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Der Polarflieger

Mit seinem Hubschrauber fliegt der Pilot Andrej Gainanow Internatskinder über die Tundra zurück in die elterliche Jurte und Arbeiter zu den Ölbohrtürmen - und er ist der einzige Kontakt für umherziehende Rentierzüchter


Neun Monate lang sind die Polarflieger in Sibirien die einzige Möglichkeit, Distanzen zu überwinden (Foto von: MedienKontor)
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Neun Monate lang sind die Polarflieger in Sibirien die einzige Möglichkeit, Distanzen zu überwinden

Ein Film von Wolfgang Mertin

Sibirien - Land der Einsamkeit und Trennungen. Neun lange Monate hat der Winter das Land im Griff, unterbrochen nur von einem kurzen heißen Sommer. Eis und Schnee und die im Frühjahr aufgeweichte Tundra machen das Vorankommen im Land beschwerlich, oft nahezu unmöglich. Die einzige Chance, Distanzen zu überwinden, sind in dieser Zeit die Polarflieger. Andrej Gainanow ist seit 22 Jahren als Pilot am Polarkreis unterwegs. Nach mehrmonatiger Trennung bringt er beispielsweise Kinder von Rentierzüchtern aus dem Internat zu ihren Eltern oder Erdölarbeiter zu ihren Familien zurück.

Andrej Gainanow ist angespannt. Der Pilot versucht, irgendwo in der unendlichen Eiswüste der sibirischen Tundra Hinweise über den Verbleib einer Rentierherde zu entdecken. Die Orientierung ist schwierig: Flüsse und Wege sind nicht mehr zu erkennen, alles ist eine einzige weiße Fläche. Hinzu kommt, dass die Rentierzüchter fast täglich ihren Standort wechseln. Gelingt es der Besatzung nicht, die Herde innerhalb der nächsten 20 Minuten ausfindig zu machen, müssen sie unverrichteter Dinge wieder umkehren, weil der Treibstoff nicht für den Rückflug reichen würde. Dann endlich hat die Besatzung die Herde ausgemacht. Für die Rentierzüchter ist es auf ihrem Marsch zum Eismeer nach einem Monat die erste Begegnung mit Besuchern. Der Hubschrauber bringt Ersatzteile für ein defektes Funkgerät und Post vom Sohn Mischa aus dem Internat. Dessen Mutter Olga ist zu Tränen gerührt. Hinter der Jurte sieht man am Horizont eine rote Feuerfackel.

Was dort lodernd brennt, ist Erdgas, ein Abfallprodukt der Erdölförderung, das hier sinnlos und umweltschädigend verbrannt wird. Russland liegt inzwischen bei der weltweiten Ölförderung auf Platz Eins. Auch Andrej Gainanow hilft mit seiner MI8 bei der Erschließung des reichsten russischen Erdölfeldes zwischen Polarkreis und Eismeer. Das Ölgeschäft bringt Arbeitsplätze, doch es belastet auch die Umwelt durch Ölverseuchung - speziell in Westsibirien. Lecks in den Pipelines vergiften die Tundra, und immer wieder passiert es, dass Rentiere, die in die Nähe der Bohrtürme geraten, hinterher erkranken. Etwa 60 bis 70 Tiere hat Rentierzüchter Wolodja auf diese Weise in den letzten Jahren verloren.

Obwohl der Job in den alten MI8-Hubschraubern gefährlich und anstrengend ist und nicht gerade fürstlich bezahlt wird, kann Andrej Gainanow sich nichts anderes vorstellen, das ihn derart ausfüllen würde. Helden - so sagt man im Norden Russlands - sind nicht jene, die Orden und Abzeichen tragen, sondern jene, die in der Unwirtlichkeit ohne viele Worte für andere da sind.

"360° - GEO Reportage" begleitet Gainanow an Bord seines alten MI8-Hubschraubers, mit dem er nicht nur die Passagiere befördert, sondern auch deren Emotionen, Träume und Hoffnungen.





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