Rosenfriedhof (RoseHeart22, 26.07.2006)

Rosenfriedhof

Ich sah das Tor und wusste schon, dass es hier anders war. Es war geschmückt mit Rosen, doch diese waren aus Eisen, kalt und hart. Die Blätter gaben nicht nach, doch die Dornen stachen trotzdem. Rot, dunkelrot wie Rosen, rann das Blut den Finger, die Hand, hinunter.

Ich wusste, dass ich hier nicht hineingehen wollte, doch du sagtest, das ist doch kein Problem, und öffnetest das Tor. Unternehmungslustig schrittst du hinein, ich wusste nicht, wohin. Ich wollte dich zurückhalten, weil es mir nicht geheuer war, doch du hörtest nicht auf mich. Schnell liefst du weiter, und es blieb mir nichts übrig, als dir zu folgen.

Ich hatte schon eine Vermutung. Die Vermutung, dass hier ein Friedhof war. Ein Friedhof, das schon, aber ein besonderer.

Grabsteine gab es nicht, nur abgetrennte kleine Gebiete, anscheinend die Gräber. Es machte mich misstrauisch, aber du kümmertest dich nicht sonderlich darum.

Kanntest du dich hier aus? Oder warum schrittst du so fordernd voran? Lass uns ein Grab ausheben, sagtest du, und nun zweifelte ich endgültig an dir und deinem Verstand.

Tu das nicht, flüsterte ich, wagte es aber nicht, dich zu hindern.

Dein Vorhaben machte mir Angst, ich wollte nicht bald als Friedhofsschänderin der Stadt gelten.

Warte hier auf mich, murmeltest du, ich gab keine Antwort, ließ dich verschwinden im Dunkeln. Noch einen letzten Blick warfst du mir zu, deine Augen das letztend leuchtende in der Nacht.

Still wartete ich auf dich, es wurde kalt, ich kuschelte mich stärker in meine Jacke, trotzdem schlich Kälte durch den Stoff an meine Haut. Bald warst du wieder da, einen Spaten in der Hand. Wieder hinderte ich dich nicht an deinem Vorhaben. Du stachst tief in die Erde ein, hobst den braunen Boden hoch. Ich schaute dich verwundert an, und bald zierte ein dunkel Schmutzstreifen deine Stirn.

Nach langer Zeit, als du gegraben und gegraben hattest und ich stillschweigend daneben stand, warst du auf etwas gestoßen, holtest es heraus. Es war ein Karton, nicht besonders groß, und bald hatte ich die böse Vermutung, dass es ein Schuhkarton war. Nein! Schrill hellte meine Stimme auf. Nicht aufmachen!

Doch den Deckel hattest du schon in der Hand. Schnell wandte ich das Gesicht ab, ich wollte nicht wissen, was sich unter der Abdeckung verbarg. Schau ruhig hin, ertönte deine Stimme warm, es ist nicht schlimm. Zaghaft warf ich einen Blick in die Kiste. Doch der Inhalt überraschte mich, viele kleine Blätter waren dort innen. Sie waren bereits verwelkt, schon lange zogen sich nicht mehr feine Adern durch die Blätter, sie lebten nicht mehr.

Ich nahm sie in die Hand, beim genaueren Betrachten erkannte ich sie als Rosenblätter, fein säuberlich von der Blüte abgezupft.

Das Rot der Blume war dunkel, so wie Blütenblätter meistens dunkler wurden, wenn sie verwelkten. Die Farbe war früher bestimmt heller gewesen, doch trotzdem kräftig. Auf einmal nahmst du mir grob das Blatt aus der Hand, nahmst es zwischen die Finger, riebst es, in kleinen roten Flocken fiel es auf den Boden, blieb als Punkte dort liegen. Warum tust du das? Entsetzt blickte ich dich an. Warum? Ich glaubte, Grausamkeit, doch seltsamerweise auch Reue in deinem Gesichtsausdruck zu erkennen. Du gabst keine Antwort auf meine Frage, dann ignorierte ich dein Verhalten.

Vorsichtig legte ich die übrigen Blätter zurück, auch den Deckel, zuletzt gruben wir das Kästchen wieder ein. Und am Ende nahm ich dir den Spaten aus der Hand, legte noch einen Haufen Erde auf das Grab, dann war unser Werk vollbracht, man konnte nicht mehr sehen, dass das Grab ausgehoben wurde. Was ist in den anderen Gräbern?, fragte ich. Auch Rosen, antwortetest du.

Noch mehr? Überall? Du nicktest, und ich war überrascht.

Wer hatte solche Einblicke? Wer kam auf die Idee einen Rosenfriedhof anzulegen? Warum gibt es den Friedhof?, fragte ich. Du überlegtest, dann hattest du eine Antwort. Damit wir auch Dinge würdigen, die für und vielleicht unwichtig oder alltäglich sind. Nachdenklich über dachte ich deine Aussage. So kannte ich dich gar nicht. Hand in Hand liefen wir zurück zum Tor, obwohl es dunkel war, man kaum etwas sehen konnte. Am Tor angekommen, sah ich etwas rostiges auf der Straße. Es war eine Rose, eine von denen, die als Verzierung am Gitter dienten.

Ich hob sie auf, steckte sie in meine Hosentasche. Hart stachen die Dornen in mein Bein, doch es tat nicht weh.

Woher weißt du vom Rosenfriedhof?, fragte ich. Aus einem Traum, erwidertest du, ich habe es geträumt. Schon wollte ich die Stirn runzeln, doch wir waren bereits durch das Tor getreten, dort trennten sich unsere Wege.

Es war eine schöne Erfahrung, meinte ich, danke dafür. Du flüstertest noch einen Abschiedsgruß, verschwandest um die Ecke. Verschlafen rieb ich mir die Augen. Was war passiert? War alles nur ein Traum? Als ich aufstand, bemerkte ich es. Anscheinend war ich in den Kleidern vom Vortag eingeschlafen. Verwundert blickte ich an mir herunter, schlich ins Bad, schaute in den Spiegel.

Plötzlich fühlte ich etwas in meiner Hosentasche. Zaghaft griff ich hinein, fühlte etwas schroffes, rostiges, tat mir daran weh und es blutete, genau wie im Traum. Erstaunt holte ich den Gegenstand heraus. Zwinkernd, blinzelnd, sah, fühlte und bemerkte ich eine eiserne Rose vor meinen Augen.

Ich befühlte sie noch einmal genau, glaubte an eine Täuschung und kniff mich, um mich aus dem Traum zu erwecken. Doch ich blieb und war wach.

Die Rose gab es wirklich.

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