Wie fühlt man sich eigentlich als... ...Forscher unter einer Lawine?

Martin Engler (42), Bergführer, Buchautor und Heilpraktiker, untersucht seit über 20 Jahren Schneelawinen - auch im Selbstversuch

Wie sind Sie zum Lawinenforscher geworden?Ich war schon als Kind von Lawinen fasziniert. Mit elf, zwölf Jahren habe ich angefangen, an Hängen kleine Schneerutsche auszulösen, als Jugendlicher durften es dann auch mal richtig große Lawinen sein. Jugendsünden...

Was hat Sie daran so gefesselt?

Vor allem die Urgewalt eines solchen Naturschauspiels: Man fühlt sich plötzlich sehr klein und zugleich sehr lebendig, wenn man mit so einer Naturgewalt konfrontiert ist. Hinzu kam eine Art Triumphgefühl: Ich konnte mit einem Schneeball oder einem Stein riesige Schneemassen mit gigantischen Staubwolken entfesseln.

Und das ging immer gut?Ich habe so etwas natürlich nur an absolut menschenleeren Hängen gemacht und aus sicherer Entfernung zugeschaut. Später habe ich mich dann systematisch mit Lawinen beschäftigt.

Sie haben sich in selbst ausgelöste Lawinen begeben, um zu testen, wie man sich am besten verhält...

...aus heutiger Sicht ein völlig unverantwortlicher Leichtsinn. Unser Team hatte zwar sehr sorgfältig einen Hang ausgesucht, an dem es zu keinen großen Verschüttungstiefen kommen konnte, und zunächst verlief auch alles wie geplant. Doch als wir nach dem Lawinenabgang den Hang untersuchten, haben wir dadurch unbeabsichtigt eine zweite Lawine ausgelöst, die mir fast zum Verhängnis geworden wäre. Ich bin wohl der einzige Mensch, der innerhalb von einer Viertelstunde am selben Hang zweimal in eine Lawine geraten ist.

Wie ist das Gefühl, von einer Lawine erfasst zu werden?

Es ist das Gefühl von absoluter Machtlosigkeit: Der ganze Hang ist in Bewegung, man sieht nichts vor lauter Staub, man überschlägt sich mehrere Male. Alles geht sehr schnell und überraschenderweise sehr leise vor sich.

Wie überlebt man so eine Situation?

Es gibt einige Grundregeln, mit denen man seine Überlebenschancen steigern kann: Man darf sich nie gegen die Lawine bewegen, sondern muss immer mit ihr treiben - im Idealfall rudert man mit den Armen auf der Oberfläche...

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Von einer Lawine mitgerissen und unter den Schneemassen begraben werden - ein Schreckensszenario für jeden Skifahrer

Man surft auf der Lawine? Dieses Wort will ich eigentlich vermeiden, denn es suggeriert eine falsche Sicherheit oder eine Art von Spaß oder Kick. Aber im Prinzip stimmt der Vergleich: Wenn man als Snowboarder mit hoher Geschwindigkeit parallel zur Fließrichtung in eine Lawine rast, kann ein ähnlicher Effekt wie beim Surfen zustande kommen. Lawinen fließen an der Oberfläche wesentlich schneller als in den tieferen Schichten. Wer auf Skiern in eine Lawine gerät, sollte daher versuchen, die Spitzen zur Fließrichtung auszurichten, unter allen Umständen über der Oberfläche zu halten und die hinteren Enden nach unten zu drücken - so erhält man eine Art Auftrieb. Wir haben diese Experimente und Erkenntnisse allerdings nie publiziert, weil wir Angst hatten, dass man uns falsch versteht und die immense Gefahr verharmlost wird.

Haben Sie heute noch Angst vor Lawinen? Ich stelle immer wieder fest, dass ich im Gelände mehr Angst vor Lawinen habe als jeder andere. Ich hab's halt hautnah erlebt und weiß, dass sich eine bezaubernde, friedliche Winterlandschaft blitzartig verwandeln kann - auch an Hängen, die für Laien völlig harmlos aussehen.

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