gehen sogar von deutlich höheren Opferzahlen aus.

"Ich wünsche, dass Sie die amerikanischen Lebensversicherungen anweisen, uns eine vollständige Liste der Armenier zu schicken, die bei Ihnen eine Police abgeschlossen haben. Sie sind so gut wie alle tot und haben keine Erben hinterlassen, die die Versicherungssumme kassieren könnten. Das Geld fällt selbstverständlich dem Staat zu."
Innenminister Talat an Henry Morgenthau sen., den US-Botschafter im Osmanischen Reich

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederlage des Osmanischen Reiches drängen die siegreichen Westalliierten darauf, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Um günstigere Friedensbedingungen für seinen Staat zu erreichen, setzt der neue Sultan Mehmed VI. in Istanbul ein Sondertribunal ein, das 17 Funktionäre, Militärs und Politiker zum Tode verurteilt. Viele Türken reagieren empört auf diesen Richterspruch.

Nach dem überaus harten Friedensvertrag von Sèvres vom 10. August 1920, der das Reich zerschlägt und Teile Anatoliens den Griechen und Armeniern überlässt, entfällt jede Rücksicht auf die Alliierten - zumal sich wenig später die türkischen Nationalisten unter General Mustafa Kemal gegen die diktierte Friedensordnung erheben und die Griechen in mehreren Feldzügen besiegen. So werden nur drei Todesurteile tatsächlich vollstreckt. Und noch vor der Gründung der türkischen Republik verkündet Kemal am 31. März 1923 eine Amnestie für alle im Völkermord-Prozess Verurteilten.

Die drei Hauptverantwortlichen für den Genozid, Innenminister Talat, der Marineminister und Generalgouverneur von Syrien Cemal sowie Kriegsminister Enver, sind bereits 1918 ins Exil nach Deutschland geflüchtet.

Enver fällt wenige Jahre später im Kampf gegen die Rote Armee bei dem Versuch, die Turkvölker Zentralasiens zu einem Aufstand gegen die Herrschaft der Bolschewiki zu bewegen. Cemal und Talat werden von Armeniern im Zuge der Operation "Nemesis" (Gerechtigkeit) erschossen.

Den Mörder Talats, der sein Attentat 1921 in Berlin verübt, spricht ein deutsches Gericht wegen Schuldunfähigkeit frei. Die türkische Regierung leugnet bis heute Ausmaß und Vorsatz der Massaker. Sie geht von viel geringeren Opferzahlen aus, die in den Kriegswirren bei notwendigen Umsiedlungen gestorben seien. Trotz aller Zeugnisse weigern sich die Offiziellen noch immer, den Massenmord an den Armeniern als Genozid anzuerkennen.


Die nächste Ausgabe von GEOEPOCHE erscheint am 17. Oktober 2012


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