Zug in die Freiheit (Wolfsreiter 01.06.2007)

Er lehnt mit dem Rücken an der kalten, harten Mauer und hat die Augen halb geschlossen. Weder der eisige Wind, der an seiner Jacke zerrt und sein Haar flattern lässt, noch die klamme Feuchtigkeit in der Luft scheinen ihn zu stören. Es ist eine dieser dunklen, kalten Herbstnächte, in der andere Menschen behaglich in ihren warmen Betten liegen, und dem Heulen des Windes draußen lauschen. Sie hören dann, wie er an den Fensterläden rüttelt und die Äste peitscht, Glasscheiben klirren lässt und das Wasser der Flüsse aufwühlt.

Er jedoch scheint den monotonen Klagegesang nicht wahrzunehmen, steht einfach reglos da.

Sein Alter sieht man ihm nicht an, doch er muss noch jung sein, sechzehn vielleicht. Mit sechzehn Jahren schon auf der Straße. Wahrscheinlich ein Schläger, ein Säufer und Dieb, mutmaßen die Leute, die ihm begegnen. So jung und recht hübsch, aber eben nur einer dieser Kerle von der Straße. Die Gegend, in der er sich befindet, ist verwahrlost und heruntergekommen, die Vorgärten der schäbigen Häuser verwildert. Hier und dort sieht er räudige herumstreunende Katzen, die ihn mit bernsteinfarbenen Augen misstrauisch ansehen und dann hinter der nächsten Ecke verschwinden.

Entlang der Bahnstrecke, auf deren verrosteten Gleisen ausrangierte, mit sinnlosen Kritzeleien beschmierte Güterwaggons stehen, ist um diese Zeit kein Mensch unterwegs. Am anderen Ende des Weges brennt eine Straßenlaterne. Auf zwei Gleisen fahren noch Güter- und Passagierzüge, aber in dieser Nacht ist bislang keiner vorbeigekommen. In diesem Moment schiebt sich der Mond hinter den Wolkenfassaden hervor und ein silbriges Licht durchflutet die Dunkelheit, dringt durch die wilden Hecken und das Blätterdach der Eichen, malt Schatten auf das Gesicht und den Körper des Jungen.

In dieser Nacht. Er hat sich entschlossen. In dieser Nacht werden sie beide fliehen, wohin, weiß er nicht, einfach nur fort aus der Stadt, aus dem Land, in ein besseres Leben.

Er öffnet die Augen, löst sich von der Mauer und dreht sich zu dem Mädchen um, das sich zwischen den alten Kartons zusammengerollt und die Arme um die angezogenen Knie geschlungen hat. Sie schläft. Schmutzige Strähnen des langen mitternachtsschwarzen Haares verdecken ihr bleiches Gesicht.

Ein Lächeln zuckt über seine Lippen, als er sich neben sie kniet und ihr zärtlich das Haar aus der Stirn streicht. Seine Finger gleiten behutsam über ihre kühlen Wangen, dann beugt er sich zu ihr hinab und küsst sie auf die Stirn. Sie, das Mädchen mit den zerlumpten, abgetragenen Kleidern und dem erschöpften Ausdruck in den schönen schwarzen Augen, den der Schlaf verbirgt. Sie hat bleiche Haut und lange, schlanke Finger.

Er wird sie mitnehmen. Mitnehmen dorthin, wo sie sich nicht zwischen leeren Containern, Brombeersträuchern und Kartons verkriechen müssen, nicht in Hauseingängen und Gassen, in denen sich der Abfall türmt, schlafen werden. Dann sind die Zeiten vorbei, in denen sie frierend aneinandergeschmiegt warten, bis der Morgen anbricht, und sich dann auf die Suche nach etwas zu essen machen, stets auf der Hut, nicht an Straßenbanden oder Polizisten zu geraten.

Er richtet sich wieder auf und beginnt, mit der Spitze seines Turnschuhs Buchstaben in den Schmutz auf dem Asphalt zu kratzen. Zuerst ein M, dann ein A und ein R. Ein anschwellendes Rauschen in der Ferne lässt den Jungen aufblicken, bevor er das Wort beenden kann. Sein Blick schweift umher, doch es ist zu dunkel, um etwas zu erkennen, denn selbst der Mond hat sich wieder in Fetzen düsterer Wolken gehüllt. Randalierer haben die Glühbirnen der wenigen Lampen mit Steinen zerschossen und die Scherben liegen über die Gleise und den Asphalt verteilt.

Das Zeitgefühl hat der Junge schon längst verloren. Er weiß, wann es Morgen ist, wann Mittag und wann Abend, das genügt ihm zum Überleben. Rasch geht er neben der schlafenden Gestalt in die Hocke und legt ihr die Hand auf die Schulter, dreht sie behutsam auf den Rücken und flüstert den Namen des Mädchens. „Maria. Maria!“ Langsam schlägt sie die Augen auf, und ein leiser Seufzer dringt über ihre Lippen. Noch halb im Schlaf gefangen richtet sie sich mit verunsicherten, steifen Bewegungen auf dem harten Boden auf und sieht sich verwirrt um. Der schäbige, schwere Mantel, in den gehüllt sie eingeschlafen ist, gleitet von ihren schmalen Schultern über ihren Rücken zu Boden. „Maria. Der Zug kommt.“ Er hebt sie auf die Beine und zieht sie in eine Umarmung, schlingt ihr den Mantel, den er aufgehoben hat, wieder um den Körper und küsst sie auf die Lippen. Er zittert, und es liegt diesmal nicht an der Kälte der Nacht.

So verharrend starren die beiden gebannt auf den Lichtschein in der Ferne, der mit jedem Herzschlag näher kommt. Ein dumpfes, gleichmäßiges Rattern und Ächzen von Metall kündigt den einfahrenden Zug an. Als er auf sie zuhält, birgt das Mädchen ihr Gesicht an der Brust des Jungen. Er bleibt reglos stehen. Das Licht zieht vorbei, ein Windstoß fährt ihnen durchs Haar, nach Benzin, gammligem Laub und dem Dreckwasser eines Flusses stinkend.

Zischend rollt Güterwaggon um Güterwaggon vorbei, Container um Container, bis ein Quietschen und dann ein schrilles Pfeifen ertönt und der Zug zum Stehen kommt. Nur wenige Augenblicke Zeit.

Er küsst sie noch einmal liebevoll, löst sich behutsam von ihr und greift nach der alten Sporttasche, die neben den Kartons steht. Sie ist nicht schwer, denn was sie haben außer ihrer Liebe zueinander, wiegt nicht viel. Der eisige Wind brennt in ihren Lungen und zerzaust ihnen das Haar, als sie sich auf den Weg machen. Ein rostiger Zaun versperrt den Zugang auf die Gleise, doch sie haben gelernt, Hindernisse zu überklettern und zu umgehen. Der Schotter, zwischen dem Unkraut sprießt, knirscht leise unter ihren Füßen.

Der nächste Waggon taucht vor ihnen aus der Nacht auf. Er ist groß und ebenso rostig wie der Zaun, und die Aufschriften in einer fremden Sprache erzählen von fernen Ländern. Ein Griff ragt an der rechten Seite aus dem verbeulten Metall, der die Tür bewegen lässt, doch sie ist zusätzlich mit einem Schloss verhängt. Das Mädchen hebt einen faustgroßen Stein vom Boden auf, und nach zwei Schlägen springt das Schloss auf und fällt auf die Gleise. Der Junge schiebt die Tür auf, wirft die Tasche in den Container, hilft dem Mädchen hinein und sieht sich noch einmal kurz um. Der Mond beleuchtet die heruntergekommenen Häuser, die Wege, geparkte Autos und leere Einkaufswagen, von denen niemand weiß, woher sie kommen. Die Kartons, die schmutzigen Fenster.

Ein Zischen, die Räder der Lokomotive beginnen sich zu drehen. Ein Warnpfiff gellt über den stillen Platz. Noch ist Zeit, sich anders zu entscheiden. Noch können sie beide abspringen und zurückkehren in die schmutzigen Gassen, weiter ihr Bettlerdasein fristen und von einem besseren Leben und warmen Feuern träumen. Doch keiner von ihnen spricht den Gedanken aus, auch wenn sie ihn in diesem Augenblick teilen. Ein Ruck geht durch die Waggons, die Räder quietschen grell, und der Zug setzt sich schwankend und rumpelnd in Bewegung. Wird schneller und schneller, bis schließlich die letzten Waggons den Bahnsteig passieren.

Lichter fliegen vorbei. Der Junge greift nach der Tür, schiebt sie bis auf einen Spalt zu und lässt sich auf seine Jacke sinken, die er auf dem kühlen Boden ausgebreitet hat. Er tastet nach der Hand des Mädchens, findet sie und zieht sie zu sich. Eng aneinander geschmiegt sehen sie zu, wie in dem schmalen Streifen Nacht die Stadt sich in der Dunkelheit verliert. Das gigantische Lichtermeer, das sie bei Einbruch der Dunkelheit in allen nur erdenklichen Farben entfacht, die Neonleuchten, grellbunten Schriftzüge und blinkenden Ampeln, sie alle verschwimmen zu grellen Schlieren. „Es wird alles gut“, flüstert er heiser. Ihm fällt nichts anderes ein, was er sagen könnte. Er spürt ihre warmen Lippen auf seiner Wange, als sie flüstert: „Ja.“

Der Zug fährt weiter, hinaus in die Dunkelheit, trägt unwissend die beiden Flüchtlinge, die im Laufe der Nacht in einer wärmenden Umarmung eingeschlafen sind. Fort in ein neues Leben. Fort.

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