Das geflügelte Pferd I (Rhia, 15.11.2004) 

Eine Fortsetzungsgeschichte
In diesem Artikel
Die Reise
Die Weise

Die Reise

Warme Luft strömt uns ins Gesicht. Weiße, makellose Flügel schlagen neben meinen Beinen. Landschaften rasen unter uns vorbei, Wolken hüllen uns ein, Sonnenstrahlen wärmen uns. Wir fliegen. Ich weiß nicht, wie das sein kann und es ist mir auch egal. Die Hauptsache ist, dass ich fliege. Ich schließe die Augen.

Die Reise

Es kommt mir vor als wären wir schon Tage geflogen, doch so scheint es nicht zu sein. Der Stand der Sonne hat sich kaum verändert. Doch die Luft riecht anders. Nach Salz und nach Meer.Unter uns glitzert eine azurblaue Wasserfläche. Ich höre Möwen schreien, doch ich kann keine Anzeichen menschlichen Lebens ausmachen. Seltsamerweise stört mich das nicht, im Gegenteil es gefällt mir sogar gut allein zu sein mit anderen, nicht menschlichen, Lebewesen. Ich verliere mich in meinen Gedanken, in Erinnerungen, in Fragen. Wo bin ich? Wie bin ich hierher gekommen? Was habe ich auf dem Rücken eines geflügelten Pferdes verloren?

Bevor ich mir auch nur Gedanken über mögliche Antworten machen kann, höre ich jemanden etwas sagen. Nein, sagen ist falsch. Es ist mehr ein akkustischer Gedanke in meinem Kopf. Vor lauter Verwunderung darüber, habe ich nun nicht verstanden, was dieses sonderbare, geflügelte Wesen- ich bin mir sicher, dass es seine Stimme war, die ich gehört habe- sagen wollte. " Kannst du das noch einmal wiederholen?". Der Wind verschluckt meine Worte. "Natürlich- Ich sagte, wir seien bald da." Die Stimme ist definitiv männlich, aber hell und klar wie ein sonniger Wintermorgen. " Wo sind wir bald?" "Da! Da, wo wir hinwollen." "Und wo wollen wir hin? Und warum? Wo zur Hölle sind wir hier überhaupt?" " Das wirst du schon noch früh genug erfahren." Ich kann sogar hören, dass er lächelt. "Na, da freue ich mich ja schon.", meine ich ironisch. "Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dich jetzt bis wir angekommen sind mit deinen Gedanken alleine lasse? Kommunizieren und fliegen gleichzeitig schwächt nämlich ziemlich." Ich erwiderte nichts, weil ich weiß, dass er keine Antwort erwartet. Wieder schließe ich die Augen.

Wieder verändert sich der Geruch, der in der Luft liegt. Es riecht jetzt würziger. Nach Erde, nach Pflanzen. "Ah du bist wach. Das trifft sich gut, denn da unten liegt es." Ich spüre wie wir uns dem Boden nähern. "Wach? Ich habe doch gar nicht geschlafen. Was liegt dort unten?" Wieso kann er sich auch nicht klar ausdrücken? Aber was erwartet man von einem Pferd...und noch dazu einem geflügeltem... " Na dann hast du halt nicht geschlafen. Dort unten liegt unser Ziel." Irgendetwas in seiner Stimme rät mir, keine Fragen mehr zu stellen. Statt dessen versuche ich einen Ort auszumachen, an dem wir überhaupt landen können. Alles scheint von Bäumen bedeckt zu sein. Noch während ich suchend umherblicke, geht dieses redende, fliegende und wunderschöne Pferd abrupt sehr viel tiefer. Zweige schlagen mir ins Gesicht, Baumstämme fliegen förmlich auf mich zu, ohne es zu wollen schreie ich. "Seit still!", zischt er. Gehorsam mache ich den Mund wieder zu und schließe noch dazu die Augen. Gegen die in mir keimende Panik hilft das aber herzlich wenig. Ich reiße die Augen wieder auf. Die Bäume sind weg. Vor uns eine graublaue, unübersehbare Wasserfläche. Was ist das jetzt schon wieder will ich ihn fragen, doch die Frage bleibt mir im Halse stecken.

Die Weise

Mit weit aufgerissenen Augen starre ich auf das, was da über die Wasserfläche auf uns zu fliegt:

Es ist schwarz.

Es hat riesigere Schwingen als ein kleines Flugzeug.

Es sieht aus wie ein gigantischer Rabe.

Es hat smaragd-grüne Augen und den Kopf eines Falken.

Es ist wunderschön.Es fliegt genau auf uns zu und macht keine Anstalten abzubremsen.Wie erstarrt sitze ich auf dem Rücken eines geflügelten Pferdes und blicke auf ein Wesen, das sich selbst Künstler nicht erträumen können. Und das alles wundert mich überhaupt nicht, ich bin erfüllt von einem seligen Vertrauen, wenn man davon absieht, dass ich fürchterliche Angst habe in den nächsten Sekunden zu sterben.

"Gehst du heute noch einmal von meinem Rücken runter oder hast du vor den Rest deines Lebens da oben zu verbringen?" Ich reagiere nicht. "He. Du bist nicht gerade leicht, weißt du?" "Was..wer..was..da!" Vor lauter Panik kriege ich noch nicht einmal einen vernünftigen Satz heraus. "Ach, das ist nur die Weise. Mach dir um die keine Sorgen, die wird schon noch ihre Flugbahn ändern. Hoffe ich doch." Tatsächlich die Weise fliegt eine scharfe Linkskurve und verschwindet schnell aus meinem Blickfeld. Langsam klettere ich auf den Boden." Na also, geht doch." Ich sehe das Pferd an, während es mich selbst aufmerksam mustert. Sein Fell ist seidig weiß, die Federn seiner Flügel sind allesamt weißer als weiß, es ist groß und muskulös, seine Augen sind von einem tiefen blau. Kurz gesagt: Es ist perfekt und es ist extrem sonderbar. Plötzlich fällt mir etwas ein. " Wie heißt du eigentlich?", frage ich ihn. " Aha. Ich dachte diese Frage würdest du schon früher stellen. Mein Name lautet Ceranos. Und du, hast du auch einen Namen?" Völlig perplex stelle ich fest, dass ich es nicht weiß. Ich weiß meinen Namen nicht. Ceranos sieht mich schräg an, ich glaube er kann meine Gedanken lesen.

Du bist ein nichts, du hast keinen Namen, sagt eine vor Gift triefende Stimme in meinem Kopf. Ceranos schart ungeduldig mit den Hufen. Ein Nichts, keiner kennt dich, keiner liebt dich, keiner wird sich an dich erinnern..., fährt die Stimme fort. Nein! Schreit der Rest meines Bewusstseins... Ein nichts, nichts, nichts, nichts ..., die Stimme singt ein schreckliches Lied... Nein! Nein! Nein! Du hast einen Namen, du kannst dich nur nicht erinnern, das geht vorüber.... schreien andere Stimmen dagegen an. Ich weiß es... ich weiß es, höre ich eine leise Stimme flüstern. Was weißt du?, fragt eine andere, die ich als meine eigene erkenne. Deinen Namen, was denn sonst? , erwidert jene. Ein nichts, ein nichts, ein niiiichts ... die singende Stimme versucht die anderen zu übertönen. Sag ihn! , schreit die meine. " Milvia, mein Name ist Milvia.", ich schreie die Worte fast. " Milvia? Das ist ein seltsamer Name für ein Menschenmädchen.", Ceranos scheint erstaunt zu sein. " Die Menschen nennen mich anders. Aber ich heiße Milvia.", sage ich mit voller Überzeugung. Ceranos schüttelt seine Mähne. " Wir sollten aufbrechen.", meint er. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich sehr müde bin. Und statt Ceranos mit weiteren Fragen zu bombardieren, nicke ich nur.

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