Das geflügelte Pferd II (Rhia, 20.06.2005) 

Plötzlich wird mir bewusst, dass ich sehr müde bin. Und statt Ceranos mit weiteren Fragen zu bombardieren, nicke ich nur. Langsam trotte ich hinter Ceranos her...

Bald schon verliere ich sowohl jegliches Zeitgefühl als auch meinen Orientierungssinn. Wir wandern durch den dämmrigen Wald, die Sonne kann ich nicht sehen. Einen Pfad geschweige denn einen Weg kann ich nicht entdecken. Mal machen wir eine scharfe Linkskurve, dann schlagen wir wieder einen Haken nach rechts... Ich habe das Gefühl wir gehen im Kreis. Doch irgendwie vertraue ich dem geflügelten Pferd, das auf unserem Weg noch kein Wort mit mir gewechselt hat, und verwende meine Energie darauf den Bäumen auszuweichen. Lebewesen scheinen in diesem Wald keine zu sein, jedenfalls keine die ich bemerken würde. Es scheint nur die Bäume und uns hier zu geben, keine Vögel, keine Rehe, noch nicht einmal Mücken kann ich entdecken. Meine Beine denken für mich und gehen einfach weiter, während sich in meinem Kopf eine schläfrige Mattigkeit breitmacht. Ich glaube ich fange sogar an zu träumen.... " Milvia! Dort vorne ist es." Ceranos' angenehme Stimme holt mich in die Gegenwart zurück. " Wo ist was?" Angestrengt starre ich auf die Felswand, die sich vor uns auftürmt. " Ich kann nichts besonderes an diesem Haufen Fels finden. Du willst doch nicht sagen, dass wir den ganzen Weg gemacht haben, nur um hier irgendwelche Steine anzugucken?" Ich kann mir nicht erklären, warum ich auf einmal so unleidlich werde. Ceranos kichert nur, bevor er ein paar Schritte nach vorn macht und sich plötzlich in Luft auslöst. Verwirrt tue ich es ihm nach. Mir fällt gerade noch die seltsam geformte Wurzel auf, die ich versehentlich anstoße, dann reißt es mich von den Füßen und ich werde in eine zähe, schwarze Flüssigkeit gesogen. Nachdem ich kurz verzweifelt versucht habe, mich aus diesem unheimlichem Zeugs zu befreien, verliere ich vor Schwäche das Bewusstsein.

Als ich die Augen wieder öffne, fällt mir als erstes auf, dass ich wieder Luft atmen kann. Danach stürmen die Eindrücke auf mich ein. Ich liege auf weichen Lehmboden, um mich herum sind kahle Felswände- wahrscheinlich bin ich in einer Höhle- , Ceranos liegt keine zwei Meter von mir entfernt am anderen Ende des kleinen Raumes, direkt neben des dunklen Loches, durch das man scheinbar in einen Gang gelangt. Langsam, um nicht direkt wieder umzufallen, stehe ich auf und lehne mich an eine Wand. Auch Ceranos regt sich jetzt, schnell steht er vor mir.

" Ich habe Hunger.", beschwere ich mich bei ihm." Wir müssen nicht mehr weit gehen.", erwidert das Pferd.

" Außerdem habe ich es satt nicht zu wissen, wohin wir gehen, was wir da wollen und warum und vor allem wo ich hier bin.", maule ich und verschränke die Arme.

Ceranos sieht sich ängstlich um. " Ich habe nicht das Recht, dir etwas zu erklären. Hab Geduld."

" Ich werde keinen Schritt weitergehen, wenn du- meinetwegen auch irgendwer anders- mir nicht auf der Stelle meine Fragen beantwortest.", werfe ich ihm entgegen und setze mich auf den Boden. Keine so gute Idee, muss ich feststellen, denn ich habe mich in irgendetwas Nasses gesetzt. Doch dadurch lasse ich mich nicht von meinem Vorsatz abbringen. Ceranos sieht mich nachdenklich an, ich glaube er ist sauer darüber, dass ich meinen eigenen Willen habe. Wieder sieht der Hengst sich in der Höhle um. Die Minuten vergehen... Ceranos sieht nach links, er blickt wieder zurück zu mir, dann sieht er nach rechts.... Geradeaus stierend warte ich. " Na gut, ich werde dir alles sagen, was ich zu deinen Fragen weiß.", meint er schließlich, "wobei auch ich nicht viel mehr weiß als du."

" Schieß los!" sage ich erwartungsvoll, während er sich auf dem Boden niederläßt.

" Also gut, fangen wir mit unserem Ziel an. Wir befinden uns auf dem Weg in die Behausung der Weisen. Das ist dieser schwarze Vogel, den du eben am See gesehen hast. Erinnerst du dich?"

Ich nicke.

" Wir suchen sie auf, weil sie eben die Weise ist und uns sagen wird, was wir als nächstes zu tun haben, außerdem wollte sie dir eigentlich alles erklären.", noch bevor ich mit meiner Frage ansetzen kann, fährt er fort: " Frag mich jetzt bitte nicht, was für ein Wesen sie ist, das weiß ich selbst nicht. Warum du hier bist, weiß ich auch nicht. Man hat mir nur aufgetragen dich zu holen." "Wer ist man?", unterbreche ich ihn." Der Rat der Wesen. Alle Bewohner unserer Welt gehören ihm an. Doch nicht alle sind berechtigt Entscheidungen zu treffen, zu dieser großen Gruppe gehöre auch ich. Leider.", in Gedanken versunken wandte er den Blick von mir ab." Und wo bin ich hier?", frage ich vorsichtig. Ceranos schüttelt seinen Kopf und erwidert: " Du bist hier in der Spiegelwelt, so nennen die meisten unsere Welt. In der Sprache der Alten heißt sie jedoch Ere."

" Und was ist das für eine sonderbare Welt?", frage ich fasziniert.

" Ere ist eine Art Spiegelung der von Menschen erfundenen Welten.", antwortet der weiße Hengst zerstreut.

" Was? Das verstehe ich nicht..." Verwirrt sehe ich in seine klaren, blauen Augen.

" Paz auf, ich erkläre es dir. Es war schon immer eine Eigenart der Menschen Geschichten oder ähnliches zu schreiben oder zu erzählen. In manchen solcher Erzählungen kommen Fantasiewesen und andere Welten vor. Das kennst du, nicht wahr?"

Ich denke an Tolkien und nicke.

" Ere nun ist einfach eine Spiegelung solcher Wesen und Welten. Eine lebendige Spiegelung, wohl gemerkt. Wie das alles sein kann und warum es so ist, da müsstest du schon jemanden anders fragen."

Ich wundere mich darüber, dass die Existenz dieser wunderbaren Welt namens Ere den Menschen noch nicht bekannt ist. Für einen kurzen Moment bin ich mir sicher, dass ich das alles nur träume. Doch die kalte Flüssigkeit, die langsam in meine Kleider zieht, das leise Atmen des geflügelten Pferdes, dieser Geruch nach Fels und Erde der in der Luft liegt, das Flackern der Fackel an der Wand... Es ist alles viel zu real, ich träume nicht. Wieder einmal verliere ich mich in meinen Gedanken... Doch Ceranos scheint etwas dagegen zu haben.

" Steh auf. Wir müssen uns beeilen, die Weise erwartet uns bestimmt schon."

" Steh auf. Wir müssen uns beeilen, die Weise erwartet uns bestimmt schon." In der Hoffnung, dass die Weise mir noch mehr erklären kann, springe ich auf und folge dem Hengst, der bereits durch das Loch in der Wand verschwunden ist. Nachdem wir durch viele enge und dunkle Gänge geeilt sind, stehen wir plötzlich auf einer weiten und grünen Wiese. Über die Wiese kommt das seltsame Vogelwesen auf uns zu geflogen, doch nun ist es viel kleiner als ich es in Erinnerung habe.

Gemächlich nähert es sich uns, die wir unbeweglich zwischen den duftenden Blumen stehen. Dieses Wesen fasziniert mich sehr, es hat irgendetwas an sich, das meinen Blick gefangen hält.

" Sie ist faszinierend, nicht wahr?", meint der weiße Hengst nachdenklich. Ich frage mich ernsthaft, ob er Einblick in die Welt meiner Gedanken hat, während ich nicke. Schließlich landet die Weise vor uns, ohne dabei auch nur ein Geräusch zumachen.

" Sei gegrüßt Menschenmädchen, du natürlich auch Ceranos," die Weise nickt ihm kurz zu, blickt dann aber wieder zu mir. " Als erstes habe ich eine Frage an dich, wie ist dein Name?"

"Milvia. Und wer seit Ihr?", Irgendwie finde ich, dass diese altertümliche Anrede von Nöten ist.

" Man nennt mich die Weise, obwohl ich mich selbst nicht für besonders Weise halte. Aber mein richtiger Name lautet Bewyr. In der Sprache der alten bedeutet das kluger Vogel. Und ob ich wirklich sehr klug bin, kann ich nicht beurteilen. Ich finde das hier ist kein guter Ort zum Reden, lasst uns zu meiner Hütte gehen."

Ceranos schüttelt seine Mähne. Während ich innerlich aufstöhne, mache ich mich widerwillig auf den Weg. Ich habe keine Lust mehr noch weiter zu laufen. Da ich nirgendwo eine Hütte ausmachen kann, vermute ich, dass es ein langer Marsch werden wird. Doch da täusche ich mich. Schon nach wenigen Metern bleiben meine beiden wunderlichen Begleiter stehen. Und tatsächlich zwischen Buschwerk versteckt und dadurch kaum sichtbar, steht eine kleine Holzhütte. Bevor ich eintrete frage ich mich, wie wir drei dahinein passen sollen. Doch ich habe vergessen, dass Ere voller Wunder ist, innen ist die Hütte weitaus geräumiger als es von außen betrachtet scheint.

Ich setze mich auf ein Kissen, das vor einer Feuerstelle liegt, und warte. Bewyr greift mit ihren Klauen nach drei Bechern, bevor sie sie mit erstaunlicher Geschicklichkeit mit einer gold- gelben Flüssigkeit füllt. Durstig wie ich bin beginne ich sofort zu trinken. Erstaunt stelle ich fest, dass die Flüssigkeit unglaublich gut und sättigend schmeckt. Die Weise beginnt zu reden: " Ich weiß, dass du das hier alles verstehen willst, doch auch ich bin nicht befugt dir alles, was du wissen willst, zu sagen." Während sie eine Pause macht, um selbst einen Schluck zu trinken, denke ich frustriert bei mir Na das fängt ja schon einmal gut an.. " Ich kann dir nur sagen, dass es einen guten Grund hat, dass genau du hier bist und dass du und Ceranos einen Auftrag habt. Wenn du ihn erledigst wirst du alles verstehen. Doch nur du allein kannst entscheiden, ob du und helfen willst." Die Weise redet so schnell, dass ich kaum mitkomme. Schon fährt sie wieder fort: " Ich würde vorschlagen, ihr beide ruht euch erst einmal aus und morgen sehen wir weiter." Erstaunt stelle ich fest, dass es draußen bereits dunkel ist. Erschöpft stimme ich Bewyrs Vorschlag zu.

Als ich am nächsten Morgen die Augen öffne, bin ich allein in Bewyrs Hütte. Langsam stehe ich auf und sehe mich um. Sonnenstrahlen scheinen durch die zahlreichen Fenster hinein, das Feuer ist fast herunter gebrannt, halb leer getrunkene Becher stehen herum.. Doch keine Spur von Bewyr oder Ceranos. Mein Blick fällt auf die Tür, sie ist nur angelehnt. Vorsichtig öffne ich sie. Kalte Luft strömt herein und trägt das Aroma der Natur in den Raum. Ich trete hinaus auf eine kleine von Bäumen gesäumte Wiese, an die ich mich seltsamerweise nicht erinnern kann. Gefesselt vom Anblick der vollkommenen Natur sehe ich mich um. Zwischen zwei majestätischen alten Bäumen sehe ich etwas weißes schimmern. Ich gehe darauf zu, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass es Ceranos' Fell war, was ich gesehen habe. Tatsächlich, der Hengst steht mit angewinkelten Flügeln in einem Meer aus smaragd grünem Farn. Er scheint meine Anwesenheit nicht zu bemerken und während Ceranos mit gesenktem Kopf irgendwelche Pflanzen frisst, lasse ich meine Blicke schweifen. Die Farnblätter wippen in dem leichtem frischem Wind, Vögel zwitschern, es riecht würzig nach Leben, kleine Insekten schwirren herum, die Sonne schickt einzelne Strahlen durch das Blätterdach.... Es ist so wunderbar und ruhig hier, dass es fast schon weh tut. Der weiße Hengst hebt auf einmal den Kopf und entdeckt mich. Langsam trottet er auf mich zu und es sieht aus, als würde er mich anlächeln.

" Guten Morgen, Milvia.", sagt er freundlich und wieder einmal wundere ich mich über diese seltsame Art des Kommunizierens, die in einem Kopf stattzufinden scheint. " Guten Morgen, Ceranos. Schön dich zu sehen, ich dachte schon ihr hättet mich alleingelassen.", erwidere ich ein wenig vorwurfsvoll. " Alleingelassen? Wieso sollten wir dich unter größten Mühen aus deiner Welt nach Ere holen, nur um dich dann zurückzulassen?", er lacht, während ein Rotkehlchen auf seinem Rücken landet. Mit einem schiefem Grinsen zucke ich die Schultern. "Wer weiß, was ihr alles mit mir vorhabt.." Ceranos schüttelt seine Mähne und das Rotkehlchen macht sich aufgeregt zwitschernd davon.

" Genau darüber wollte ich mit dir reden. Die Weise hat gestern gesagt, dass ich dir bei der Erfüllung deines Auftrags behilflich sein soll.", seine blauen Augen blicken an mir vor in die Ferne und etwas säuerlich setzt er hinzu " Du solltest wissen, dass ich das vor gestern Abend nicht wusste und dass ich wie du nicht die geringste Ahnung habe, worum es sich bei dieser mysteriösen Aufgabe handelt. Ich wollte dich fragen, ob du überhaupt bereit bist den Anweisungen der Weisen zu folgen." Mir fällt wieder ein, was Bewyr gestern Abend gesagt hat: Doch nur du allein kannst entscheiden, ob du uns helfen willst. Ich versuche abzuwägen, wie ich zu entscheiden habe. Helfen wobei? Hilf niemandem, der es nicht für nötig hält, dir zu sagen, wobei du da gerade mitmachst., sagt eine ziemlich vernünftig klingende Stimme in meinem Kopf. Sieh dich um! Diese Welt ist wunderbar. Wenn du den Wesen hier etwas Gutes tun willst, musst du Bewyr vertrauen., erwidert eine andere. Und wenn es gefährlich ist? , fährt die erste fort. Du bist stark, du wirst es schaffen, außerdem wird Ceranos mitkommen, antwortet die zweite. Was willst du deiner Familie sagen? Willst du wirklich ohne jede Mitteilung an sie einfach in eine andere Welt verschwinden und dort dubiose Aufträge ausführen? Ich sehe sie alle vor mir, meine Eltern, mein Geschwister, meine Großeltern, meine Freunde...Ob sie mein Verschwinden schon bemerkt haben?.. Mir fällt auf, dass ich gar nicht weiß, wie ich aus meiner Welt verschwunden bin. Das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich wie üblich als erste morgens im Bad gestanden habe, dann ist da ein schwarzes Loch und die nächste Erinnerung ist die an den Flug hierher.

Ceranos schart ungeduldig mit den Hufen und ich stelle fest, dass er ja noch auf eine Antwort, die ich noch nicht gefunden habe, wartet. Also frage ich: " Wird man mein Verschwinden in meiner Welt denn nicht bemerken? Meine Familie wird.." Weiter komme ich nicht, denn Ceranos fällt mir ins Wort: " Nein, man wird es nicht bemerken.", sagt er schlicht.

"Aber wie...", verwirrt sehe ich ihn an.

"Keine Ahnung. Der Rat der Wesen hat da so seine Möglichkeiten. Wirst du jetzt versuchen diesen Auftrag zu erfüllen oder nicht?" Ich sehe die Anspannung in seinen Augen.

" Ja. Aber nur wenn du auch mitkommst.", sage ich prompt, ohne dass irgendwelche Stimmen auf mich einreden.

" Das hatte ich befürchtet.", das geflügelte Pferd verdreht die Augen. Erstaunt sehe ich zu, wie er ziemlich menschlich und angestrengt nachdenkend auf der Wiese auf und ab geht. Auf einmal dreht er sich wieder um, sieht mir ins Gesicht und sagt: " Ich werde mitkommen:"

" Das hatte ich befürchtet.", erwidere ich, verdrehe gespielt die Augen und lache.

" Das hatte ich befürchtet.", erwidere ich, verdrehe gespielt die Augen und lache. " He. Du hast ja Humor. Hätte ich von einem Menschenmädchen gar nicht erwartet.", meint Ceranos lachend zu mir. " Ihr habt keine allzu hohe Meinung von uns Menschen hier, habe ich recht?" " Nicht ganz. Es gibt Wesen hier, die euch verehren und lieben. Anderen seit ihr suspekt, mir warst du das übrigens auch, bevor ich dich ein bisschen mehr kenne gelernt habe. Wieder andere hassen euch und das sind leider die meisten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass hier kaum jemand schon einmal einen Menschen getroffen hat.", er seufzte. " Hmm mit den Fantasiewesen in meiner Welt ist es dasselbe. Wenn sie doch nur wüssten, dass es euch wirklich gibt...." "Ich glaube nicht, dass das etwas bringen würde. Lassen wir das, daran können wir sowieso nichts ändern. Lass uns zur Hütte zurückkehren, vielleicht ist die Weise schon von ihrem morgendlichem Rundflug zurück." Nachdem wir die kurze Strecke schweigend zurückgelegt haben, stellen wir fest, dass Bewyr noch nicht bei ihrer Hütte ist. " Und was machen wir jetzt?", frage ich Ceranos in einem etwas jämmerlichem Tonfall. " Dir etwas Essbares suchen. Du hast schließlich noch nichts gegessen, seitdem du in Ere angekommen bist." Erstaunt merke ich erst jetzt, dass ich tatsächlich großen Hunger habe. Ceranos stöbert in Bewyrs Habseligkeiten herum und entdeckt ein Stück weißes Gebäck.

"Hier das sieht aus, als wäre es nicht giftig. Probier mal."

"Meinst du nicht ich sollte Bewyr vorher fragen?"

"Ich übernehme die ganze Verantwortung. Iss es einfach, ich glaube nicht, dass die Weise das sonderlich stört."

Vorsichtig beiße ich ein kleines Stück ab. Das Gebäck schmeckt leicht süßlich und doch würzig, es bröselt und ist doch nicht zu trocken. So etwas habe ich noch nie gegessen und ich nehme mir vor Bewyr nach dem Rezept zu fragen. Diesmal beiße ich ein größeres Stück ab.

" Scheint ja zu schmecken.", meint Ceranos lächelnd.

Ich nicke.

Kurz darauf hören wir draußen ein leises Scharren und die Tür wird aufgestoßen. Majestätisch tritt Bewyr ein. Ihre vollkommen grünen Augen bleiben einen Moment auf mir ruhen, bevor sie sich am Feuer zu schaffen macht.

" Wie ich sehe, habt ihr euch selbst versorgt. Das, was du da gerade isst Milvia, nennt sich übrigens Ambra und das Rezept kann ich dir nicht sagen, weil ich es einem Händler der Elfen abgekauft habe.", sagt der kluge Vogel, während er uns wieder die gold- gelbe Flüssigkeit in die Holzbecher gießt.

Ich weiß nicht, was mich mehr erschreckt, dass Bewyr weiß, was ich denke oder die Tatsache, dass es hier Elfen gibt. Auf jeden Fall verschlucke ich mich vor lauter Schreck an meinem Stück Ambra.

" Elfen?" , stoße ich krächzend hervor.

" Die wirst du noch kennen lernen. Einer ihrer Stämme lebt zur Zeit hier in der Nähe.", Bewyr nimmt einen großen Schluck aus ihrem Becher. Ceranos stößt seinen versehentlich um, während er etwas unverständliches über diese "verdammtem Elfen" murmelt. Ich lasse unterdessen mein Stück Ambra fallen, Elfen hatten mich schon immer unglaublich fasziniert und jetzt soll ich welche treffen. Ich kann es kaum glauben. Die Weise bricht schließlich das Schweigen: " Und hast du dich entschieden? Willst du versuchen uns zu helfen?"

" Ja.", antwortet Ceranos an meiner statt. Ich sehe ihn kurz eindringlich an, bevor ich das Elfen- Gebäck wieder vom Boden, der zum Glück relativ sauber ist, aufhebe und mein Mahl fortsetze. Bewyr sieht kurz verwirrt von mir zu Ceranos und sagt dann: " Nun gut. Ihr werdet also beide gehen?", das Pferd schüttelt seine Mähne und ich nicke, während die Weise ihre Gefasstheit zurückgewinnt " Wie ich bereits erwähnte, ich kann euch nicht viel über eure Aufgabe sagen, denn auch ich bin nicht in alles eingeweiht. Das Ziel eurer Mühen besteht darin unsere beiden Welten vor einem fürchterlichem Übel zu bewahren." Wie könnte es auch anders sein? , ich fühle mich langsam wie in einem typischem Roman. Bewyr fährt fort: " Ihr werdet den letzten noch lebenden Magier der Alten finden müssen, allein er kann euch dabei wirklich helfen. Doch zu erst einmal müsst ihr Siobhan, einen guten Freund von mir, aufsuchen, er wird euch alles Weitere erklären." " Wohnt er weit von hier, dieser Siobhan?", stellt Ceranos die Frage, die mir gerade in den Sinn gekommen ist. " Nicht zu nah und nicht zu fern.", antwortet die Weise träumerisch. " Wenn ihr heute Mittag aufbrecht, müsstet ihr morgen Abend dort sein." " Gehen oder fliegen?", Ceranos sieht mich flehend an. " Gehen. Wird das reichen Bewyr?" Die Weise nickt und der weiße Hengst seufzt erleichtert auf. " Also denn ich werde alles vorbereiten, ruht euch aus. Es wird ein anstrengender Marsch werden.", mit diesen Worten verlässt das schwarze Vogelwesen die Hütte.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als Ceranos und ich endlich aufbrechen. Nachdem Bewyr uns zum hundertsten Mal den Weg erklärt hat und uns- zu meiner Freude- noch mehr Ambra zugesteckt hat, gehen der weiße Hengst und ich los. Langsam verschwindet die Hütte der Weisen hinter uns.

Die Luft

Wir sind noch nicht weit gekommen, da bleibt Ceranos plötzlich stehen und richtet alarmiert die Ohren nach vorne.

" Habe ich es mir doch gedacht, dass sie nicht lange auf sich warten lassen werden. Sie kommen.", murmelt er.

" Wer kommt?"

" Die Feen. Hörst du sie nicht?"

Angestrengt horche in den Wald hinaus. Tatsächlich die Luft ist erfüllt von einem leisem Surren. Jetzt wird es deutlicher. Es ist kein bloßes Surren, es sind singende Stimmen. Der Gesang wird lauter, er klingt wunderschön und schmerzvoll zugleich. Ceranos steht wie erstarrt neben mir und lässt ein leises Schnauben hören.

" Was hast du eigentlich gegen Feen?", frage ich ihn.

" Das wirst du gleich verstehen.", er dreht den Kopf nach links. " Ah. Da sind unsere Freunde ja schon."

Zwischen den Bäumen kommen kleine Wesen auf uns zu geflogen. Sie sehen aus wie kleine Vögel mit einem menschlichem Körper. Ihre Flügel schillern in hellen Grüntönen, ihre Haut ist sehr blass, ihre langen, tiefgrünen Kleider wehen im Flugwind, sie haben allesamt lange braune oder schwarze Haare... Irgendwie hatte ich mir Feen immer anders vorgestellt. Jetzt sind sie direkt vor uns und ich stelle fest, dass sie alle weiblich sind. Mit ihren hohen Stimmen singen sie ein Lied, dessen Text ich nicht verstehe. Der Klang ihrer Stimmen wird von den Bäumen zurückgeworfen, wie verzaubert stehe ich stocksteif auf dem Weg. Ceranos hingegen scharrt ungeduldig mit den Hufen. Auf einmal verändert sich das Lied der Feen, klang es eben noch traurig, schwillt der Klang nun an und der Gesang wird übermütig. Ceranos wirft panisch den Kopf herum, es sieht aus als wolle er weglaufen, doch irgendetwas scheint ihn daran zu hindern. Ich dagegen mache keine Anstalten mich zu bewegen, ich kann es nicht und ich will es nicht. Ewig möchte ich hier stehen und den Gesang der Feen hören. Der Klang schwillt weiter an... Er wird unerträglich. Verzweifelt presse ich meine Hände auf die Ohren und breche zusammen. Nadel prasseln auf mich nieder, dann wird alles um mich herum schwarz.

Als ich die Augen wieder öffne, bin ich in einer leeren Höhle. Überall um mich herum nur weiße Wände, kein Ausgang, kein lebendes Wesen. Das Licht ist seltsam kalt und weiß. Die Luft ist trocken und riecht nach nichts. Völlig entmutigt sinke ich zu Boden und schließe die Augen. Ich bin gefangen. Ich weiß nicht wo ich bin, werde nie mehr in meine Welt zurückkehren können, werde nie wieder meine Freunde sehen, werde niemals mehr die Natur sehen, werde nie mit Ceranos zusammen Siobhan erreichen...Ceranos! Er muss hier irgendwo sein, wir waren zusammen, als ich ohnmächtig geworden bin... Ich öffne die Augen wieder. Immer noch nur weiße Leere. Kein Ceranos. Wieder will ich mutlos die Augen schließen. Doch.. Irgendwo hier muss es einen Ausgang geben, wie sonst soll ich herein gekommen sein? Ich beginne die Wände nach Hohlräumen abzuklopfen. Ohne jeglichen Erfolg gehabt zu haben stelle schließlich fest, dass ich sehr erschöpft bin. Ich setze mich auf den Boden und sehe mich in der Höhle um. Ich weiß nicht wie lange ich schon hier bin, ich weiß nicht welche Stellen der Wände ich schon abgeklopft habe...Ich weiß überhaupt nichts mehr. Doch ich bin auch noch nicht bereit aufzugeben. Ich rappele mich auf und drehe mich einmal um die eigene Achse. Moment mal, was ist das dahinten? Die Wand sieht anders aus an dieser Stelle, irgendwie gräulicher. Langsam gehe ich darauf zu. Es ist eine Tür. Sie ist nur angelehnt. Ohne auch nur einen Gedanken darüber zu verschwenden, warum ich sie noch nicht bemerkt habe, reiße ich sie auf.

Die Dunkelheit, die mich dahinter erwartet, ist vollkommen. Vollkommen schwarz. Ich hebe meine Hand vor meine Augen und kann nicht einmal ihre Umrisse erkennen. Wohin ich auch blicke, die Dunkelheit ist undurchdringlich. Ich drehe mich um, um wieder in den weißen Raum zurückzukehren, doch auch hinter mir ist alles schwarz. Keine Tür, kein Weiß. Ich weiß nicht, was ich tun soll und aus lauter Verzweiflung beginne ich zu laufen. Wohin und warum weiß ich nicht. Ich laufe einfach drauf los. Bald schon werde ich immer schwächer, doch ich laufe weiter. Immer weiter. Irgendwann wird auch in meinem Bewusstsein alles schwarz, doch ich merke es nicht einmal. Ich merke auch nicht wie ich falle und schließlich ohnmächtig werde.

Langsam schlage ich die Augen wieder auf. Ich liege mitten auf einer grünen Wiese voller bunter Blumen. Doch außer mir - und den Pflanzen- scheint es hier kein anderes Lebewesen zu geben. Es ist sowieso irgendwie seltsam hier, es sieht alles so künstlich und geordnet aus. Ich stehe auf und sehe mich um. Nicht weit von meinem jetzigen Standort entfernt kann ich den Rand eines Waldes ausmachen und hat sich da nicht... Tatsächlich irgendein Wesen bewegt sich hinter den Bäumen. Obwohl ich mich immer noch sehr schwach fühle renne ich, ich renne auf den Waldrand zu. Wenig später stehe ich zwischen mächtige Nadelbäumen und vor mir steht ein Wesen, das ich zwar schon einmal gesehen habe, jedoch nicht einordnen kann. " Willkommen in meinem Reich!", sagt es und nickt mit dem braunen Kopf, der mich an einen Adler erinnert. " Wer bist du? Oder besser was bist du?", fragte ich verängstigt. " Ich bin Aeritat , der Greif und Wächter der Luft. Und mit wem habe ich die Ehre?" " Milvia, ich heiße Milvia." Ein Greif! Natürlich! Dass ich da nicht von allein draufgekommen bin ...

Fortsetzung?

Hoffen wir mal, dass Rhia noch mehr Beiträge für uns schreibt!

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