Areons Vergangenheit (Wolfsreiter, 28.02.2006)

Ryen Prolog: Merizas Erbe

Eines Tages stand sie einfach dort vor seiner Hütte am Rande des Dorfes Argen. Er hatte sie nicht erwartet, hatte nicht erwartet, dass sie je zurückkehren würde. Doch er wusste sofort, dass sie es war; zu oft hatte er sich ihr Gesicht in Erinnerung gerufen, im Geist mit ihr gesprochen und für sie gebetet. Ihre Kleider waren zerlumpt, an den Rändern ausgefranst und der grobe Leinenstoff starrte vor Schmutz. Sie wirkte kraftlos; ihr Blick traf den seinen und er erschrak ein wenig, wie sie ihn da ansah.

Als er sie zum letzten Mal gesehen hatte, war sie noch schön und stolz gewesen - damals, als sie aufbrach, hatte sie ihn angelächelt. Doch nun war ihr Haar nicht mehr seidig und glänzend wie flüssiges Gold; es hing ihr in Strähnen ins Gesicht und wirkte matt, farblos, wie ihre Augen voller Kummer und Verzweiflung. Vielleicht fiel es ihm ja deshalb erst jetzt auf, wo er sie musterte, wo die Erinnerungen an ihre gemeinsame Kindheit auf ihn eindrangen und ihn lähmten. All die Jahre, die sie miteinander verbracht hatten, schienen eine Ewigkeit hinter ihnen zu liegen. In den Armen hielt sie ein Kind, einen Jungen von etwa fünf Jahren. Er presste sich an seine Mutter und grub die Finger in ihren Umhang, als befürchtete er, ihr entrissen zu werden. Ryen konnte sein Gesicht nicht sehen, doch er spürte, dass der Junge Angst hatte; ihm selbst wäre es nicht anders ergangen. "Meriza ?"

Er hatte Mühe, ruhig zu atmen. Seine Schwester war nach neun endlosen Jahren zu ihm zurückgekehrt. Er trat einen Schritt auf Meriza zu, in der Hoffnung, sie in die Arme schließen zu können, so wie sie es mit dem Jungen tat, in der Hoffnung, ihr ein Lächeln oder doch wenigstens Worte zu entlocken. Doch nun wich sie wie ein scheues Tier vor ihm zurück, zog das Kind mit sich und blieb stumm. Er blieb stehen, und nun nahm der Kummer auch von ihm Besitz. Erkannte sie ihn denn nicht wieder? Er versuchte ihr zu sagen, dass er ihr nichts tun wollte, suchte ihren Blick. Es tut mir Leid. Er tat noch einen Schritt und brach damit die abweisende Mauer, die seine Schwester umgab. Meriza stieß einen halb erstickten Schrei aus und ließ den Jungen los, fiel Ryen in die Arme und barg ihren Kopf an seiner Brust. Tränen traten in seine Augen, als er ihr durch die Haare strich und immer wieder murmelte: "Meriza, du bist zurückgekehrt ? meine Schwester ?" Der Junge stand ganz still da, sagte kein Wort und starrte mit traurigem Blick zu ihnen. Endlich löste Ryen sich sanft aus Merizas Griff, küsste sie auf die Stirn und fragte dann sehr leise: "Wer ist der Junge? Wo warst du?" "Ich kann es dir nicht jetzt ? nicht jetzt sagen ?" Sie erschauderte und sah sich kurz um, warf einen flüchtigen Blick zu dem Jungen. Blanke Angst funkelte darin, aber Ryen vermochte nicht zu sagen, weshalb oder wovor.

Er zog sie wieder zu sich und zwang sie mit sanfter Gewalt, ihm in die Augen zu sehen. "Du bist auf der Flucht, Meriza. Vor wem?" Er wusste genau, dass die Orems immer häufiger durch diese Gegenden streiften und plünderten, mordeten und brandschatzten. Aber er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen, was seine Schwester mit all dem zu tun haben könnte. Er schüttelte sie leicht, bereute es jedoch sofort, denn sie zuckte zurück, brach wieder in Tränen aus. Das zärtliche Band, das sie eben noch verbunden hatte, war zerrissen. "Ryen ? bitte versteck mich", stammelte sie, dann brach sie bewusstlos in seinen Armen zusammen. Er schrak zurück und fing sie auf, schluchzte verzweifelt, drückte sie an sich. "Mutter!", schrie der Junge entsetzt, das einzige Wort, dass er an diesem Abend hervorbrachte. Mutter. Ryen wusste nicht, was er tun sollte, ihn beruhigen, ihm sagen, dass er seine Mutter nicht getötet hatte. Doch anstelle all dem flüsterte er nur: "Nein! Komm mit!" Der Junge wich argwöhnisch zurück, starrte ihn hasserfüllt an und knurrte dumpf. "Komm mit!" Diesmal sagte Ryen es schärfer, befehlender als zuvor. Doch er wartete nicht auf die Antwort, sondern hob Meriza behutsam hoch. Sie erschien ihm so leicht, als er sie mit raschen Schritten in die Hütte trug. Und der Junge folgte ihm.

Meriza lag noch immer bewusstlos auf Ryens Bett am prasselnden Feuer; nur ihr Atem verriet, dass sie noch lebte. Der Junge wich nicht von ihrer Seite, kauerte neben ihr und grollte jedes Mal wie ein wildes Tier, wenn Ryen sich ihm näherte. Die Decke, die er ihm gereicht hatte, schlang der Junge wortlos um Merizas Schultern, die sich im Schlaf leicht hoben und senkten. Erst gegen Mitternacht kam sie wieder zu sich. Ryen scheuchte den Jungen auf, doch er kroch nur ein wenig von den beiden weg, dann blieb er stumm sitzen und schlang die Arme um die angezogenen Knie. Noch immer funkelten Zorn, Hass und Panik in seinen Augen, während er dort saß und sich von allem anderen abschirmte wie ein verwundeter Hund, der allein seine Wunden lecken wollte. "Meriza", flüsterte der Ryen und wollte ihr aufhelfen, doch sie sträubte sich gegen seinen Griff. Er zog seine Hand zurück, sah sie an, als wolle er ihr sagen: Verzeih mir. Ich will dir nichts tun. Sie sah zu ihm auf, ein Flehen um Verständnis in ihren Augen, ein Bitten, dass er sie verstand. Es dauerte einige qualvolle Momente, bis sie ein Wort herausbrachte. "Ryen, bitte hör mir zu ?" Sie rieb ihre Stirn zaghaft, schüchtern an seiner Schulter, wie sie es in Kindertagen immer getan hatte, wenn sie ihn um etwas gebeten hatte. Er nahm behutsam ihre Hände in die seinen und sah ihr ins Gesicht, erwartungsvoll, wollte endlich erfahren, was seit ihrer Trennung geschehen war.

Die Flammen der Feuerstelle tanzten flackernd und malten einen sanften Lichtschein auf Merizas Gesicht. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus; ein unterdrücktes Schluchzen zitterte darin, doch ihre Lippen formten zögerlich Worte. "Der Junge - er ist mein Sohn. Sein Name ist Areon." Areon, dachte Ryen. Er strich Meriza sanft über die Stirn, dennoch wandte er, wenn auch ungewollt, den Blick zu dem Jungen. Bisher hatte er ihn kaum angesehen; vielleicht lag es an der düsteren Aura, die einen unbeschreiblichen Hass und Kälte ausstrahlte, an der Angst, die in Areons scharf geschnittenen Zügen lag. Sein Haar beschattete die Augen und war so schwarz wie das Gefieder der Raben, die Ryen früh am Morgen aufscheuchte, wenn er sich auf den Weg ins Dorf machte. Auch die Augen des Jungen waren schwarz und unergründlich, strahlten etwas Magisches, Bannendes aus. Er war klein für sein Alter, mager und wortkarg, verschlossen. Ryen sah ihm an, dass er einen weiten, gefahrvollen Weg hinter sich hatte - oder noch vor sich. Seine Kleidung war ebenso zerlumpt und schmutzig wie Merizas; er lief barfuß und trug eine dunkle, ausgeblichene Hose, ein weites Leinenhemd und im Haar einen Lederriemen, um sich die Strähnen aus dem Gesicht zu halten. Wieder überkam Ryen diese Ahnung, ein namenloses Grauen, das er sich nicht erklären konnte.

 Er spürte sein Herz wild rasen, als er sich wieder zu Meriza drehte. "Liebt er dich?", fragte er unvermittelt. Er wusste selbst nicht, wie er darauf gekommen war, aber diese Art und Weise Areons jagte ihm Angst ein, wie er ihn ansah. Meriza blieb sehr lange stumm. Auf ihren Lippen lag eine Antwort, doch sie sprach sie nicht laut aus, als zögere sie, als wäre sie nicht von ihrer Wahrhaftigkeit überzeugt. "Ja." Ryen sah den Jungen erneut an, spürte dessen stechende und prüfende Blicke. Er hatte nicht versucht, Kontakt mit Areon aufzunehmen; das einzige Mal, das er mit ihm gesprochen hatte, war nun fünf Stunden her. "Areon." Der Junge fletschte die Zähne und grollte, ein Knurren, das tief aus seiner Brust kam, aus dem Hass sprach. Seine Finger krümmten sich zu Klauen, er straffte die Schultern wie zum Sprung, aus den Augen sprühten Funken.

 Er tastete sich mit Knien und Händen weiter zurück und näherte sich der Feuerstelle. "Areon." Diesmal hatte Meriza gesprochen, lockte ihr Kind mit sanfter Stimme, in der dennoch Besorgnis und Angst schwang. Der Junge zögerte, machte einige rasche Schritte vom Feuer weg und kam schließlich langsam auf Meriza zu, lief geduckt. Er wich vor Ryen zurück, doch schließlich kauerte er sich zu seiner Mutter, die ihm durch die Haare strich und leise auf ihn einredete. Areon beruhigte sich rasch, der Hass schwand, und mit einem Mal war wieder die Angst eines sechsjährigen in seinen Bewegungen. Meriza schwieg kurz, dann sah sie mit Tränen in den Augen auf. "Ryen ? nimm bitte Areon zu dir. Ich bin zum Sterben verurteilt."

Als er am nächsten Morgen erwachte, war Meriza verschwunden, das Bett leer. Areon jedoch lag, tief schlafend, an der Feuerstelle, wo die Glut vor sich hin schwelte. Ryen weckte ihn nicht; er lief hinaus und rief nach seiner Schwester, flehte die Götter an, sie zu ihm zurückzubringen, weinte verzweifelt, als er begriff, dass alles zu spät war. Sie war fort, würde vielleicht nie wieder zu ihm zurückkehren. Verbittert drehte er sich um und ballte die Hände zu Fäusten, sodass ihm die Nägel ins Fleisch schnitten. "Verflucht sei der Tag, an dem du von hier fortzogst!", schrie er, warf den Kopf in den Nacken und starrte zum Himmel auf. "Was hast du mir gelassen? Deinen verdammten Jungen, der einen Hass gegen mich hegt? Du hast mir alles genommen!" Areon schreckte hoch, als Ryen eintrat und vor Kummer und Zorn bebend die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ. "Sie ist fort", brachte er hervor. "Deine Mutter ist fort." Areon sah ihn an. "Ich habe keine Mutter", sagte er. Er sagte es sehr leise, doch es klang so verwundert und wahrheitsgemäß, das es Ryen einen Schlag versetzte. Langsam drehte er sich um und starrte den Jungen an, der den Blick starr erwiderte. "Meriza ist deine Mutter!", schrie er beinahe, aber Areon schien sich nicht daran zu erinnern. Ryen wirbelte herum und rannte entsetzt hinaus, fort von diesem Kind mit den ernsten Augen. Aber sooft er Meriza später noch erwähnte, der Junge kannte sie scheinbar nicht mehr. Was Ryen nicht wusste, war, dass ihre Magie, von der niemand jemals erfahren hatte, gewirkt hatte.

Vier Jahre waren seit Merizas Verschwinden vergangen; Areon war nun neun Jahre alt, doch inzwischen nicht mehr so feindselig. Bald sprach er mit Ryen wie wohl einst mit seiner Mutter, erlernte von ihm das Fährtenlesen, Jagen und Reiten. Ryen fiel immer wieder auf, wie sehr der Junge sich zum Feuer hingezogen fühlte. Er kauerte daneben, starrte fasziniert in die tanzenden Flammen, genoss ihre Wärme. Oft war er stundenlang fort, kehrte erst gegen Mitternacht zurück und war jedesmal voller Schrammen und Kratzer, als habe er sich durch den Wald geschlagen. Ryen hatte von Anfang an geahnt, dass dieser Junge nicht normal war - manchmal war er ihm wirklich unheimlich. In all den Jahren, die Areon in Argen lebte, passierten immer wieder unerklärliche Dinge, die alle im Zeichen des Feuers standen. Einmal hatte er sich mit zwei anderen Knaben im Dorf angelegt; der eine trug leichte Verbrennungen im Gesicht und an den Fingern davon, obwohl kein Feuer oder sonst etwas in der Nähe gewesen war. Sein Freund behauptete, dass Areon Flammen auf sie gehetz habe, doch niemand fand einen Beweis dafür. Dann brannte eine Scheune lichterloh, fackelte bis auf die Grundmauern ab. Man gab Areon die Schuld, und Tarmin der Bauer blieb dabei, dass er ihn gesehen habe, kurz bevor das Feuer ausgebrochen war. Wenn Ryen den Jungen darauf ansprach, zog er sich zurück, schwieg, bis er aufgab und das Thema wechselte. So erfuhr Ryen fünf weitere Jahre nie von Areons Gabe - bis Nhacren in Argen auftauchte.

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