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Ein verleugnetes Verbrechen

Im November 1914 tritt das krisengeschwächte Osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg ein. Als sich ein halbes Jahr später eine kleine Gruppe von Armeniern gegen die türkische Herrschaft erhebt, antwortet die Regierung mit beispielloser Gewalt: Ihre Schergen treiben die Angehörigen der christlichen Minderheit in Todesmärschen Richtung Süden. Dabei sterben mehr als eine Million Menschen - ein Völkermord, den die Türkei bis heute leugnet

Text von Frank Otto und Tobias Völker

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Der Genozid an den Armeniern ist der erste millionenfache Mord des 20. Jahrhunderts. Ein Verbrechen von ungeheuerlichen Dimensionen - befohlen von der Regierung des Osmanischen Reiches. Es beginnt mehr als 1000 Kilometer von den Hauptsiedlungsgebieten der Armenier entfernt: in Istanbul. In der Nacht des 24. April 1915 verhaften Polizisten mehr als 200 Angehörige der armenischen Hauptstadt-Elite - Abgeordnete, Journalisten, Lehrer, Ärzte, Apotheker, Kaufleute und Bankiers. Das Osmanische Reich ist ein halbes Jahr zuvor in den Ersten Weltkrieg eingetreten; angeblich kollaborieren die Festgenommenen mit dem Feind. Auch in vielen Provinzstädten werden armenische Notabeln ins Gefängnis geworfen, gefoltert und zur Abschreckung öffentlich hingerichtet. Doch das ist nur der Prolog der eigentlichen Mordaktion.
Des Versuchs, ein ganzes Volk auszulöschen.

Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein haben Armenier vielerorts eine gehobene Stellung im Osmanischen Reich errungen. Zwar bleiben den Angehörigen dieses christlichen Volkes - wie allen Nichtmuslimen - über Jahrhunderte Karrieren im Staatsdienst verschlossen. Doch bringen es zahlreiche Armenier zu beachtlichem Wohlstand. Sowohl im Hochland Ostanatoliens als auch in der Kapitale Istanbul kontrollieren sie wichtige Teile der Ökonomie: die Seidenindustrie und Textilproduktion, die moderne Landwirtschaft, die Schiffbau- und Tabakindustrie. Sie etablieren daneben auch das moderne Theater und die Oper im Reich und verfassen die ersten osmanischen Romane. Neun Zeitungen erscheinen in Istanbul auf Armenisch, nur 13 auf Türkisch. (Die Metropole zählt 1914 mehr als 900.000 Einwohner, von denen etwa zehn Prozent Armenier sind.) Und seit dem Reformdekret von 1856, das allen osmanischen Bürgern unabhängig von der Religion Zugang zu hohen Staatsämtern ermöglicht, finden sich auch dort immer mehr Armenier. Doch im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts beginnt sich das Verhältnis zwischen Armeniern und osmanischer Staatsführung entscheidend zu verschlechtern.

Denn als Sultan Abdülhamid II. 1877 Krieg gegen Russland führt, bitten die armenischen Führer den Zaren darum, ihre Gebiete in Anatolien dauerhaft zu besetzen oder ihnen eine autonome Verwaltung zu verschaffen, doch ohne Erfolg. Im Friedensvertrag nach der katastrophalen Niederlage allerdings muss die Hohe Pforte, die osmanische Regierung, im folgenden Jahr zugestehen, die christliche Minderheit besonders zu schützen und Reformen zu ihren Gunsten ins Leben zu rufen - die von Europäern überwacht werden sollen.

Eine schwere Demütigung des Sultans, dessen Vielvölkerreich immer schneller zerfällt: Bereits 1875 hat der Großwesir als Regierungschef den Staatsbankrott erklärt, die Verwaltung der öffentlichen Schulden wird daraufhin unter europäische Aufsicht gestellt. Im folgenden Jahr erheben sich Serben, Montenegriner und Bulgaren gegen die türkische Herrschaft. Und mit dem Berliner Vertrag verlieren die Osmanen 1878 weite Teile ihrer Besitzungen auf dem Balkan.

Abdülhamid II., seit 1876 auf dem Thron, sieht in den Aufständen seiner christlichen Untertanen und dem Eingreifen der Europäer eine Verschwörung gegen sein Reich und den Islam. Als dann armenische Revolutionäre, die für einen eigenen Staat kämpfen, Terroranschläge gegen osmanische Beamte verüben und Freischärler-Truppen aufstellen, schlägt der Sultan hart zu. Kurdische Reitermilizen unterdrücken 1894 brutal die Aufstände, zerstören Dörfer der Rebellen und ermorden zahlreiche Zivilisten. In Anatolien sowie in der Hauptstadt verüben Muslime in den folgenden Jahren Massaker an den Armeniern - möglicherweise auf direkten Befehl des Monarchen, wie manche Historiker vermuten. Mindestens 80.000 Menschen sterben.

Nach wenigen Jahren einer gespannten Ruhe verschärft sich die Konfrontation zwischen Minderheit und Staatsleitung dramatisch, als sich 1913 die Führer des "Komitees für Einheit und Fortschritt" (KEF), Enver Pascha, Cemal Pascha und Talat Bey, an die Regierung putschen.

Das Komitee ist ein besonders nationalistischer Teil der jungtürkischen Bewegung, die 1909 Abdülhamid II. vom Thron gestoßen und durch dessen altersschwachen Bruder Mehmed V. ersetzt hat; seitdem ist der Sultan nur mehr Repräsentationsfigur. Die neuen Machthaber, ein Triumvirat aus zwei hohen Offizieren und einem ehemaligen Telegraphenbeamten, herrschen fortan mit diktatorischer Gewalt.

Sie wollen das zerbrechende osmanische Imperium um jeden Preis erhalten; alles Streben nach Autonomie ist für sie Verrat. Sie glauben an die Überlegenheit der türkischen Nation gegenüber anderen Völkern. Und sie wollen einen Staat schaffen, der rein türkisch-muslimisch ist - auch mit Gewalt.

Diese Ideologie wird umso kompromissloser propagiert, als im Vorjahr das Reich abermals eine schmähliche Niederlage erlitten und (bis auf kleine Reste) sämtliche Territorien auf dem Balkan verloren hat. Nach mehr als 500 Jahren ist damit die Herrschaft der Osmanen auf der Halbinsel beendet. Hunderttausende muslimische Flüchtlinge drängen nun nach Anatolien und besonders in die armenischen Gebiete.

Glaubensbrüder, für die neue Existenzgrundlagen geschaffen werden müssen - durch Enteignung und Vertreibung der Christen. Der Eintritt des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns im November 1914 radikalisiert die türkischen Nationalisten noch weiter: Der Gouverneur der Provinz Diyarbakr, ein Mediziner, nennt die Armenier eine Menge "schädlicher Mikroben, die den Körper des Vaterlandes befallen" hätten. Und fragt, ob es nicht die Pflicht eines Arztes sei, die Mikroben zu töten.

Diplomatische Rücksichten auf das westliche Ausland muss die Regierung im Krieg nicht mehr nehmen. Zudem liefert ihr das Geschehen an der Kaukasusfront einen Vorwand zum Schlag gegen die Armenier. Dort greift im tiefen Winter eine Armee unter Kriegsminister Enver die Russen an. Die Offensive wird zum Fiasko: Mehr als drei Viertel der türkischen Soldaten kommen in der Kälte um.


Als sich in Erwartung des russischen Vorstoßes Anfang April 1915 in der Stadt Van die Armenier gegen die osmanische Herrschaft erheben, die dort stationierte Garnison vertreiben und die örtliche Festung sowie öffentliche Gebäude zerstören, bricht in Istanbul Panik aus. Die Regierungspropaganda macht aus dem begrenzten Aufstand einen allgemeinen Aufruhr, einen Hochverrat, der die Vernichtung des Reiches beabsichtige.
In dieser Situation wird aus dem Vorhaben zur Herstellung einer einheitlichen türkischen Bevölkerung der konkrete Plan zum Genozid, wird aus vereinzelten Massakern, die irreguläre Einheiten bereits seit Kriegsbeginn an Armeniern verüben, der organisierte Völkermord: In den Tagen zwischen dem Zusammenbruch der Kaukasusfront und der Landung der Westalliierten an den Dardanellen nahe der Hauptstadt am 25. April 1915 fällt vermutlich im Zentralkomitee des KEF der Entschluss, das Armenierproblem "auf eine umfassende und vollständige Weise zu beseitigen", wie es später in einem Memorandum des Innenministeriums heißt.

Der erste Akt des Staatsverbrechens ist die Festnahme der armenischen Eliten. Der Verhaftungswelle schließt sich unmittelbar die Order zur Ausweisung an. Innenminister Talat befiehlt den Provinzgouverneuren, die gesamte armenische Bevölkerung in die zum Osmanischen Reich gehörenden Wüsten Syriens und Mesopotamiens zu deportieren.

Gleichzeitig legen Sonderbeauftragte des KEF-Zentralkomitees den Statthaltern mündlich und unter strengster Geheimhaltung den eigentlichen Plan dar: Alle armenischen Männer und älteren Jungen sollen zusammengetrieben und ermordet, die Frauen und Kinder verschleppt werden. Auch ihr Tod - durch Krankheit, Hunger, Kälte - ist einkalkuliert.

Offizielle Dokumente künden nicht von den Instruktionen zum Massenmord, die Talat und andere Regierungsmitglieder erlassen. Zu ungeheuerlich sind wohl solche Schandtaten, als dass jemand mit seiner Unterschrift Verantwortung dafür übernehmen würde.

Dennoch existieren einige amtliche Zeugnisse, die die Beteiligung zahlreicher staatlicher Stellen an politischen Maßnahmen gegen die Armenier belegen. Und es gibt zahllose Berichte von Augenzeugen: von Deutschen, die etwa als Diplomaten oder Krankenschwestern im verbündeten Osmanischen Reich tätig waren; von amerikanischen Konsuln; und von Armeniern, die den Genozid überlebten.
Sie zeichnen ein deutliches Bild von dem, was sich seit April 1915 zunächst in Anatolien, dann auch an Euphrat und Tigris abspielt.

"Unsere Vorbehalte gegen die Armenier beruhen auf drei unterschiedlichen Gründen. Zum Ersten haben sie sich auf Kosten der Türken bereichert. Zweitens sind sie entschlossen, uns zu bevormunden und einen eigenen Staat zu gründen. Drittens haben sie offen unsere Feinde unterstützt. Sie haben den Russen im Kaukasus geholfen; unsere Niederlage dort lässt sich weitgehend durch ihre Taten erklären. Wir sind daher zu der unwiderruflichen Entscheidung gekommen, dass wir ihnen ihre Macht nehmen werden, bevor der Krieg beendet ist. Wir werden keine Armenier mehr irgendwo in Anatolien dulden. Sie können in der Wüste leben, aber sonst nirgendwo."
Innenminister Talat im Gespräch mit US-Botschafter Henry Morgenthau sen., Anfang August 1915

"Ein Muslim, der einen Armenier beschützt, soll vor seinem Haus exekutiert und sein Heim niedergebrannt werden. Wenn er ein Beamter ist, wird er entlassen und kommt vors Kriegsgericht; Angehörige des Militärs, die es für richtig halten, so jemanden zu schützen, werden wegen Befehlsverweigerung vors Kriegsgericht gestellt und abgeurteilt."
General Mahmud Kamil Pascha, Kommandeur der 3. Armee

"Als sie kamen und uns zu gehen befahlen, überraschte uns das. Drei Tage vorher hatten wir noch nachgesehen, ob die Trauben reif genug waren, um gesegnet zu werden. Da war alles noch so friedlich. Nur drei Tage später verkündete der städtische Ausrufer, dass wir den Ort verlassen müssten und dass sie uns Karren bereitstellen würden, um uns wegzutransportieren. In diesen drei Tagen mussten wir uns bereit machen und verkaufen, was wir konnten."
Ein Überlebender

"Die Menschen bereiteten sich darauf vor, ihre Heimat zu verlassen und ihre Häuser, Grundstücke und Besitztümer aufzugeben. Sie versuchten, ihre Möbel und bewegliche Habe, Lebensmittel und Kleidung zu verkaufen, da sie nur sehr wenig mitnehmen konnten. Sie gaben ihre Sachen für jeden Preis weg, den sie bekommen konnten. Die Straßen waren voller türkischer Frauen und Männer auf der Jagd nach Gelegenheiten, die Nähmaschinen, Möbel, Teppiche und andere wertvolle Dinge für fast nichts erwarben. Nähmaschinen, die 25 Dollar gekostet hatten, wurden für 50 Cent verkauft. Wertvolle Teppiche wurden für weniger als einen Dollar verscherbelt. Die Szene erinnerte mich an Geier, die sich auf ihre Beute stürzen."
Leslie Davis, US-Konsul in Harput, Ostanatolien


Die Provinz Erzurum im Nordosten Anatoliens hat einen besonders hohen armenischen Bevölkerungsanteil und ist im Mai 1915 wegen ihrer Lage direkt an der russischen Grenze eine der ersten Gegenden, aus denen die Menschen deportiert werden.
Was dort geschieht, wiederholt sich später immer wieder in ähnlicher Weise: Ein Komitee, bestehend aus dem lokalen Polizeichef, einem hohen Beamten der Provinzverwaltung, einem Vertreter des KEF sowie anderen Männern, fertigt Listen der Armenier an und fordert diese auf, sich für die bevorstehende "Umsiedlung" bereitzuhalten, während gleichzeitig Spezialeinheiten im Umland Massaker verüben. Bis Ende Juni treiben Gendarmen die armenischen Bewohner der ost- und zentralanatolischen Dörfer zusammen und schicken sie in streng bewachten Konvois von bis zu 10.000 Menschen auf den Weg in das rund 600 Kilometer entfernte Aleppo in Nordsyrien - zu Fuß. Später werden die armenischen Gemeinden in Westanatolien zumeist per Zug verschleppt; sie fahren in Wagen der Bagdadbahn Richtung Südosten. Nach den Dorfbewohnern wird auch die armenische Bevölkerung der Städte in mehreren Schüben deportiert.

"Einigen wohlhabenden Armeniern wurde [am 11. Juli 1915] eröffnet, dass sie in drei Tagen mit der gesamten Bevölkerung die Stadt zu verlassen hätten, aber all ihre Habe, die nunmehr der Regierung gehörte, zurücklassen müssten. Ohne den Ablauf dieser Frist abzuwarten, begannen die Türken schon nach zwei Stunden, in die armenischen Häuser einzudringen und zu plündern. Montag, den 12., hielt das Geschütz- und Gewehrfeuer den ganzen Tag an. Am Abend drangen Soldaten in das Mädchenwaisenhaus ein, um nach versteckten Armeniern zu suchen. Beim Versuch, das Hoftor zu schließen, wurden eine Frau und ein Waisenmädchen neben der Schwester Johansson durch Kugeln getötet. Mittwoch früh begab sich die Genannte zum örtlichen Gouverneur, um Schutz und Schonung für die Anstalt und ihre Insassen zu erlangen. Der Statthalter gebärdete sich wie ein Rasender und lehnte die Bitte schroff ab. Nach Räumung der Stadt wurde das armenische Viertel in Brand gesteckt und dem Erdboden gleichgemacht; ebenso die armenischen Dörfer."
Bericht von Alma Johansson, einer schwedischen Schwester in deutschen Diensten in Mus, Ostanatolien, aufgezeichnet vom deutschen Generalkonsul in Istanbul Johann Mordtmann

"Die schönsten der älteren Mädchen werden hier in Häuser gesperrt - zum Vergnügen der Mitglieder jener Bande, die hier anscheinend die Kontrolle hat. Ein hiesiges Mitglied des Komitees für Einheit und Fortschritt hält in einem Haus im Stadtzentrum zehn der hübschesten Mädchen gefangen, damit er und seine Freunde sich an ihnen vergehen können."
Oscar S. Heizer, US-Konsul in Trabzon, Nordostanatolien, 28. Juli 1915

"Unser Trupp brach am 14. Juni auf. Er zählte 400 bis 500 Personen, 15 Gendarmen begleiteten uns. Wir waren kaum zwei Stunden von der Stadt entfernt, als Banden von Dorfbewohnern und Banditen in großer Zahl mit Büchsen, Gewehren, Äxten uns auf der Straße umzingelten und alles raubten, was wir mit uns hatten. Darauf trennten sie die Männer von uns. Im Verlauf von sieben bis acht Tagen töteten sie einen nach dem anderen. Keine männliche Person über 15 Jahren blieb übrig. Zwei Kolbenschläge genügten, um einen abzutun. Die Banditen griffen alle gut aussehenden Frauen und Mädchen und entführten sie auf ihren Pferden. Sehr viele Frauen und Mädchen wurden so in die Berge geschleppt, unter ihnen meine Schwester, deren ein Jahr altes Kind sie fortwarfen. Wir durften nachts nicht in den Dörfern schlafen, sondern mussten uns außerhalb derselben auf der bloßen Erde niederlegen. Um ihren Hunger zu stillen, sah ich die Leute Gras essen. Im Schutze der Dunkelheit wurde von den Gendarmen, Banditen und Dorfbewohnern Unsagbares verübt."
Eine armenische Witwe aus der nordostanatolischen Kleinstadt Bayburt

"Sie wiesen die Männer und Jungen an, sich von den Frauen zu trennen. Einige Knaben waren wie Mädchen gekleidet und versteckten sich. Sie blieben zurück. Doch mein Vater musste gehen. Er war ein Erwachsener mit einem Schnurrbart. Sobald sie die Männer separiert hatten, kam von der anderen Seite des Hügels eine Gruppe Bewaffneter und tötete alle Männer vor unseren Augen. Sie ermordeten sie mit Bajonetten, die sie ihnen in den Bauch stießen. Viele Frauen konnten das nicht ertragen und stürzten sich in den Fluss."
Ein Überlebender aus Konya, Zentralanatolien

"Die Leichen auf den Straßen sollen vergraben werden, nicht in Seen, Brunnen oder Flüsse geworfen, und ihre Habseligkeiten sollen verbrannt werden."
Anweisung des Innenministers Talat, 21. Juli 1915

"Wer zurückfiel, wurde sofort erschossen. Sie trieben uns durch einsame Gegenden, durch die Wüsten und auf Bergpfaden, damit wir nicht in die Nähe von Städten kamen, wo wir Wasser und Nahrung hätten bekommen können. Nachts wurden wir nass vom Tau und am Tage von der Sonne versengt. Ich erinnere mich, dass wir liefen und liefen."
Ein Überlebender

"Am 52. Tag kamen sie in einem anderen Dorf an; dort nahmen ihnen die Kurden alles, was sie hatten, sogar Hemden, und fünf Tage lang musste der ganze Zug unter der glühenden Sonne nackt marschieren. Weitere fünf Tage lang gab es weder ein Stück Brot noch einen Tropfen Wasser. Aberhunderte fielen tot um, ihre Zungen waren wie Holzkohle; und als sie am Ende des fünften Tages einen Brunnen erreichten, stürzte sich natürlich die gesamte Karawane darauf, doch die Polizisten stellten sich ihnen in den Weg und verboten ihnen, auch nur einen Tropfen Wasser zu trinken, denn sie wollten das Wasser verkaufen, für eine bis drei Lira je Tasse, und manchmal gaben sie nicht einmal das Wasser heraus, nachdem sie das Geld erhalten hatten."
Ein Überlebender aus Harput, Ostanatolien

"An jedem Bahnhof, an dem wir hielten, standen wir neben einem dieser Züge. Sie bestanden aus Viehwaggons, und die Gesichter kleiner Kinder sahen durch die winzigen, vergitterten Fenster jedes Waggons heraus. Die Seitentüren standen offen, und man konnte eindeutig alte Männer und alte Frauen, junge Mütter mit kleinen Babys, Männer, Frauen und Kinder erkennen, die alle zusammengepfercht waren wie Schafe oder Schweine."
Anna Harlow Birge, Amerikanerin, von der US-Kommission für ausländische Missionen, auf der Fahrt nach Istanbul, November 1915

"Eine der ersten Leichen, die wir sahen, war die eines alten Mannes mit einem weißen Bart, dessen Schädel von einem großen Stein eingeschlagen worden war, der immer noch darin steckte. Etwas weiter sahen wir die Asche von sechs oder acht Menschen, nur Fragmente von Knochen und Kleidung waren nicht verbrannt. Ein roter Fez fiel besonders auf. Wir schätzten, dass wir während unseres Rittes um den See, im Zeitraum von 24 Stunden, nicht weniger als 10.000 Armenier gesehen hatten, die nahe dem Gölcük-See ermordet worden waren."
Leslie Davis, US-Konsul in Harput

"Auf der Strecke Bogazlyan–Erkilet [Zentralanatolien] haben die sechs Gendarmen, die zur Bewachung mitkamen, am 22. August von der Verbannten-Karawane Geld verlangt. Die 120 Familien haben zusammen zehn Lira gesammelt, um sich auf diese Weise von der Lebensgefahr zu befreien. Die Gendarmen, erzürnt wegen des geringen Betrages, haben alle Männer, etwa 200 Personen, von den Frauen getrennt und in ein Gasthaus gesperrt. Die Gendarmen haben dann die Leute gruppenweise gefesselt aus der Herberge herausgebracht, ihnen alles bare Geld geraubt und sie im gefesselten Zustand in ein nahe liegendes Tal geschickt. Durch Gewehrschüsse haben später die Gendarmen den benachbarten, schon in Bereitschaft stehenden türkischen Mörderbanden Zeichen zum Sturm gegeben. Alle Männer und Jünglinge über zwölf Jahren sind durch Keulenhiebe, mit Steinen, Säbeln, Dolchen und Messern gemartert und umgebracht worden, und dies alles ist vor den Augen der Frauen und Kinder geschehen."
Aussage von sechs armenischen Frauen aus Hacköy, aufgezeichnet von Eugen Büge, deutscher Konsul in Adana, 1. Oktober 1915


Immer wieder senden deutsche Diplomaten Berichte nach Berlin, in denen sie Verlauf und Ausmaße der Armeniergräuel schildern. Doch die kaiserliche Regierung entscheidet sich bewusst gegen eine Einmischung in die Angelegenheiten des wichtigen Kriegsverbündeten. Auf die dringende Bitte des deutschen Botschafters in Istanbul, Paul Graf Wolff-Metternich, den Völkermord öffentlich anzuprangern, erwidert Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht." Mehrere deutsche Offiziere sind als osmanische Militärberater zudem an wichtigen Entscheidungen über Deportationen beteiligt.

Auch die Verwandlung christlicher Armenier in muslimische Türken ist ein zentrales Element des Planes, die Bevölkerung Anatoliens zu vereinheitlichen. Es ist unklar, wie viele armenische Frauen zwangsweise verheiratet und wie viele Kinder von türkischen Familien aufgenommen oder in eigens eingerichtete Waisenhäuser zur Umerziehung eingewiesen werden, möglicherweise sind es 200.000. Tausende Mädchen werden versteigert, die Vermittlung von armenischen Frauen ist eine Haupteinnahmequelle für Begleitmannschaften der Deportationszüge.

"Als die Deportierten ankamen, wurde der Treck vor dem Regierungsgebäude gestoppt. Alle Jungen und Mädchen wurden den Müttern weggenommen und nach drinnen gebracht; anschließend wurde der Treck gezwungen weiterzuziehen. Dann wurde in den umgebenden Dörfern bekannt gemacht, dass jeder kommen und sich unter den Kindern bedienen dürfe."
Zaven Der Yeghiayan, armenischer Patriarch von Istanbul, 15. August 1915

"Die Türken haben alle reifen Mädchen und jungen Frauen weggeführt und geschändet. Zwei Mädchen haben sich gewehrt und sind seitens der Gendarmen so misshandelt worden, dass sie den Tod fanden. Ein Mädchen namens Rosa Kirasian hat sich einem Gendarmen ergeben. Dieser soll versprochen haben, dem Mädchen kein Leid zu tun und es seinem Bruder zur Frau zu geben. Die Türken aus Erkelet haben 50 Mädchen sowie zwölf Knaben weggeführt."
Aussage von sechs armenischen Frauen aus Hacköy, September 1915

"Ende Juli 1915, als das Thermometer zwischen 40 und 46 Grad Celsius anzeigte, wurde eine Gruppe von mehr als 1000 Frauen und Kindern aus Harput verschleppt; östlich von Diyarbakr wurden sie einer Bande Kurden ausgeliefert, die die schönsten Frauen, Mädchen und Kinder auswählten. Voller Furcht vor dem Schicksal, das sie in der Gewalt solcher grausamer Unmenschen erwarten würde, wehrten sich die Frauen, so gut sie konnten, wodurch sie die Kurden erzürnten, die etliche ihrer Opfer ermordeten. Bevor sie die schließlich Ausgewählten und Überwältigten wegtrugen, nahmen sie den meisten anderen Frauen die Kleider und zwangen sie so, den Treck nackt fortzusetzen."
Jesse B. Jackson, US-Konsul in Aleppo

"Nach dem Massaker hielten Türken und Kurden unter den Toten nach Beute Ausschau. Ein Mann durchsuchte auch mich und bemerkte, dass ich noch lebte. Er nahm mich mit nach Hause, ohne dass es jemand bemerkte. Er änderte meinen Namen und gab mir einen türkischen, Ahmad. Er lehrte mich, Türkisch zu beten. Ich wurde ein Türke und lebte dort fünf Jahre lang."
Ein Überlebender

Erste Station der Deportationstrecks sind Übergangslager im Umland von Aleppo, in denen Zehntausende an Hunger, Durst und immer wieder ausbrechenden Epidemien sterben. Von dort werden die Armenier durch das lebensfeindliche Wüstenland entlang des Euphrat von einem rasch errichteten Camp zum nächsten weitergetrieben. Das letzte und größte dieser Lager liegt außerhalb der Stadt Der Zor (heute: Dayr az-Zawr). Als im Frühjahr 1916 die Übergangslager in Aleppo aufgelöst werden und täglich Tausende in Der Zor eintreffen, wächst die Zahl der auf engstem Raum zusammengepferchten Vertriebenen auf über 200.000 Menschen an. Innenminister Talat setzt kurz darauf einen neuen, als besonders brutal geltenden Provinzgouverneur ein, der sofort Massaker verüben lässt. Im Dezember 1916 ist nach den Mordaktionen des Vorjahres auch diese zweite Welle der Auslöschung abgeschlossen. Das Lager bleibt allerdings bis Kriegsende bestehen. Als britische Soldaten im Oktober 1918 in Der Zor einziehen, finden sie nur noch 1000 Menschen vor, die meisten von ihnen krank und halb verhungert.

"Die Leute schlachten und essen die Straßenhunde. Kürzlich haben sie einen sterbenden Mann geschlachtet und gegessen, dies erzählte mir ein Augenzeuge. Eine Frau hat ihr Haar abgeschnitten und es um Brot verkauft. Eine Frau sah ich, wie sie das auf der Straße geronnene Blut eines Tieres aß. Bis jetzt nährten sich alle von Gras, aber auch dies ist jetzt vertrocknet. Letzte Woche kamen wir in ein Haus, dessen Einwohner seit drei Tagen nichts gegessen hatten. Die Frau hielt ein kleines Kind auf dem Arm und versuchte, ihm eine Brotkrume zu essen zu geben, das Kind konnte nicht mehr, es röchelte und starb in ihren Armen."
Araxia Djibedjian, armenische Mitarbeiterin der deutschen Mission in Der Zor, 22. Juni 1916

"Die Zahl der Toten in der Stadt war so groß, dass die Beamten des Gesundheitsamtes nicht mit der Situation fertig wurden und das Militär große Ochsenkarren bereitstellte. In die Fuhrwerke wurden die Leichen geworfen, zehn bis zwölf in jedes, und die Prozession aus sieben oder acht Karren fuhr zum nahe gelegenen Friedhof mit ihren grausigen Ladungen aus scheußlich unbedeckten Leichen, meist nackt, die Köpfe, Beine und Arme hingen seitlich und hinten aus den offenen Wagen heraus."
Jesse B. Jackson, US-Konsul in Aleppo

"Am 31. Januar um elf Uhr vormittags war ich von Der Zor abgefahren. Drei Stunden lang sehe ich keine einzige Leiche und hoffe schon, die Erzählungen möchten übertrieben sein.

Dann aber beginnt die grauenvolle Leichenparade:
1.00 Uhr nachmittags: Links am Wege liegt eine junge Frau. Nackt, nur braune Strümpfe an den Füßen. Rücken nach oben. Kopf in den verschränkten Armen vergraben.
1.30 Uhr nachmittags: Rechts am Wege in einem Graben ein Greis mit weißem Bart. Nackt. Auf dem Rücken liegend. Zwei Schritt weiter ein Jüngling. Nackt. Rücken nach oben. Linkes Gesäß herausgerissen.
2.00 Uhr: fünf frische Gräber. Rechts ein bekleideter Mann. Geschlechtsteil entblößt.
2.05 Uhr: rechts ein Mann, Unterleib und blutendes Geschlechtsteil entblößt.
2.07 Uhr: rechts ein Mann in Verwesung.
2.08 Uhr: rechts ein Mann, vollkommen bekleidet, auf dem Rücken, Mund weit aufgerissen, Kopf nach hinten gestemmt, schmerzentstelltes Gesicht.
2.10 Uhr: rechts ein Mann, Unterkörper bekleidet, Oberkörper angefressen.
2.15 Uhr: Spur einer Abkochstelle. Überall auf dem Wege Wäschefetzen.
2.25 Uhr: links am Wege eine Frau, auf dem Rücken liegend, Oberkörper in einen um die Schultern genommenen Schal eingehüllt, Unterkörper angefressen, nur die blutigen Schenkelknochen ragen noch aus dem Tuch.
3.10 Uhr: Spuren einer Abkochstelle und eines Lagerplatzes. Viele Wäschefetzen. Feuerstellen, ein Kohlenbecken. Sechs Männerleichen, nur noch mit Hosen bekleidet, Oberkörper nackt, liegen um eine Feuerstelle.
3.22 Uhr: 22 frische Gräber.
3.25 Uhr: rechts ein bekleideter Mann.
3.28 Uhr: links ein nackter Mann, angefressen.
3.45 Uhr: blutiges Skelett eines etwa zehnjährigen Mädchens, langes blondes Haar noch dran, liegt mit weit geöffneten Armen und Beinen mitten auf dem Weg.
3.55 Uhr: links vollkommen bekleideter Mann mit schwarzem Bart, mitten auf dem Wege auf dem Rücken liegend, als sei er eben vom Felsblock, der links am Wege [liegt], abgestürzt.
4.03 Uhr: rechts eine Frau, in ein Tuch eingehüllt, an sie gekauert ein etwa dreijähriges Kind in blauem Kattunkleidchen. Kind wohl neben der zusammengebrochenen Mutter verhungert.
4.10 Uhr: 17 frische Gräber.
5.02 Uhr: Ein Hund frisst an einem Menschenskelett."
Bericht des deutschen Konsuls Wilhelm Litten über eine Reise von Bagdad nach Aleppo


"Ich werde euch Konvoi auf Konvoi von Armeniern liefern. Was auch immer sie an Gold, Geld, Schmuck und Wertsachen bei sich tragen, werden wir uns gemeinsam nehmen. Ihr werdet sie mit Flößen über den Tigris fahren. Wenn ihr an einen Ort kommt, an dem niemand es sieht oder hört, werdet ihr sie alle töten und ihre Leichen in den Tigris werfen. Ihr werdet ihre Bäuche aufschneiden und sie mit Steinen füllen, damit sie nicht an die Oberfläche treiben. Was ihr an Habseligkeiten findet, geht an euer Volk. Und vom Gold, Geld und den Edelsteinen gehört euch die Hälfte, die andere Hälfte werdet ihr mir bringen."
Ansprache des Gouverneurs von Diyarbakr (Südostanatolien), des früheren Arztes Res¸id Bey, an die Stammesführer der dort siedelnden Raman, überliefert von einem Angehörigen des Stammes

"Am nächsten Tag bei der Mittagsrast trafen wir auf ein ganzes Armenierlager. Die armen Leute hatten sich primitive Ziegenhaarzelte gemacht, unter denen sie rasteten. Zum größten Teil lagen sie aber schutzlos auf dem glühenden Sand unter sengender Sonne. Der vielen Kranken wegen hatten die Türken einen Ruhetag erlaubt. Etwas Trostloseres wie solche Volksmenge in der Wüste unter den gegebenen Umständen kann man sich gar nicht vorstellen. Unerträglich müssen die Durstqualen der armen Menschen sein."
Laura Möhring, deutsche Krankenschwester, 12. Juli 1915

"Da viele kleine Kinder noch am Leben waren und rund um ihre toten Eltern umherirrten, wurden die Çeten [Todesschwadronen, gebildet aus für diesen Zweck entlassenen Strafgefangenen und Kurden] ausgesandt, um sie zu umstellen und zu töten. Sie fingen Tausende von Kindern und brachten sie ans Ufer des Euphrat, wo sie sie an den Füßen ergriffen und ihre Köpfe gegen die Felsen schmetterten."
Griechischer Augenzeuge

"Am nächsten Morgen kam eine Schar berittener Tscherkessen und umringte die Karawane – sie nahmen ihnen alles weg, was sie noch bei sich führten, und rissen ihnen die Kleider vom Leibe. Darauf wurde der ganze Haufen, Männer, Frauen, Kinder, nackt weitergetrieben, drei Stunden weit, bis zum Karadag [ein Berg am Chabur, einem Zufluss des Euphrat]. Dort warfen sich die Tscherkessen zum zweiten Mal auf ihre Opfer, mit Beilen, Säbeln, Dolchen hieben sie in die Menge hinein, bis das Blut wie ein Strom floss und die ganze Ebene mit verstümmelten Leichen bedeckt war. Hosep sah, wie der Gouverneur von Der Zor von einem Wagen aus alles beobachtete und durch lautes Bravo-Rufen die Schlächter ermutigte. Hosep warf sich unter einen Leichenhaufen. Als sich nichts mehr regte, machten sich die Tscherkessen auf und davon. Nach drei Tagen krochen 31 noch lebende Menschen aus ihrem grausigen Versteck hervor. Noch drei Tage galt es, zu wandern ohne Wasser und Brot bis zum Euphrat. Einer nach dem andern blieb ermattet liegen, nur Hosep gelang es endlich, als Derwisch verkleidet, Aleppo zu erreichen."
Bericht des Überlebenden Hosep Sarkissian aus Antep in Südostanatolien

"Als wir auf das Dorf zuliefen, war die Straße auf beiden Seiten voll von Leichen. Ich habe mit eigenen Augen Tausende Leichen gesehen. Ich sah nicht, wie sie getötet wurden, aber ich sah die Toten. Es war Sommer, und so schmolz das Körperfett der Leichen. Es war so schlimm, dass es überall zu stinken begann, sodass [die Türken] alle Leichen aufsammelten, mit Kerosin übergossen und verbrannten."
Ein Überlebender

"Am Euphrat warfen die Gendarmen alle noch übrigen Kinder unter 15 Jahren in den Fluss. Die schwimmen konnten, wurden erschossen, als sie mit den Wellen kämpften."
Eine armenische Witwe aus Bayburt

Im Dezember 1916 beenden die osmanischen Führer ihre Vernichtungskampagne gegen die Armenier und beginnen, ihre Spuren zu verwischen. Die meisten Lager sind bereits aufgelöst, in Anatolien leben offiziell so gut wie keine Armenier mehr (einige Zehntausend können sich nach Russland retten). Von den insgesamt mehr als 1,2 Millionen Deportierten sterben etwa 700.000 auf den Todesmärschen; noch einmal rund 300.000 Menschen kommen in den Lagern um. Wenigen anderen gelingt es, zu entkommen und sich in den größeren Städten Syriens zu verstecken. Manche Autoren gehen sogar von deutlich höheren Opferzahlen aus.

"Ich wünsche, dass Sie die amerikanischen Lebensversicherungen anweisen, uns eine vollständige Liste der Armenier zu schicken, die bei Ihnen eine Police abgeschlossen haben. Sie sind so gut wie alle tot und haben keine Erben hinterlassen, die die Versicherungssumme kassieren könnten. Das Geld fällt selbstverständlich dem Staat zu."
Innenminister Talat an Henry Morgenthau sen., den US-Botschafter im Osmanischen Reich

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederlage des Osmanischen Reiches drängen die siegreichen Westalliierten darauf, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Um günstigere Friedensbedingungen für seinen Staat zu erreichen, setzt der neue Sultan Mehmed VI. in Istanbul ein Sondertribunal ein, das 17 Funktionäre, Militärs und Politiker zum Tode verurteilt. Viele Türken reagieren empört auf diesen Richterspruch.

Nach dem überaus harten Friedensvertrag von Sèvres vom 10. August 1920, der das Reich zerschlägt und Teile Anatoliens den Griechen und Armeniern überlässt, entfällt jede Rücksicht auf die Alliierten - zumal sich wenig später die türkischen Nationalisten unter General Mustafa Kemal gegen die diktierte Friedensordnung erheben und die Griechen in mehreren Feldzügen besiegen. So werden nur drei Todesurteile tatsächlich vollstreckt. Und noch vor der Gründung der türkischen Republik verkündet Kemal am 31. März 1923 eine Amnestie für alle im Völkermord-Prozess Verurteilten.

Die drei Hauptverantwortlichen für den Genozid, Innenminister Talat, der Marineminister und Generalgouverneur von Syrien Cemal sowie Kriegsminister Enver, sind bereits 1918 ins Exil nach Deutschland geflüchtet.

Enver fällt wenige Jahre später im Kampf gegen die Rote Armee bei dem Versuch, die Turkvölker Zentralasiens zu einem Aufstand gegen die Herrschaft der Bolschewiki zu bewegen. Cemal und Talat werden von Armeniern im Zuge der Operation "Nemesis" (Gerechtigkeit) erschossen.

Den Mörder Talats, der sein Attentat 1921 in Berlin verübt, spricht ein deutsches Gericht wegen Schuldunfähigkeit frei. Die türkische Regierung leugnet bis heute Ausmaß und Vorsatz der Massaker. Sie geht von viel geringeren Opferzahlen aus, die in den Kriegswirren bei notwendigen Umsiedlungen gestorben seien. Trotz aller Zeugnisse weigern sich die Offiziellen noch immer, den Massenmord an den Armeniern als Genozid anzuerkennen.


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