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Deutsches Kaiserreich: Leseprobe: Eine Zeit gerät aus den Fugen

Beschleunigung prägt den Alltag der Deutschen im Kaiserreich: der Arbeit durch Maschinen, des Verkehrs durch Eisenbahn und Auto, der Kommunikation durch Tageszeitungen, Telegraph und Telefon. Immer schneller scheint das Leben zu werden - vor allem in den rasch wachsenden Städten

Text von Cay Rademacher

Wer es sich leisten kann, entflieht der Hektik der
Metropolen in die Vorstädte. Die Armen aber drängen sich
in engen Quartieren wie hier um 1900 in Hamburg
 (Foto von: Paul Wutke/bpk)
© Paul Wutke/bpk
Wer es sich leisten kann, entflieht der Hektik der Metropolen in die Vorstädte. Die Armen aber drängen sich in engen Quartieren wie hier um 1900 in Hamburg

Die Deutschen, so notiert ein aufmerksamer Beobachter, leben um 1900 in einem "Zeitalter der Reizbarkeit" - in einer Epoche der tausend neuen Impulse und Anregungen, die Begeisterung auslösen und Schaudern, Sehnsucht und Verwirrung. Nichts, so scheint es, ist noch stabil und verlässlich in diesem Land. Kein Wunder: Allein zwischen 1890 und 1913 nimmt die Bevölkerungszahl von 49,4 auf 66,9 Millionen Menschen zu - um ein Drittel in nicht einmal einer Generation.

Hunger und Seuchen, die großen Schnitter früherer Zeiten, sind zum ersten Mal nicht mehr alltäglich. Neue Techniken erhöhen die Ernten in der Landwirtschaft, Waren können per Zug und Schiff über weite Strecken herangeschafft werden, Frischwasserleitungen und Kanäle verbessern die öffentliche Hygiene, in den Laboratorien der Kliniken, Universitäten und neu entstehenden Pharmafirmen ersinnen Ärzte, Physiker und Chemiker vom Aspirin bis zum Röntgengerät revolutionäre neue Medikamente, Diagnose- und Heilverfahren.

Aber es leben nicht bloß mehr Menschen im Kaiserreich - sie durchwandern es auch, ruhelos und sprunghaft. Fast jeder zweite Deutsche lebt 1907 nicht mehr an dem Ort, an dem er einst geboren wurde.

Die Fabriken und die Mietskasernen der Metropolen saugen die Bürger förmlich ein. Vor allem aus dem Osten, aus Ostpreußen und Posen, strömen Menschen fort - Auswanderer im eigenen Land. Es zieht sie nach Berlin sowie in die Industriezentren Schlesiens und des Ruhrgebiets. Berlin bläht sich zur Zwei-Millionen-Metropole, Hamburg wächst um das Zweieinhalbfache auf 932 000 Einwohner, und selbst ein Provinznest wie Hamborn, das 1890 nur 4260 Bürger zählte, hat zwei Jahrzehnte später mehr als 100 000 Einwohner. So stolz die Zeitgenossen auf die Entwicklung sind (Deutschland ist nach dem russischen Zarenreich das bevölkerungsreichste Land Europas), so verunsichert sind sie auch über die in dieser Zeit entstehende "Massengesellschaft".

Denn die Deutschen werden zu Städtern. Bei der Reichsgründung 1871 lebten noch zwei von drei Untertanen des Kaisers auf dem Land - 1910 wohnen dagegen bereits zwei Drittel der Bevölkerung in der Stadt. Experten entwerfen nun Bebauungspläne, um das urbane Durcheinander zu ordnen: in Wohnviertel, Gewerbegebiete, Parks, Zentren der Verwaltung und des Kommerzes. In Hamburg etwa lebte 1871 noch die Hälfte der Bevölkerung in der Innenstadt, 1910 ist es nur noch ein Zehntel; der große Rest ist inzwischen verdrängt von Büros und Geschäften. Und im schicksten Wohnviertel der Hansestadt sind die Mieten 800-mal so hoch wie im ärmsten.

Deshalb auch sind die Städte keine Schmelztiegel: Reich und Arm leben streng geschieden, allenfalls die alten Differenzen zwischen Protestanten und Katholiken verschleifen sich, denn in den Metropolen flanieren die Gläubigen beider Konfessionen nun Schulter an Schulter.

Gas bringt Licht und Wärme in die Städte, bis 1910 wird fließendes, sauberes Wasser zur Selbstverständlichkeit. Starb im Jahr der Reichsgründung noch jedes vierte Baby im ersten Jahr (bei armen Textilarbeiterinnen, die kurz nach der Geburt wieder schuften mussten, waren es sogar zwei von drei Kindern), so reduziert sich dieser traurige Wert auch dank neuer Hygiene bis 1914 um immerhin ein Drittel.


Die Elektrizität schließlich wird zum Symbol der Städte schlechthin: Das Licht der Lampen flimmert durch die Nacht. (Die größten Stromverbraucher allerdings sind die ebenfalls neu entwickelten Straßenbahnen.)

So wird die Stadt zur Bühne des Alltags, und sie wird das vor allem für das Bürgertum. Denn der Adel, ohnehin bloß eine winzige Schicht, lebt auf Landgütern oder kreist um die knapp zwei Dutzend Fürstenhöfe sowie um die Kasernen und Paradeplätze, wo die Offiziere von Stand dominieren.

Und die Arbeiter brauchen länger, um in der Stadt anzukommen. Sehr viele von ihnen, arm und jung, wechseln oft mehrmals im Jahr die Bleibe und ziehen gar ganz fort, auf der ruhelosen Suche nach dem Glück in der nächsten Stadt, der nächsten Fabrik, dem nächsten Gewerbe. Der Anblick von Familien, die mit Handkarren und Leiterwagen ihre Habe durch die Straßen schleppen, ist fast alltäglich.



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