Nachtwanderung (Johanna, 24.08.2005)

Lina und Lena waren unzertrennliche Freundinnen. Sie waren beide sehr unternehmungslustig und ließen sich auf so manches Abenteuer ein.

Als eine Pfadfindergruppe eine Nachtwanderung mit Taschenlampe durch den Kottenforst organisierte, trugen sie sich zusammen in die Anmeldeliste ein, auch wenn dort bisher nur Jungennamen standen.

Doch ein paar Tage vor der Nachtwanderung bekam Lena eine starke Erkältung und konnte deswegen nicht teilnehmen. Lina überlegte noch, ob sie den Ausflug deswegen sein lassen sollte, entschied sich letztendlich aber dagegen, denn schließlich konnte es ja auch ohne Lena lustig werden. Außerdem reizte Lina das geplante Grillen im Wald mit offenem Feuer.

Es machten dann tatsächlich nur Jungen mit, Lina war das einzige Mädchen. Die Jungs ärgerten sie dauernd; sie versuchten Lina mit ihren Taschenlampen zu blenden. Deswegen lief Lina schließlich mit kleinem Abstand hinter den Anderen her. Trotzdem hatte sie ihren Spaß daran, zu sehen wie die Lichter die Bäume vor ihr streiften und tanzende Schatten warfen. Die Jungs ließen sie nun in Ruhe. Lina ließ sich trotzdem noch ein wenig weiter zurückfallen, um die Ruhe im Wald zu genießen.

Auf einmal sah sie auf einem Ast vor sich eine wunderschöne Schleiereule. Lina blieb stehen, um sie zu betrachten. Als sie den Lichtstrahl der Taschenlampe auf den Nachtvogel richtete, um sein schönes Gefieder besser bewundern zu können, flog dieser erschrocken davon.

Mit einem Mal war es ganz still und finster, wenn man einmal von dem dünnen Lichtstrahl von Linas Taschenlampe absah. Wo waren bloß die Anderen?

Lina bekam Angst. Sie rannte los und fuchtelte mit ihrer Taschenlampe herum. Dabei rief sie so laut sie konnte um Hilfe. Doch nichts um sie herum regte sich. Sie hörte keine Schritte, geschweige denn Stimmen. Lina war der Verzweiflung nahe, doch sie rannte weiter.

Plötzlich stolperte sie über eine Wurzel und verlor das Gleichgewicht. Sie konnte sich nicht abstützen, um den Sturz zu verhindern, und prallte mit voller Wucht auf den Waldboden. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und bemerkte dabei, dass ihre Nase mit Blut überströmt war. Außerdem spürte sie ein Brennen in ihrem Gesicht, das nicht aufhören wollte. Sie hatte sich die Haut aufgeschürft. Lina blieb ein paar Minuten lang reglos liegen. Dann wollte sie sich aufrappeln, um weiter nach der Pfadfindergruppe zu suchen, doch die Angst versagte ihr die nötige Kraft und sie knickste immer wieder ein.

Schließlich blieb sie liegen, machte die Taschenlampe wieder an, da sie beim Sturz ausgegangen war, und hoffte, dass die Anderen ihr Fehlen bereits bemerkt hatten und nach ihr suchen würden.

Doch als nach längerer Zeit (vielleicht waren es aber auch nur ein paar Minuten, wer weiß?) noch nichts geschah, verlor Lina endgültig die Hoffnung. Sie fing leise an zu weinen, doch dann fiel ihr ein, dass Lena das ziemlich uncool gefunden hätte. Also riss sie sich zusammen, wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht und versuchte sich irgendwie zu trösten. "Sie werden mich irgendwann schon finden. Und wenn nicht, morgen ist schließlich ein neuer Tag, und da sieht vielleicht alles ganz anders aus. Doch meine Familie wird sich sicher Sorgen um mich machen! Und wer versorgt Mimi, mein kleines Kaninchen?" Lina musste sich bei diesen Gedanken fest auf die Lippen beißen, um nicht schon wieder loszuheulen.

Als sie sich wieder ein wenig gefasst hatte, beschloss sie, bis zum nächsten Morgen zu warten, um dann zu versuchen, beim Tageslicht aus dem Wald herauszukommen. Bei dieser Dunkelheit würde sie es sowieso nicht schaffen. Sie probierte, es sich ein wenig bequemer zu machen auf dem harten Waldboden, und wollte dann schlafen. Aber es gelang ihr nicht und sie blieb weiterhin mit offenen Augen liegen.

Nach einiger Zeit begann das Licht der Taschenlampe zu flackern und ging langsam aus. Nun sah man kaum mehr etwas; trotzdem glaubte Lina eine Bewegung hinter der großen Tanne in der Nähe bemerkt zu haben. "Ist da jemand?", fragte sie mit zitternder Stimme. Alles blieb still. Sie hatte es sich nur eingebildet. Der Wind pfiff durch die Äste und lies sie auf schaurige Weise hin - und herschwanken. Gab es in diesem Wald eigentlich auch Räuber? Oder sogar entlaufene Mörder?

Lina versuchte, diese Gedanken zu vertreiben, indem sie an die Schleiereule dachte, doch das brachte sie nur darauf, dass es in diesem Wald auch noch freilaufende Wildschweine gab.

Äste knackten, Blätter raschelten. Es wurde immer kälter. Lina rollte sich zu einer Kugel zusammen, um sich wenigstens ein bisschen wärmen zu können. Doch ihr war weiterhin ungemütlich.

Plötzlich meinte sie, ein Wispern zu hören, das immer lauter wurde. Rief da jemand ihren Namen? Vorsichtig richtete Lina sich ein wenig auf, um besser zu hören. Dann sprang sie auf und rief so gut sie es nun noch vermochte in den Wald hinein: "Hier bin ich! Kann mich jemand hören? Ich bin hier!" Doch sie bekam keine Antwort. Mist! Wieso war bloß die Batterie ihrer Taschenlampe leer? Mit dem Licht hätte sie wenigstens ein Signal geben oder etwas Ähnliches machen können.

Lina seufzte. Wenn Lena nicht krank geworden wäre, wären sie wenigstens zu zweit oder das Ganze wäre gar nicht erst passiert. Eigentlich hätten sie sich überhaupt nicht zu dieser Veranstaltung anmelden sollen. Wahrscheinlich saßen die Anderen jetzt glücklich am Feuer, grillten, lachten, erzählten sich Geschichten und freuten sich, dass Lina nicht dabei war. Oder hatten sie etwa gar nicht gemerkt, dass sie fehlte? Na ja, es machte im Grunde eigentlich auch keinen Unterschied. Sie würden sie ja sowieso nicht finden.

Plötzlich hörte sie ein Schnaufen, Beine tapsten über den mit Tannennadeln bestreuten Waldboden. "Oh nein, Wildschweine!", dachte Lina. Sie rollte sich noch enger zusammen, blieb reglos liegen und versuchte, so leise wie möglich zu atmen. Das Lebewesen kam näher. Lina versuchte, etwas zu erkennen. Es war eine runde stachelige Kreatur, die viel kleiner war als ein Wildschwein. Bloß ein Igel! Und davor hatte sie so viel Angst gehabt!

Nach einiger Zeit wurde Lina doch schläfrig. Die ganze Aufregung hatte sie sehr erschöpft. Sie schlief ein und träumte, dass sie in einem riesigen Labyrinth umherirren würde. Plötzlich stand Lena vor ihr. "Wenn ich krank bin, sollst du dich nicht woanders ohne mich vergnügen", sagte sie mit einer strengen, für Lena ganz untypischen Stimme. Dann verwandelte sie sich in Linas Mutter. "Das war nicht richtig von dir, dass du ohne Lena in den Wald gegangen bist!", meinte sie. "Als Entschädigung solltest du ihr etwas schenken. Wie wär's mit ? hm ? deinem neuen Fahrrad?"

Lina wachte schweißgebadet auf. Es wurde langsam hell. Sie erhob sich und strich sich die Kleider glatt. Sie sammelte die Taschenlampe ein und schaute sich um. Wie hatte sie gestern nur so eine Angst haben können? Die Vögel zwitscherten und bald schien die Sonne durch die Blätter, und nichts Unheimliches war zu entdecken.

Sie machte sich auf den Weg. Sie musste sich ein paar mal durch die Büsche kämpfen, über Wurzeln springen und Gräben ausweichen.

Sie war noch nicht weit gegangen, als ihr auf einmal alles sehr bekannt vorkam Die Bäume lichteten sich, und rechts war auch die Hütte vom Förster. Sie hatte ganz nahe am Waldrand gelegen, ohne dass sie es gemerkt hatte! Sie hätte sich die schreckliche Nacht ersparen können, wenn sie nur ein paar Meter weiter gegangen wäre! Trotz allem regte sich Lina nicht allzu sehr auf, da sie erst mal froh darüber war zu wissen, wo sie sich überhaupt befand.

Langsam stapfte sie aus dem Wald hinaus und in den Ort hinein. Sie hatte es nicht eilig; ihre Eltern würden zwar erst froh sein, dass sie wieder da war, doch dann würden sie bestimmt mit ihr schimpfen, weil sie durch eigene Schuld zurückgeblieben war.Als sie bei ihrem Haus klingelte, machte ihre Mutter erst nach einer Weile die Tür auf. "Oh, bist du schon zurück? Wir sollten dich doch erst gegen Mittag am Forsthaus abholen." Am Forsthaus abholen? Gegen Mittag? Was sollte das denn? "Mama, wir sollten doch eigentlich schon gestern Nacht zurückkommen!" "Wollte denn die Pfadfindergruppe nicht im Wald übernachten? Das wurde uns doch per SMS gestern Abend mitgeteilt. Aber was ist das denn? Du hast ja ein ganz blutiges und zerkratztes Gesicht!" Da erzählte Lina ihre ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende. Als sie fertig war, nahm ihre Mutter sie in die Arme. "Du warst die ganze Nacht über alleine mitten im Wald? Und wir dachten, du würdest glücklich gegrillte Würstchen mampfen! Wir haben dich total beneidet!"Am Nachmittag besuchte Lina Lena. Auch ihr erzählte Lina ihre Geschichte. Lena hörte aufmerksam zu. Am Ende sagte sie: "Du, Lina, morgen gehen wir zusammen in den Wald, aber tagsüber. Nur wir zwei, und dann sammeln wir schöne Blätter, ja?""OK, ich nehme auch meinen Fotoapparat mit! Aber lässt deine Mutter dich auch? Du bist ja immer noch ein wenig erkältet.""Ach was, ich bin schon fast gesund. Wir könnten außerdem auch noch Kastanien sammeln!"

"Ja, morgen", sagte Lina und lächelte.

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