Das Antlitz der Erde

Wie verfilmt man einen Bildband? Renaud Delorme macht es vor - mit dem Klassiker "Die Erde von oben" von Yann Arthus-Bertrand

Ein Buch: Man nimmt es zur Hand, man betrachtet den Einband, man schlägt es auf. Man betrachtet die Bilder. Es sind Fotos. Sie sind schön; sie wirken etwas fremd, es sind Formen und Farben wie auf der Palette eines verrückten Malers. Es sind Bilder unserer Erde. Aufgenommen aus dem Flugzeug oder Helikopter.

Zum ersten Mal sah der junge französische Regisseur Renaud Delourme die Luftaufnahmen von Yann Artus-Bertrand in einer Ausstellung am Jardin de Luxembourg in Paris. Die Fotos ließen ihn nicht mehr los, er kam immer wieder. Bis er beschloss, die Fotos zum Sprechen zu bringen. Zu gewaltig, geheimnisvoll, rätselhaft erschienen sie ihm, als dass er es bei einer - wenn auch eindrucksvollen - Diashow mit Bildunterschriften belassen wollte.

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Herz von Voh, Neukaledonien, Frankreich

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Insel des Nord-Male Atolls, Malediven

Delourme erzählt mit den Bildern eine Geschichte. In Anlehnung an die Genesis des Alten Testaments unterteilt er seine Erzählung in sieben Kapitel. Am Anfang, bevor das erste Bild gezeigt wird, ist das Nichts. Das Dunkle. Dann: Klang, wie von Ferne, Musik. Eine Frauenstimme singt eine ätherische Melodie. Dann taucht aus dem Dunkel ein Bild auf: Grün. Ist es Laub? Umrisse von Bäumen werden erkennbar. Die Kamera fährt langsam über die Baumlandschaft hinweg, steigt auf, und jetzt, aus dieser Höhe, wird eine weiterer Form sichtbar: Es ist ein Herz. In den Mangroven von Voh in Neukaledonien entdeckte Artus-Bertrand dieses Motiv. Das ist kein Land-Art-Kitsch, sondern eine philosophische Botschaft. Die Natur verwandelt sich unaufhörlich; in wenigen Jahrzehnten wird diese Form verschwunden sein. Doch das Symbol bleibt: Am Anfang war die Liebe.

In 170 Bildern pro Stunde führt uns Delourme durch die Geschichte der Welt, der Menschheit, der Kultur. Sein Ansatz ist dabei nicht enzyklopädisch, sondern assoziativ. Bild, Bilddramaturgie, Ton und Text verbinden sich im Film zu einem poetischen Ganzen.

Den Bilderreigen begleitet die Musik des Komponisten Armand Armar, der sich von den verschiedensten musikalischen Traditionen inspirieren ließ. Geräusche, Klänge elementarer Gewalten, Gewitter, Tierrufe den Bildern hauchen den Bildern zusätzliches Leben ein. Ebenso wie ein Dialog zwischen Vater und Sohn, den der Regisseur aus dem "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry und aus Texten des Philosophen Edgar Morin zusammenstellte. "Warum?", "Wo sind wir?", "Wohin gehen wir?", fragt das Kind.

Währenddessen taucht die Kamera in die Bilder ein, erforscht sie in langsamen Fahrten. Sanfte Überblendungen von Bild zu Bild wechseln mit harten Schnitten.

Auch am Ende der Reise steht die Liebe. Aber das Geliebte, die Natur, die Erde mit all ihren Erscheinungsformen, ist in Gefahr. Rücksichtslosigkeit, Habgier und Verantwortungslosigkeit drohen, so das Schlussplädoyer des Films, das Leben auf der Erde zu zerstören: Ein Appell an die Menschheit, sich um die Erde zu sorgen, wie der Kleine Prinz im Märchen sich um seine Blume sorgt.

Wer nach dem Film das Kino verlässt, wird die Welt mit anderen Augen sehen.

Die Erde von oben - Ein kostbares Geschenk, ein Film von Renaud Delourme nach dem fotografischen Werk von Yann Arthus-Bertrand, Frankreich 2004, Länge: 67 Minuten, Kinostart ist am 14. September

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Kamelkarawanne

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